Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 728 Rr. 41 Dr. Zölocb's MocbenscbriN. oder sie finden sich wohl gar in einem anderen Evangelium, welches das betreffende Redestück getreuer tradiert, und müssen deshalb von dort herbeigeholt werden. Daß Müllers Aufdeckung der Strophen- und Responsentheorie von der größten Wichtigkeit ist. springt in die Augen. Zunächst tritt durch sie der große Zusammenhang zutage, der von den ältesten Zeiten bis Muhammed bezüglich der Form der religiösen Reden und Dichtungen besteht. Im Kilgamesch- Epos, in den Propheten, im Hiob und Sirach, in den, Evangelien und im Koran begegnen wir überall derselben Erscheinung. Sodann gewinnen wir durch sie einen Einblick in die Denkweise der Alten. Wir lernen gewissermaßen ihre Denkwege kennen. Die blitzartigen Uebergänge der Rede kommen durch die Parallelen und Gegensätze zu eindringlicher Wirkung. Endlich, und das ist für uns das bedeutendste, gewinnen wir durch sie einen wirklich realen Maßstab für die Textkritik. Müller hat schon nach dieser Seite in seiner Schrift viel geleistet, es wird sich aber noch manches leisten lassen. Man muß in den Geist der Strophen- und Respousentheorie eingedru«yen sein, um sich von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Ueber die Authentizität der Bergrede spricht sich Müller am Schluffe seiner Untersuchung dahin aus. daß dieselbe ebenso wie die Rede gegen die Pharisäer bei Lukas in der vorliegenden Form von Jesus herrühren kann, .Mas nicht ausschließt, daß die eine oder die andere Strophe bei der Ueberlieferung abgeändert oder hinzugefügt worden ist. Will man aber durchaus die Evangelisten als Umarbeitungen ansehen, so läßt sich auch dagegen nichts Entscheidendes einwcnden." Wir von unserem Standpunkte stimmen der letzten Aeußerung zu. Wir halten beide Reden für schriftstellerische Kompositionen, denen aber wirklich von Jesu gehaltene Reden und Aussprüche zugrundeliegen. Sicher würde die Müllersche Theorie in den Evangelien, soweit es sich um Aussprüche und Reden handelt, noch viel offensichtlicher hervortreteu, wenn wir sie in der ursprünglichen, aramäischen Sprachform, oder in der aramäisch-hebräischen Mischsprache des Talmuds überliefert hätten. Durch den Uebergang in das hellenistische Griechisch hat mancher Gedanke sicher bereits diese oder jene Umbiegung erfahren und manche Begriffe sind alteriert worden. Man sieht wieder, wie dringend nötig eine Retroversion der Evangelien in die Muttersprache Jesu ist! Sie ist ein Postulat für jedes tiefere Eindringen in die evangelischen Stoffe. Müller hat nun, um die Richtigkeit seiner Theorie in einer semitischen Sprachform zu erweisen, Proben aus der hebräischen Übersetzung des Neuen Testamentes von Franz Delitzsch herangezogen, was mir aber insofern verfehlt erscheint, als dieses Hebräisch zu Jesu Zeit nicht mehr gesprochen wurde. Wir haben in der Delitzscheu Arbeit den Umguß eines Umgusses, der der ursprünglichen Form sicher nicht näher gekommen ist. Die rein hebräischen Ausdrücke decken sich nur in einzelnen Fällen mit den aramäischen, meist müssen ganz neue Wortäquivalente substituiert werden. Noch sei darauf hiugewiesen, daß Müller in seiner Studie über die Bergrede am Schluffe noch verschiedene Stücke aus dem Alten Testament und die 26. Sure des Korans in ihrer strophischen Gliederung und Responsion aus früheren Werken als Analogie für neutestamentliche Forscher wieder zum Abdruck gebracht hat. Prof. D. Aug. Wünsche. Kaminka, Dr. Armand. Scheeltot h D'R a b A ch a i G a o u. Mit kritischem Apparate ediert und mit Erläuterungen versehen. Heft I. (Bereschith.) Kommissionsverlag von Jos. Schlesinger, Wien 1908. Zu welcher Zeit der Gaon R. Acha aus Schabcha, dem die Scheeltoth zugeschrieben werden, gelebt hat, ist nicht bestimmt. Jedenfalls sollen mindestens 700 Jahre verstrichen sein, bis dieses Werk zum ersten Mal in Venedig 1546 gedruckt wurde. 