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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-10-09 · 41 (9.10.1908) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
41 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 7S6 Dr. Llocv's Mocbenscbrttt. Nr. 41 Feuilleton. Eine Kadkmerwahlt. Gin Kulturbild der Gegenwart von Dr. Armin Schnitzer, Oberrabbiner in Komarom. IX. Kapitel. Wieder war der Sabbat gekommen und wieder strömten sie in langen Scharen ins Gotteshaus. Galt es doch wieder zu Gericht zu fitzen, heute umsomehr, als man Vergleiche zwischen dem ersten und zweiten Proberedner anzustellen hatte. Die Sitzreihen waren alle gedrängt voll, aber — der „Aufputz" fehlte — die »Hon oratioren" waren nicht geladen, man hatte es herausgefühlt, daß man mit dem Manne vor Andersgläubigen ni: t Parade machen konnte. Rabbiner Kohu trug kein Ornat, sondern nur einen langen Rock, als Kopfbedeckung hatte er das kleine Sammtkäppchen, das Rabbiner zuhause tragen, der Tallis war aufgerollt und als er die Kanzel betrat, da nahm er zur Verwunderung Aller zwei Stecknadeln aus der Innenseite des Rockes und heftete mit denselben den Rock an den Tallis, damit er nicht im Feuer der Rede herabgleite,*) nahm dann das Sacktuch aus der Tasche und schneuzte sich gründlich, dann erst begann die Predigt. Sein Organ war ein sehr hohes und sein Vortrag war die Imitation eines „Predigers"; er glaubte einem solchen dadurch zu gleichen, daß er alles, selbst das Gewöhnlichste, im höchsten Pathos sprach. Wenn er einen Schriftvers zitierte, so sprach er ihn mit lautem Pathos. Und das ging so fort, vom Anfang bis ans Ende, so daß er es nur seinem ausdauernden Organ zu danken hatte, daß ihm der Atem nicht ausging. Dabei gestikulierte er mit den Armen, bald mit dem rechten, bald mit dem linken, in der Regel aber mit beiden — das sollte auch zur Manier eines „Predigers" gehören. Das Thema seiner Rede aber war ein wirklich schönes. Er sprach über Schule und Gotteshaus, Thora und A b v d a. Er klagte über den rapiden Niedergang und die arge Vernachlässigung des Thorastudiums, über das geringe Ausmaß des hebräischen Lehrstoffes und den ungenügenden Unterricht desselbeu, rügte es, daß in der Gemeinde für den Talmudunterricht nicht gesorgt sei und ging dann zum Gottesdienst über, den er in seiner alten Form mit allen seinen Bräuchen erhalten wiffen will; denn wenn man nur ein einziges Steinchen aus einem Gebäude wegnimmt, so fällt das ganze zusammen. Er apostrophierte die konservativen Elemente in der Gemeinde: „Au Euch aber, die Ihr noch am Alten, Hergebrachten hanget, an Euch aber ist es, über jeden jüdischen Brauch eifersüchtig zu wachen, ihn um jeden Preis zu erhalten und sollte es auch zum Aeußersten kommen, denn es steht geschrieben: „Suche den Frieden, aber — w’rodfehu verfolge i h u auch, brich den Frieden, wenn es sein muß." (Der eigentliche Sinn des Wortes w’rodfehu ist: jage ihm nach. Psalm. 34. 15.) Die Wirkung der Rede war eine geteilte. Die Intelligenten hatten schon im Vorhinein ein Vorurteil gegen den orthodoxen Redner, und der Appell an die Menge, zum Friedensbruch, zur Teilung der Gemeinde zu greifen, erfüllte sie mit EntrMnug; das „Volk" aber ergötzte fich an einigen Witzen auf Kosten der Fortschrittlichen, mit denen er seine Rede gewürzt hatte und die fie mit lautem Lachen honorierten. Wieder waren fie nachmittags im Kaffeehause beisammen und wieder saßen sie zu Gericht über Redner und Rede; aber das Jntereffe war schon verstaut und man beschäftigte sich mehr mit der Person als mit der Rede, m-chr mit den Aeußerlichkeiten als mit dem Inhalt. Selbst „Natzi", der heftigste Polemiker gegen Seemann hüllte sich in tiefes Schweigen und als man ihn um seine Meinung fragte, da machte er nur eine Schulterbewegnng und wendete sein Jntereffe dem Kartenspiele zu. *) So geschehen von einem Proberedner in K. vor 47 Jahren. Um so lauter ging