Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-10-09 · 41 (9.10.1908) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
41 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021806--17726-3042616
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 724 m* BlocD’s MocdenscvrlN. Nr. 41 zuwirken. Das Gedränge wurde noch gefährlicher, als Leute von der Straße eiudringen wollten, um die im Gotteshause Befindlichen über die Grundlofigkeit ihres Schreckens aufzuklären. Als endlich die Tempelbesucher das Freie erreicht hatten, konnte man wahrnehmen, welch schreckliche Folgen der Bubenstreich hatte. Der Boden war mit Verwundeten bedeckt. Nach der bisherigen Untersuchung beträgt die Zahl der Verletzten gegen vierzig. Als die Aerzte das Rettungswerk begannen, stellte es sich heraus, daß von den Verunglückten fünf tot waren. Einem Kaufmann war der Brustkorb eingedrückt, die anderen Unglücklichen hatten den Erstickungstod erlitten. Viele Frauen trugen dadurch schwere Verletzungen davon, daß sie von der Galerie herabsprangeu. Die Untersuchung nach dem Uebeltäter, der den falschen Feueralarm verursachte, ist bisher ohne Erfolg verlaufen. Der orthodoxe Tempel ist übrigens ein altes Gebäude, weshalb auch der Präsident der Gemeinde die dortige reformierte Gemeinde um Ueberlassung der Turnhalle gebeten hatte, was ihm aber verweigert worden war. Zur Naturgeschichte der arischen Rasse. Lissabon, 30. September. Bei dem Begräbnis des reichen jüdischen Kaufmannes Saul Cagy verübte der Pöbel große Exzefie und griff den Leichenzug mit Steinen und Stöcken an. Die Leidtragenden setzten sich zur Wehr. In dem entstandenen Handgemenge fiel der Sarg zur Erde. Als durch das Erscheinen der Muuizipalgarde die Exzedenten die Flucht ergriffen, waren mehr als 20 Juden verwundet. Neun wurden in das Spital gebracht. Paris, 29. September. (Mitteilung aus dem Deutschen Bureau der Alliance Jsraslite Universelle.) Am 28. September hat eine aus den Herren N. Leven, Salomon Rein ach, Eugene See und Jacques Bigart bestehende Abordnung sich zu Naoum Pascha, dem neuen türkischen Gesandten in Paris, begeben, um chn im Namen der Alliance Jsraelite Universelle zu begrüßen. Naoum Pascha bereitete der Abordnung freundlichsten Empfang und dankte ihr herzlich für die Bewillkommnung. Er wisse die Dienste zu schätzen, die die Alliance Jsraelite Universelle der Türkei geleistet habe, indem sie dort Unterrichtsanstalten schuf und den Gedanken des Fortschrittes verbreitete. Der Alliance Jsraelite Universelle sei es zuzuschreiben, daß die Israeliten der Türkei an der Erneuerung des Landes teilhaben können, die im ganzen ottomanischey Reich so große Begeisterung erweckt hat. Der Präfident der Alliance, Herr Leven, erinnerte in seiner Erwiderung daran, daß die Türkei die Israeliten während eines schmerzlichen Abschnittes ihrer Geschichte mit herzlicher Teilnahme ausgenommen und ihnen seitdem zahlreiche Zeugnisse ihres Gerechtigkeitssinnes gegeben habe. In allen Schulen der Alliance lernen die Kinder ihr Vaterland lieben und ihm treu dienen. Jetzt, da sie zur Betätigung im öffentlichen Leben aufgefordert find, werden sie ihre Bürgerpflicht zu erfüllen wissen. Der Premierminister der Kapkolonie in der Talmud-Thoraschule. Die jüdische Gemeinde von Capetown in Südafrika veranstaltete vor kurzem zugunsten ihrer Talmud-Thoraschule, deren Erweiterung geplant wird, einen zweitägigen Bazar. An der Eröffnung dieses jüdischen Wohltätigkeitsfestes hat außer dem Bürgermeister der Stadt auch der Premierminister der Kolonie, Mr. Merriman, teilgenommen. Nach Absiugung einer hebräischen Hymne durch die Schüler der Talmud-Thora ergriff der Premierminister das Wort zu einer Rede, die wegen ihrer besonderen Wärme in der englischen Presse lebhaft besprochen wird. Der Minister führte aus, daß es ihm zur besonderen Freude gereiche, öffentlich erklären zu können, welch wertvolles, die Gesetze achtendes, fleißiges Element die Juden in der Bevölkerung des Landes bilden, dem wohltuender Einfluß auf die übrige Bevölkerung sich angenehm fühlbar mache. Besonderes Interesse habees für ihn, zu sehen, daß die Juden hier eine Schule