Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 716 Dr. Lwcb's Moedenscdrltt. Ar. 41 Was Wunder! Gibt es ja leider nicht wenige „vergeßliche" Juden, die schon an den Jomhasikuren — den Tag des Gedenkens — und an den hohen Versöhnungstag vergessen haben! Hier will ich nur einen charakteristischen Fall von Vielen erzählen, der seinerzeit unter der Lemberger Judenschaft allgemeines Aergeruis erregt hat und den mir gerade der heiäige Tag in Erinnerung bringt. Als dem antisemitischen Lemberger Bürgermeister Waclaw Dabrowski, der einen Rout gerade zum Kolnidre- Abend veranstaltete, zu welchem er natürlich auch die jüdischen Gemeinderäte eingeladen, darüber seitens der letzteren Vorwürfe gemacht wurden, hat er zu seiner Rechtfertigung auf den jüdischen Gemeinderat, Reichsratsabgeordneten und Handelskammer-Präsidenten Pipes-Poratynski hingewiesen, den keine religiösen Skrupel plagten, seiner Einladung zum Rout am Jomkippur-Abend zu folgen. Letzterer hinwiederum entschuldigte^ sich bei seinen jüdischen Gemeinderatskollegen mit — Vergeßlichkeit! O, glückliche Gabe des Vergessens! Dieser vergeßliche Herr muß aber doch ein ausgezeichnetes Gedächtnis gehabt haben, denn bei den bald darauf stattgefundenen Neuwahlen, wobei jüdische Mandate zu vergeben waren, erinnerte er sich jedesmal pünktlich, sein jüdisches Herz zeitgerecht zu entdecken und bei solcher Gelegenheit als jüdischer Vertreter zu kandidieren. Dabei erinnerte ich mich an den wegen Sabbatentheiligung augeklagten Juden, der, vom Rabbi darüber zur Rede gestellt, daß er am Sabbatabend die geweihten Sabbatlichter selbst ausgelöscht, sich dahin verantwortete, er hätte momentan ganz vergessen, daß er Jude sei, und fügte rechtfertigend hinzu: „Ich habe mich aber gleich darauf erinnert, daß ich Jude bin und augenblicklich die Sabbatlichter — wieder angezündet." Zu ernsteren, liebsaMeren und angenehmeren Vor- Jomkipur-Erinnerungen übergehend, rief mir der heutige Tag folgende interessante parlamentarische Reminiszenz — worüber ich seinerzeit der hebräischen Zeitschrift „Hamagid“ (Nr. 39 vom 7. Oktober. 1863) Bericht erstattete — ins Gedächtnis: „Aus der Abgeordnetensitzung vom 21. September 1863. Vorsitzender: Präsident Dr. Ritter v. H a s n e r. Präsident: Was den nächsten Sitzungstag anbelangt, so bin ich nicht in der Lage, einen früheren Tag als Donnerstag vorzuschlagen, und zwar, weil Mittwoch ein hoher jüdischer Festtag ist, wegen dessen ich e r s u ch t worden bin, keine Sitzung anzuberaumeu, und ich hoffe, daß das Haus diesen Wunsch berücksichtigen wird. Ich beantrage daher, daß die nächste Sitzung Donnerstag um 10 Uhr abgehatteu werde. Diejenigen Herren, welche hiemit einverstanden sind, bitte ich, sich zu erheben. (Geschieht.) Die Sitzung ist geschlossen." Hiebei will ich noch bemerken, daß im Jahre 1863 bloß zwei Juden, nämlich die hochangesehenen Herren Ignaz K u r a n d a und v. W i n t e r st e i n, dem Abgeordnetenhause augehörten. Die Juden in Oesterreich hatten sich damals noch nicht der Segnungen der erst im Jahre 1867 in Wirksauckeit getretenen staatsgrundgesetzlichen Gleichberechtigung zu erfreuen. Diese beiden hervorragenden Männer waren aber selbstbewußte glaubeustreue Angehörige der „vom Staate anerkannten jüdischen Religionsgenossenschaft" und — gewichtige Zierden des Parlamentes. Solche Zwei werden nicht gezählt, sondern gewogen. Auch gab es damals noch keinen Antisemitismus. Diesen Giftbaum hat man erst später von Berlin nach Wien verpflanzt; hier