1786 wurde es zum zweiten Male in Dührenfurt herausgegeben, versehen mit Angaben der Quellen, mit Noten und Anmerkungen von B. Jesaia Berlin — 2«'-ü,n —, auch schrieb er hierzu ein inhaltsreiches Vorwort. Seine Arbeiten heißen jvafc |WK^ und 1811 wurde das Werk in Saloniki mit dem Kommentar cnn mann von Jsak b. R. David Pardo, Rabbiner in Sarajewo (Bosnien) herausgegeben. Dann wieder sine anno, sine loco mit dem Kommentar parn, welcher abermals samt aiSw n^'nv in Wilna bei Rom erschienen ist. Alle diese Ausgaben sind nur ein Abdruck der editio princeps. Das scheint unserem Herausgeber nach einer Redewendung in seinem Vorwort unbekannt zu sein. Es fehlt auch ein Hinweis auf die Existenz des marin. Unserem Herausgeber stehen sieben Manuskripte, außer 6ienisa-Fragmenten, zur Verfügung. Ein Material, welches die größte Wertschätzung verdient. Der Herausgeber legt einen Druckbogen von 16 Seiten vor und bittet, daß man ihm mit Rat und Tat an die Hand gehe und ihn aufmerksam mache, wenn ihm manches entgangen sein möchte .. . Vor allem muß man sich darüber klar sein, daß jedes Werk, welches durch die Hand eines Kopisten gegangen ist, unmöglich fehlerfrei sein kann; das eine muß mehr, das andere weniger geprüft und korrigiert werden. Ferner, daß jedes Druckwerk früher als Manuskript vorhanden war, und dieses konnte zufällig besser und genauer sein, als die sonst vorhandenen oder neu entdeckten Manuskripte. Der einfache, gerade, dem wissenschaftlichen Zweck am ckeisten dienliche Weg wäre unzweifelhaft der gewesen, von der editio princeps einen Neudruck zu veranstalten, versehen mit Anmerkungen, welche sämtliche Varianten und Lesarten aus allen Manuskripten der Reihe nach vorführten. Ein solches natürliches Verfahren hätte jeden einzelnen Leser in die günstige Lage versetzt, die Korrektheit und Verläßlichkeit der neuen Edition durch einen Vergleichmitdenfrüheren Ausgaben zu kontrollieren. < Die Erleichterung er Kontrolle für jedermann war seit je auf allen Wissensgebieten von höchstem Wert. Welche Motive Dr. K. veranlaßt haben mögen, jener allgemeinen öffentlichen Kontrolle seine Arbeit zu entziehen, bleibe ununtersucht. Genug an dem: er hat dem Neudruck nicht eine der vorhandenen zugänglichen Ausgaben, sondern ein Manuskript zugrunde gelegt, von welchem er selber sich eine Abschrift verfertigt hat. Die wörtliche Uebereinstimmung des Neudruckes mit seiner Abschrift und der Abschrift mit dem alten Manuskript kann nur der prüfen und kontrollieren, dem das Manuskript zugänglich ist. Alle anderen sind auf Treu und Glauben, angewiesen. Das hat aber sein Bedenkliches. Dr. K. hat bereits einmal den Ehrgeiz in sich verspürt, als Wissenschaftler vor die Oeffentlichkeit hinzutreten, und er gab damals den Tachkemoni, die Makamen des Jehuda Al-Charisi „nach Handschriften und Druckwerken", Warschau 1899, heraus. Eine Würdigung dieser Ausgabe der Tachkemoni findet, man in der bekannten Zeitschrift für hebräische Bibliographie von Dr. A. Freimann und Dr. H. Brody, 1900, Nr. 2 und 3. „Was sieh K. leistet,“ so schreibt der Herausgeber der Zeitschrift Dr. 33., „streift an’s Unglaubliche, und es ist doppelt geboten, dieses Treiben einmal gründlich zu beleuchten.“ Dr. Brody geht in einer Untersuchung von klassischer Gründlichkeit die neue Ausgabe durch und zeigt, daß sie Zeile . um Zeile förmlichen Unsinn produziert; nach Aufführung einer Fülle von Belegen heißt es in dieser Besprechung : „Nach diesen Proben, die uns einen Begriff beibringen von der Sorgfalt und der Gewissenhaftigkeit, mit der K. seiner Aufgabe sich entledigt, erlasse man uns ein Weiteres.“ „Wer unverbesserlich ist und nach diesen Proben immer noch den hohen Wert der neuen Tachkemoni-Ausgabe bezweifelt, der möge das Buch selbst zur Hand nehmen. Pia Nachlese wir^