Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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vr. Zslocd's MscvenscvrM. Veite 737 nt. 4i Hierauf trat eine peinliche Stille ein, die Kohn in gewendter Weife damit unterbrach, daß er sich an die Lehrer wandele und sie über das Ausmaß des hebräischen Lehrstoffes befragte» was er natürlich viel zu gering fand. „Wir leisten unser Möglichstes", sagte einer der Lehrer, „aber es find so viele Lehrgegenstände, daß für das Hebräische nur ein relativ geringes Ausmaß übrig bleibt." „Sehen Sie, meine Herren!" bemerkte hierauf Kohn, „da lobe ich mir das Prinzip der Orthodoxen, die ihre Kinder lieber in die christliche Schule schicken, wo der Unterricht nur 3 bis 4 Stunden täglich in Anspruch nimmt, um 4—5 Stunden des Tages, sowie die Sonn- und Feiertage und die lange Ferienzeit dem Bibel- und Talmudunterricht widmen zu können, oder es sollte auch in der jüdisch-konfeffionellen Schule ausschließlich für das hebräische Fach ein eigener Lehrer angestellt werden, der die Pflicht hätte, auch außer den normierten Schulstunden zu unterrichten» um das ihm vorgeschriebene Lehrziel zu erreichen. So war es in alten Zeiten, so muß es auch vor zirka 80 Jahren in Neutra gewesen sein, denn man erzählte mir, daß der allbekannte Rabbiner dieser Gemeinde, R. Ezechiel Bauet s. And. einmal von der Kanzel herab Folgendes sagte: „Ich höre, daß man mir den Borwurf macht, ich erweise dem „deutschen" Lehrer mebr Ehre als dem „jüdischen" (Lehrer des Hebräischen), daß ich mit jenem in lange Gespräche mich einlaffe, dem jüdischen Lehrer aber nicht einmal einen Sitz anbiete." Nun, das ist wirklich wahr» aber was ist der Grund davon? Ich werde es Euch sagen. Der Normallehrer, der die Kinder in Deutsch und in lauter solche „Narreschkaten" (Narreteien) unterrichtet, den laffe ich sv bald nicht weg, den halte ich zurück, solange als nur möglich; denn je länger er von der Schule wegbleibt, desto weniger verdirbt er mir die Kinder — den jüdischen Lehrer aber, den laffe ich nicht einmal niedersetzen, er soll mir die teure Zeit nicht zubringen, er soll gehen und die jüdischen Kinder die heilige Thora lehren. Habe ich vielleicht unrecht?" „Ich glaube nicht", fügte Kohn hinzu, daß ihm die Zuhörer unrecht gaben. „Sie vergessen, Herr Rabbiner", bemerkte Dr. Schwarz, „daß das vor sechzig Jahren gewesen; seitdem aber ist die Zeit nicht stillgestanden und stellt ihre Forderungen. Uebrigens ist das ein unerschöpfliches Thema, und ich muß leider schon gehen." „Wir alle!" riefen die Anwesenden, es ist die Zeit des Mincha-(Abend) Gebetes gekommen und so gingen fie alle, ohne daß die Talmudisten den Rabbiner aufgefordert hätten, „Thora zu sagen" oder auch nur ihn zu fragen, mit welchem Traktat des Talmuds er sich beschäftige, wie fie es Dr. Seemann " gegenüber getan hatten. Rabbiner Kohn weilte noch einige Tage in P., und zwar, um Besuche zu machen, wobei er kein Haus ausließ; er wollte sich eben populär machen und recht viele Freunde sich erwerben; aber er erreichte damit keineswegs das Ziel; denn eine Ehre, die jedem ausnahmslos zuteil wird, hört auf, eine Auszeichnung zu sein, sie ist wertlos, aber trotzdem wurde er überall in der freundlichsten Weise ausgenommen, ja, jedes einzelne Gemeindemitglied gab ihm das feierlichste Versprechen, nicht nur ihm die eigene Stimme zu geben, sondern auch Propaganda für ihn zu machen. Hochbeglückt rüstete er sich zur Abreise. Zuvor aber schloß er mit dem Agenten Spitzer ab; er verpflichtete sich mit Ehrenwort und Handschlag, tausend Kronen im Falle seiner Wahl demselben in vierteljährigen Raten einzuhändigen. Rabbiner Kohn wußte es nicht, oder wollte es nicht wiffen, daß er damit, abgesehen von der Unmoralität, die in diesem Perlenschacher liegt, gegen einen Cherem (Bann) verstoße, den die Generalsynode der „Vier Länder" in Polen auf dringenden Antrag des R. Lippmann Zel Oer, Verfaffer des Tohsefos Jomtow im Jahre 1646 verhängte über diejenigen, welche zur Erlangung eines Rabbinates Geld anbieten, als auch über diejenigen die es annehmen. (Fortsetzung folgt.)' fibnd». Müller Dav. Heiur., Dr. n. Prof. „Die Bergpredigt im Lichte der Strophenthevrie." Fünftes Heft der bibl. Studien. Wien 1908. Alfred Hölder. 