wurde er langsam gepflegt und großgezogen, als „Lueger - Eiche"! Erst als der Antisemitismus in beide Prachthäuser am Franzensring, ins Rathaus und Parlament, eingedrungen, fand auch im Abgeordnetenhause wieder am Versöhnungstag, ohne Rücksicht auf die jüdischen Abgeordneten, Plenarsitzung statt. In den Neunziger-Jahren begab sich Schreiber dieser Zeilen, einen Tag vor dem Versöhnungsfeste, ins Abgeordnetenhaus — es war gerade Sitzungstag — wo er vor allem dem ob seiner Judenfreundlichkeit und seines Liberalismus „alten Stils" hochgeschätzten Abg. Sektionschef Eduard Ritter v. G n i e w o s z, in Anknüpfung an die Reminiscenz aus dem Jahre 1863 Klage führte über den Wandel der Zeiten und der Gesinnungen auf den Vorsitz des Abgeordnetenhauses, in Bezug auf Schonung der berechtigten religiösen Empfindungen der „gleichberechtigten jüdischen Staatsbürger". Und er erwiderte mir darauf: „Daran ist der Jndifferentismus der jüdischen Abgeordneten schuld. Rufen wir nur den Abg. Dr. Bloch her!" Wir begaben uns hierauf in die Parlamentsbibliothekt, holten die genauen Daten aus dem bezogenen Sitzungsprotokolle vom 2l. September 1863. Mit diesen Daten begab sich Dr. Bloch sofort zum Präsidenten Dr. K a t h r e i n, der in loyaler Weise erklärte, er werde von der beabsichtigten Anberaumung einer Haussitzung für morgen Umgang nehmen, aber ohne öffentliche Verkündigung der Begründung mit dem morgigen hohen jüdischen Festtage, um nicht Schönerer und Genossen Anlaß zu antisemitischen Schimpfereien zu bieten. Der Zweck war ohne öffentlichen Eklat erreicht. Dies konnte aber nur als persönliches Zugeständnis des toleranten und konzilianten Präsidenten Theodor Kathrein gegenüber dem Abg. Dr. Bloch angesehen werden. Wien, 9. Tischri, am Rüsttage zum Jom-Kippur 5669. Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein jüdischer Feldmarschall-Leutnant. Das vor wenigen Tagen zur Ausgabe gelangte Verordnungsblatt für das k. u. k. Heer bringt die Verleihung des Titels und Charakters eines Feldmarschall-Leutnants an den Generalmajor des Ruhestandes Eduard Ritter v. Schweitzer. FML. Schweitzer, der sich in der Armee einen glänzenden Namen zu erringen wußte, ist in Gyöngyös von armen jüdischen Eltern geboren, trat im Jahre 1866 als einfacher Soldat in die Armee ein, kämpfte noch im selben, Jahre in Böhmen, machte im Jahre 1878 die Okkupation von Bosnien mit, erhielt als Oberleutnant für besonders tapferes Verhalten den Orden der Eisernen Krone 3. Klasse mit der Kriegsdekoration und wurde gleichzeitig in den erblichen Ritterstand erhoben. Nach der Okkupation absolvierte er die Kriegsschule mit sehr gutem Erfolg, avanzierte 1893 außertourlich zum Major, 1895 zum Oberstleutnant, 1898 zum Oberst und wurde noch in demselben Jahre zum Kommandanten des Infanterieregimentes Nr. 26 Michael Großfürst von Rußland ernannt. Nach vierjähriger ausgezeichneter Kommandoführung wurde er im Jahre 1902 Offizier des Franz Joseph-Ordens und avanzierte im Jahre 1904 zum Generalmajor und Kommandanten der Jnfanteriebrigade Nr. 53. Nach vollendeter 40jähriger Dienstzeit übertrat er im Jahre 1906 unter Verleihung des Ausdruckes der allerhöchsten Zufriedenheit in den Ruhestand. FML. Ritter v. S ch w e i tz e r, der zu den volkstümlichsten Generalen der Armee zählt, besitzt eine Reihe von hohen fremdländischen Dekorationen, unter anderem ist er Kommandeur des russischen Stanislaus- Ordens mit dem Stern und des sächfisch-ernestinischen HauSordens vom weißen Falken.