Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 41 sr. Llocb's Mocvenscdrln. Sette 723 Die Zentralstelle für das jüdische Armenwesen. Selbst die ärgsten Feinde unseres Volkes weisen neidvoll auf das von den Juden gegebene Beispiel hin, wenn es gilt, zu brüderlicher Hilfeleistung anzuspornen. Die Wiener Juden stehen ihren übrigen Glaubensgenossen keineswegs nach und so verfügt denn auch unsere Hauptstadt über eine imponierende Zahl von Wohltätigkeitsvereinen, Stiftungen und sonstigen jüdischen Humanitäts-Institutionen, die sich alle mit gleichem Eifer dem gleichen Ziele widmen, das Los notleidender Glaubensbrüder zu verbessern. Hunderte von braven Männern und hochherzigen Frauen stellen ihre Zeit, ihre Kraft und ihre Mittel selbstlos in den Dienst der Armenpflege und mühen sich jahraus, jahrein und Tag um Tag, Gesuche zu prüfen, das heißtzu erforschen, welchen von den leider allerorts scharenweise vorsprechenden Petenten der traurige Vorrang der größeren Bedürftigkeit gebührt und vor allem, um zu eruieren, ob nicht unter der Larve rührender Bitten gewohnheitsmäßiger Bettel oder anderer bequemer Mißbrauch der Menschenliebe sich anschleicht, wie dies ja auch häufig genug vorkommt. Solche Recherchen absorbieren eine enorme Arbeitsleistung und viel kostbare Zeit, ohne deshalb immer zu voller Klarheit zu führen. Operieren doch die verschiedenen, oft von einem und demselben Petenten zu gleicher Zeit angerufenen Wohltätigkeitsstellen ohne Verbindung untereinander, jede auf eigenem Wege, mit ihren eigenen Kräften. Die Mißstände, welche sich hieraus ergeben, liegen so sonnenklar zutage, daß der Gedanke, die Gestion der Wohltigkeitsanstalten in irgend einer Form zu einer gemeinschaftlichen zu gestalten, seit langem in der Luft lag, der Ausführung stand aber eine scheinbar unüberwindliche Schwierigkeit entgegen. An den zumeist genau bestimmten und umgrenzten speziellen Zielen der einzelnen Institute durfte nichts geändert, deren Autonomie in keiner Weise tangiert werden. Nun ist in Anbetracht der immer dringender hervortretenden Notwendigkeit, die Armenpflege ihrer Planlosigkeit zu entreißen und in eine den modernen Theorien entsprechende, rationelle Bahn zu lenken, eine Zentralstelle für das jüdische Armenwesen in Wien geschaffen worden, welche bestimmt und auch geeignet ist, die gegenseitige Fühlungnahme unter den verschiedenen Wohltätigkeitsanstalten zu ermöglichen, ohne deren selb st ändigen Wirkungskreis auch nur im entferntesten zu beeinträchtigen. Die größten und bedeutendsten Stiftungen und eine große Anzahl humanitärer Vereine Wiens haben ihren Beitritt zu dieser im Auslande bereits bestehenden und erprobten Institution angemeldet und ihre Vertreter in das mit der Leitung betraute, eben in Bildung begriffene Kuratorium entsendet. Selbstverständlich kann eine solche Zentralstelle ihrer Aufgabe nur dann vollkommen gerecht werden, wenn alle oder wenigstens die meisten hier in Frage kommenden Interessenten sich dem gemeinnützigen Werke anschließen und es zum gegenseitigen Vorteile tatkräftig unterstützen. Anmeldungen zum Beitritte werden in der Kanzlei der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen, I., Seitenstettengasse 2, jederzeit gerne entgegengenommen und alle näheren Mitteilungen dort bereitwilligst abgegeben. Die neugeschaffene Zentralstelle soll übrigens nicht nur zur Information ihrer Mitglieder dienen, sondern sie will auch dem Bedürftigen mit der heute überaus schwer zu erlangenden Weisung an die Hand gehen, bei welchen Hilfsstellen er sein Gesuch am geeignetsten vorzubringen vermag. Zum Zwecke der Auskunftserteilung an die Mitglieder erfolgt die Anlage eines Zentralarmenkatasters, in welchem sämtliche von den teilnehmenden Instituten bekanntzugebenden gewährten Unterstützungen registriert werden. Dieser Kataster wird gegenüber allen Nichtbeteiligten als Geheimbuch geführt, und sollen auch die jeweilig geschehenen