93 Seiten. Der berühmte Orientalist, dem wir bereits viele wertvolle Arbeiten zum Alten Testamente über Strophenbau und Responsion verdanken, hat sich jetzt auch auf das Gebiet des Neuen Testamentes begeben und mit Erfolg die Bergpredigt im Lickte der von ihm ausgestellten StrophentheMie mtb Responsion behandelt. Unter den Exegeten galt es schon lange für ausgemacht, daß wir in der sogenannten Bergrede in der überlieferten Form keine wirklich von Jesu gehaltene Rede haben, sondern vielmehr eine Komposition von Jesussprüchen, die bei verschiedenen Gelegenheiten und infolge ganz verschiedener Anlässe gesprochen worden sind, nur daß die einzelnen Sprüche nach gewissen Gesichtspunkten geordnet erscheinen. Durch die kirchliche Ueberlieferung findet diese Ansicht insofern Unterstützung, als von einer Sammlung von Jesussprüchen unter dem Namen: loyiot xoö Kuptou, Worte des Herrn, berichtet wird. Bei dieser Betrachtung ist es bis jetzt geblieben. Man hat wohl die einzelnen Sprüche der Bergrede ihrem Inhalte nach erörtert und den Fortschritt des Gedankenganges aufgezeigt, mit der äußeren Form aber, sozusagen mit der ästhetischen Architektonik, der poetischen Kunstform, hat sich bis jetzt niemand eingehend beschäftigt. David Heinrich Müller war es, der im Jahre 1895 zum ersten Male in seinem Buche „Die Propheten in ihrer ursprünglichen Form" in einem Abschnitte auch die Evangelien streifte und auf Spuren von Strophenbau und Responsion hinwies, ein Abschnitt, an dem jedoch, so wichtig er auch war, die neutestameutlichen Exegeten vorbeigegangen sind. Nur E. Norden, Ant. Kunstprosa II, 817—19, bewertete die von Müller gegebenen Beispiele und stimmte der Auffassung zu. Mit anderen Arbeiten auf anderen Gebieten beschäftigt, kam der Gelehrte nicht dazu, die in den Evangelien aufgedeckten Spuren weiter zu verfolgen. Erst im Monat März dieses Jahres griff er. anläßlich einer kursorischen Lektüre der Evangelien, den alten Vorwurf wieder auf, verfolgte die Gedanken weiter, und jetzt liegt das Resultat seiner Forschungen in einem umfänglichen Hefte gedruckt vor. Was bringen uns die Forschungen? Sehr viel Neues und Beachtenswertes. Zunächst zeigt es sich, daß wir es in der Bergrede mit einem poetischen Kunstgebilde zu tun haben, das in seiner Struktur rhythmisch und strophisch gegliedert ist. Den Strophen stehen oft Gegenstrophen gegenüber, welche einen gegensätzlichen Gedanken zum Ausdruck bringen. Zwei oder mehrere Strophen zusammengenommen bilden wieder ein einheitliches Gedankenganzes, das äußerlich durch die Responsion kenntlich wird, d. h. bestimmte Strophenteile entsprechen einander. Ja, die Responsion ist so streng durchgeführt, daß „jede Zelle der einen Strophe mit der entsprechenden Zeile der anderen Strophe entweder wörtlich genau, oder gedanklich, parallel oder antithetisch korrespondiert." Müller unterscheidet drei Arten von Responsion. Entsprechen sich bestimmte Teile einer Strophe an derselben Stelle, so haben wir die eigentliche Responsion, die Responsion im engeren Sinne; entsprechen sich die Teile an entgegengesetzten Stellen, so daß das Ende der einen Strophe mit dem Anfänge der anderen Strophe korrespondiert, so entsteht die Verkettung (eonealtzoutio); endlich, stimmt der Anfang einer Strophe mit dem Ende derselben überein, so entst« ht die Einschließung (inclu8io). In manchen Redestücken zeigt es sich, daß eins oder mehrere Glieder in einer Strophe fehlen und die Responsion tritt nicht zu Tage. Man merkt, daß die Struktur nicht in Ordnung ist. Daran ist aber nicht die Theorie schuld, sondern lediglich die ^mangelhafte Textüberlieferung. Die fehlenden Glieder sind oft an einen anderen Ort versprengt,