er im Empfangszimmer des Rabbiners Kohn zu. Dr. Schwarz hatte es trotz seiner Antipathie gegen Kohn für seine Pflicht als Gemeindepräses gehalten, ihm den üblichen Besuch zu machen. Ihm hatten sich auch einige Vorstandsmitglieder angeschlossen. Natürlich waren auch noch andere gekommen, darunter die Lehrer, die Talmudisten und später auch der erste und zweite Kantor. Gleich beim Eintritt des letzteren fuhr er den Kantor an, warum er denn nicht gekommen sei, als er ihn rufen ließ. „Sie entschuldigen, Herr Rabbiner," erwiderte ihm dieser in ruhiger Weise, „ich schlachte wohl auch, aber ich bin Oberkantor, und als solcher unterstehe ich dem Rabbiner nicht." „Ja, das ist das Uebel unserer Zeit, daß der Kantor, besonders in nichtorthodoxen Gemeinden, mit dem Rabbiner sich auf eine Stufe stellt," sagte Kohn. „Und es ist doch ein gar gewaltiger Unterschied zwischen beiden! Welche Studien muß nicht der Rabbiner machen, bis er zum Amt befähigt wird; sein ganzes Leben ist der Thora und der Wissenschaft geweiht. Die Befähigung des Kantors aber liegt einzig und allein in seinem Organ. Dieses aber ist nichts anderes als eine Gabe Gottes, welche als Wiegengeschenk ihm vom Himmel ward verliehen. Ist das etwa sein Verdienst? Können wir es der Sonne als ein Verdienst anrechnen, daß sie Licht und Wärme spendet? Können wir es den Sängern der Lüfte als ein Verdienst anrechnen, daß sie mit ihren herrlichen, unerreichbaren Tönen uns entzücken? Nein, nicht die Sonne und nicht die Singvögel können wir preisen, sondern lobdanken müffen wir dem. der ihnen diese Wundergaben verliehen. Sie aber, lieber Freund, rechnen sich Ihre Begabung als Sänger als Ihr Verdienst an und überheben fich. Uebrigens finden wir schon in den ältesten Schriften Ausfälle gegen diese Ueberhebung. Ich werde Ihnen, meine Herren," und da wandte er sich an die ganze Versammlung, „eine sehr interessante Midraschstelle mitteilen. die hierauf Bezug nimmt. Es heißt in der heiligen Schrift (I. Buch Mos., 33, 20): Und Jakob errichtete einen Altar uud nannte ihn: Gott, der Gott Israels. Darauf bemerkt Resch Lakisch: Er wollte damit sagen, du bist Gott der Oberen, und ich bin Gott der Unteren. Und Rav Huna sagte im Namen des Resch Lakisch: Nicht einmal ein Chason nimmt sich so viel heraus und du maßest dir soviel an. Nun, die Strafe wird nicht ausbleiben; morgen wird deine Tochter ausgehen und zu Falle kommen, wie es unmittelbar darauf heißt: „Und Dina ging hinaus". Also vor mehr als tausend Jahren wars auch nicht anders." Der Kantor schwieg, aber der Präses konnte diesen rücksichtslosen Angriff gegen einen Beamten seiner Gemeinde nicht unerwidert lassen und er sagte: „Ich will auf all das, was Sie vorgebracht haben, nicht replizieren, aber ich will Ihnen nur bemerken, daß der Kantor seine Pflicht erfüllt und sein Amt zu unserer Zufriedenheit versieht. Daß er Ihrem Auftrag nicht Folge geleistet hat, kann ich ihm nicht Unrecht geben. Sie entschuldigen schon, Herr Rabbiner, wenn ich Ihnen offen meine Ansicht sage. Es war nicht Ihres Amtes, unsere Schächter einer Prüfung zu unterziehen." „Aber ich wollte mich überzeugen, wie diese wichtige Institution der Gemeinde, auf deren Rabbinat ich reflektiere, beschaffen sei." „Da haben Sie, Herr Rabbiner — halten Sie es mir nicht für ungut — Ihre Rechtssphäre überschritten. Unsere Beamten, die seit vielen Jahren wirken, sind vom gottseligen Rabbiner, dessen rigorose Frömmigkeit Sie w«hl nicht in Zweifel ziehen werden, approbiert worden und stehen noch gegenwärtig unter der Kontrolle seines ebenfalls frommen Sohnes. Sie hätten also recht gut voraussetzen können, daß diese Institution einwandftei sei. Wenn Sie einmal unser Rabbiner sein werden, dann haben Sie nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, die Schächter zu überwachen, bis dahin aber „Hanäo off“, wie der Engländer sagt."

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