aufrechterhalten, deren Zweck es ist, die Traditionen desjenigen Gesetzes ernstlich zu pflegen, unter welchem sie zum Volke geworden. (Beifall.) Manche dieser Juden sind aus einem Lande zu uns gekommen, in denen ganz andere Verhältnisse herrschen als in Südafrika, sind hier britische Bürger geworden, mit allen Vorteilen, die ein britischer Bürger besitzt. Ihre Pflicht war es, sich dieser Privilegien würdig zu zeigen, gute Bürger zu werden, ohne aufzuhören, gute Juden zu sein. (Beifall.) Es ist sehr interessant, zu sehen, daß die Talmud-Thora eine freiwillige Schule war, die von der ärmern jüdischen Bevölkerung viel weiser unterstützt wird als dies sonst bei freiwilligen Schulen der Fall zu sein pflegt. Es war eben ihre eigene Schule gegründet, um ihre nationalen Traditionen wach zu erhalten, ohne die Traditionen dieses Landes außer acht zu lassen. Es gehört zu den stolzesten Ueberlieferungen, daß die Juden, sobald sie den britischen oder niederländischen Boden betraten, ohne Rücksicht auf ihre materiellen Verhältnisse vom ersten Augenblicke an ihre Kinder in die öffentlichen Schulen des Landes schickten und die Erfolge der Juden sind auch hauptsächlich dem Umstande zuzuschreiben, daß sie von dem freien Rechte auf Erziehung ihrer Kinder ausgiebigen Gebrauch gemacht haben. (Beifall.) In allen Ländern, wo ihnen das Studium freistand, haben die Juden die höchsten Posten errungen und er bittet die hier versammelten Schüler der Talmud-Thora, daran zu denken, daß ihnen die höchsten Posten dieses Landes offen stehen und daß es nur von ihrem Fleiße und ihrer Tätigkeit abhängen wird, ob sie sie je einnehmen werden oder nicht. (Lebhafter Beifall.) Welcher Nation immer man auch angehören mag, kann man nicht daran vergessen, daß wir den Juden den moralischen Sinn des westlichen Weltteiles zu verdanken haben, der in seiner Grundlage auf das mosaische Gesetz basiert ist. Minister Merriman ermahnt'die Jud'e'lr schließlich, au der Thora, welche sie seit Jahrtausenden zusammenhält, festzuhalten, dabei aber nicht ein Volk im Volke bleiben zu wollen, sondern an allen Bürgerrechten und auch Bürgerpflichten — so wie sie es bisher getan — Anteil zu nehmen. Eine jüdische Kolonie mit eigenen jüdischen Gesetzen. Die „St. Louis Times" erzählen in ihrer Nummer vom 24. August d. I. die folgende, wie besonders betont wird, wahrheitsgetreue Mitteilung: John Raffleson, ein Mann mit langem Barte und von der Sonne gebräuntem Gesichte, der Organisator der „Colony of Israel", einer Farmergemeinfchaft russischer Juden in Nord-Wiscounsin, weilt gegenwärtig in der Stadt, um seine Glaubensgenossen zu bewegen, daß sie die Kolonie mit Geld und Menschen fördern. Die „Colony of Israel" war der Traum Rafflesons seit 17 Jahren. Vorher war er Fabriksarbeiter. Ein Unfall zwang ihn, die schwere Arbeit aufzugeben und er wurde Bettler. Die Kolonie wurde im Mai gegründet und wird vorläufig von acht Familien bewohnt. Sie liegt in der Nähe von Hawkins in der Graffchast Rusk des Staates Wiscounsin. Die Nächstliegende, größere Stadt St. Paul ist 160 Meilen weit entfernt. Gegenwärtig ist die Kolonie mit der Ausholzung der Gegend beschäftigt. Mit der eigentlichen Landwirtschaft soll im Herbste begonnen werden. Das Landgebiet wurde von den Kolonisten unter langfristigen Zahlungsbedingungen erworben. Es besteht aus 920 Acker zu 10 Dollars. Ueber die Kolonisten äußerte sich Raffleson: Der ruffische Jude kann genau so einen guten Farmer abgeben, wie jeder andere. Es ist nicht gerecht, ihn immer als Bettler zu betrachten und. ich möchte ihn nicht immer in der Stadt als Hilfsarbeiter in Fabriken oder in Schwitzbuden sehen. Es ist viel besser, in freier Luft zu leben, abgesehen davon, daß ein solches Leben auch erfolgreicher und erträgnisreicher ist. Hier ist er frei und unabhängig und fällt keiner Gemeinschaft zur Last. Für den Fall, daß einer unserer Leute in der Kolonie erkrankt, haben wir die ausdrücklich angenommene Bestimmung, daß die anderen ihm aushelfen müffen, bis er wiederhergestellt ist, und so arbeiten wir in Harmonie und Konflikte sind in allen Fallen ausgeschlossen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.