Abweisungen, möglichst mit deren Begründung, in den Kataster Aufnahme finden. Hiedurch wird den im Verbände stehenden Wohltätigkeitsstellen ein großer Teil ihrer Arbeit erleichtert, zugleich aber auch der unstatthaften Ausnützung mehrerer Institute zu gleicher Zeit ein Riegel vorgeschoben. Es ergibt sich von selbst, daß im Rahmen einer solchen Zentralstelle den Mitgliedern auch ein anregender Gedankenaustausch auf dem Gebiete des Armenwesens "überhaupt geboten werden wird, um Erfahrungen und Verbesserungsvorschläge auf dem raschesten und wirksamsten Wege für alle nutzbar zu machen. Wie in jedem Kampfe, so auch im Kampfe gegen Not und Elend dürfen sich die Kräfte nicht zersplittern. Auch hier hängt Erfolg und Sieg an der strategischen Parole: „Getrennt marschieren, aber vereint schlagen!" Spanisch-Jüdische Einwanderer in Ungarn. Anläßlich der Anwesenheit des spanischen Königspaares in Budapest erinnern die ungarischen Blätter daran, daß in Ungarn, besonders Südungarn zahlreiche spanisch-jüdische Familien leben. Die erste spanisch-jüdische Einwanderung reicht bis zur türkischen Herrschaft in Ungarn zurück. Die spaniolischen Juden haben sich auch hier wie überall sowohl vom Verkehre mit den Ottomane« und Christen, wie auch mit den aschkenafischen Juden ferngehalten. Von den Magyaren wurden sie als die jüdische Aristokratie betrachtet. Die größte spaniolische Kolonie bestand seinerzeit in Temesvar. Auf dem Temesvarer jüdischen Friedhofe existiert heute noch der mit lateinischer Inschrift versehene Grabstein des Affael Azriel aus dem Jahre 1636. Noch vor der christlichen Siedlung, im Jahre 1716, lebten 12 spaniolische Familien in Temesvar, die, wie es scheint der Administration wertvolle Dienste geleistet haben, denn Graf Wallis. Kommandant von Temesvar gestattete ihnen im Jahre 1736, sich innerhalb der Festungsmauern niederzulaffen, was den aschkenafischen Juden strengstens untersagt war. Im Jahre 1760 konnten die Spaniolen schon in einer eigenen Synagoge ihren Gottesdienst nach sephardischem Ritus abhalten. Sie errichteten eine eigene Gemeinde, wie dies später auch in anderen ungarischen Städten der Fall war. In Budapest war Don Jzhak Elias, der Urgroßvater des bekannten Schriftstellers Dr. Adolf Agai der erste spaniolische Jude. Deffen Sohn Don Jose Elias war der Begründer der Budapester sephardischen Gemeinde, die Lrst vor Kurzem ihre Selbständigkeit aufgegeben hat und fich mit der großen jüdischen Kultusgemeinde vereinigte. Die spaniolischen Juden Ungarns haben es zumeist zu Wohlstand gebracht und viele von ihnen, die allerdings ihre Namen geändert haben, nehmen auch hervorragende soziale Positionen ein. Man findet aber auch noch zahlreiche spaniolische Juden in Ungarn, die die bekannten Namen Affael, Azriel, Matjar (später Madzsar und Magyar), Derera, Haim, Algalay, Albachary, Pereira rc. tragen. Furchtbare Panik während eines Gottesdienstes. In der orthodoxen Synagoge von Marmaros-Sziget ereignete fich am Vorabend des Versöhnungsfestes ein großes Unglück, das den Tod von fünf Personen zur Folge hatte. Der Vorfall ist umso bedauernswerter, als deffen Ursache ein Bubenstreich ist. Während der Tempel nämlich von Gläubigen dicht besetzt war, rief eine bisher unbekannte Person von der Straße herein: „Es brennt!" worauf die Andächtigen in wilder Eile die Flucht ergriffen. Viele Personen wurden hiebei niedergeworfen und mit Füßen getreten. Ueber den Vorfall liegen folgende Details vor: Der Kantor hatte eben das Kol-Nidre angestimmt, die Festhymne am Vorabend des Versöhnungsfestes, dem die zahlreichen Gläubigen andächtig lauschten, als plötzlich von der Straße der Ruf in den Tempel schallte: „Um Gottes willen, der Tempel brennt!" Die Wirkung war fürchterlich. Des Publikums bemächtigte fich eine ungeheure Panik und unter lautem Wehgeschrei drängte alles zu dem einzigen Ausgange. Der Rabbiner suchte vergebens beruhigend auf die Menge ein-