Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 714 Sr. Llocb s MocvenscvrtN. Nr. 41 Daß das Weib gemütvoller als der Mann ist, wird vom Talmud hervorgehoben. (Megilla 14b.) DieFrau ist zielbewußter (Megilla 14 a), selbst gewisse intellektuell'' Fähigkeiten sind bei ihr stärker ausgebildet (Nidda 45 b): Grapn iöSc V'82!2 *nr ne>rr2 ra*a). Eine Ueberlegeuheit, die ja die Bibel bereits anerkennt, indem Gott dem Stammvater Abraham anbefiehlt: „In allem, was Sarah Dir sagen wird, sollst Du ihr folgen." Allerdings waren die Frauen von einem Teile der religiösen Verpflichtungen befreit, und zwar von allen jenru Geboten, deren Ausübung an eine bestimmte Zeit gebunden ist, weil sie sonst, wie die autoritative Begründung (Abudarham) lautet, in einen Widerstreit zwischen den Pflichten gegen Gott und ihren Aufgaben als Gattinnen und Mütter geraten könnten, und Gott tritt, wie sonst, mit seinen Ansprüchen auch in diesem Falle vor der Wahrung des häuslichen Friedens zurück. Die Aufgaben der Gattin, d e Pflichten der Mutter wurden ethisch höher bewertet und für wichtiger erkannt, als die Ausübung religiöser Zeremonien. Wie wenig hiermit eine Herabsetzung des Weibes bekundet wird, geht daraus hervor, daß gerade die besonderen Pflichten des Weibes nach dem Talmud selbst von Gott reicher belohnt werden, als die des Mannes (Berakh. 17 a': DnMK,i sv nnr onw^ .rapn rrsan» nnaan „Den Frauen verheißt Gott eineu reicheren Lohn als den Männern." Unhaltbar ist nicht minder die Annahme, daß etwa bei in öffentlichen Gottesdienst die Frau als ..völlig minderwertig" gegolten habe. Zur gottesdienstlichen Versammlung l at lai t V. Buch Moses 31, 12 der Gesetzgeber wie die Männer, so auch die Frauen berufen. Und eine alte Vorschrift lautet (Maffekhet Soferim): n-*«-.2? onMKn bsb mxotp minnnKTnoi^ -Auch die Frauen wie die Männer sollen beim Aufheben der Thora während des öffentlichen Gottesdienstes in der Synagoge die Schrift ansehen und sie grüßen: das ist die Thora!" Ja, geradezu als Vorbild eines Betenden wird vom Talmud eine Frau, die fromme Hanna, hingestellt und ihre Art, Gott zu dienen, ist für die Bestimmungen über das Gebet maßgebend geworden. (Berakh. 31 a 'top nno yzwb rra rr »rmnaa anaSn nea rum* Und wo in aller Welt wurde noch das Weib dem Manne vom Gesetze gleichgestellt, wie im Talmud (Qidd. 35 a: mina* ouh W V'rr2» w» ainan m»n)* Die zitierte Auslassung ui dem erwähnten Erkenntnis des Obersten Gerichtshofes hat darum auch in jüdischen Kreisen peinliches Befremden erregt. Wohl erachten wir es für unangebracht, gegen den Anwalt, dessen Ausführungen in dem besagten'Ausspruch des Obersten Gerichtshofes ihren Widerhall finden und ihn stark beeinflußt haben, einen Vorwurf zu erheben. Anwaltspflicht ist es, das Interesse des Klienten mit allem Nachdruck wahrzunehmen. Staunen muß man nur, daß den gelehrten Mitgliedern des Obersten Gerichtshofes nicht bekannt war, daß der von ihnen zitierte jüdische Gebetspruch keineswegs „altorientalischen" Ursprunges, vielmehr Eigentum der größten griechischen Philosophen ist. Nach Lactantius (äiv. iu8tit. III, 19) soll bereits Plato der Natur gedantt haben,. daß er als Hellene und nicht als Barbar, daß er als Freier und nicht Äs Sklave, daß er als Mann und nicht als Weib auf die Welt gekommen, ein Gebet, das nach Diogenes von Soerte I, 1, 7 — auf den zuerst Theodor G o m p e r z hingewiesen — auch dem Sokrates in den Mund gelegt wurde, und übrigens auch, nach I. Darmesteter, bis zu den Parsen gedrungen ist. Wie hat jenes Dankgebet eines Plato und Sokrates den Weg ins Judentum gefunden? Der erste, der diese dreifache Eulogie erwähut, ist (Menachot 43 d) R. M e i' r, der Schüler jenes Elischa ben Abuj a, Ach er genannt, der als begeisterter Verehrer griechischen Geistes bekannt war und von dem, selbst nach seinem Abfall, R. Meir noch manches zu lerueu sich nicht scheute, entsprechend seinem Grundsatz: „Den Keru behalte, die Schale wirf weg!" Es wird wohl hie und da noch ein anderer Gewährsmann für jene Benediktion erwähnt, doch keiner vor R. Me'ir. Hier scheint somit der Kanal, durch den jener Dankesspruch in das Judentum Aufi ahme gefunden, klar zu Tage zu liegen: aus griechischen Quellen schöpfte ihn A ch e r, von ihm empfing ihn R. M e i r. Wie hat nun das Judentum diesen Fremdkörper seinem Organismus angepaßt? Jerus. Berakhot (Ausg. Krotoschin f. 12 a) gibt als Grund für die Eulogie an: rmaron by mixe. wiki pxt» „denn die Frau ist nicht in dem gleichen Maße wie der Mann verpflichtet, die Gebote zu halten." Die ^Freude des Mannes darüber, daß für ihn, im Gegensatz zum Weibe, alle Gebote und Verbote verbindlich sind, findet ihre Erklärung in der altjüdischen Anschauung, die ja auch in Spinozas Ethik (V, 42) nachklingt, daß die Ausübung einer religiösen Pflicht an sich eine Glückseligkeit bedeutet. Die Erfüllung eines, göttlichen Gebotes löste im Herzen des frommen Israeliten ein Lustgefühl aus, eine gehobene, freudige Stimmung, für die das Judentum einen eigenen Ausdruck nixv bw nnuu> „Freude in der Pflichterfüllung" geprägt hat (Berakh. 9 d, 31 a. Schabb. 30 b und sonst, vgl. Güdemann, „Jüdische Apologetik" 190 und Schechter in „The Jewish Quart. Rev." VIII. S. 370 1°). Wird doch Gott jedesmal in einem der Ausübung eines Gebotes vorauszuschickenden Segensspruche noch eigens dafür gepriesen, daß er dieses Gebot erlassen hat. Somit drückte der gläubige Jude in jener Benediktion seine Freude darüber aus, daß es ihm im Gegensatz zur Frau von Natur aus nach göttlicher Bestimmung vergönnt ist, seine Zeit ungeteilt in den Dienst Gottes zu stellen. Er sprach täglich vor Gott das Wort des Sokrates und des Plato, ahnte nicht des Wortes Herkunft und Ursprung und verband mit ihm Gedanken, entnommen seinerüberlieferten Auffassung von dem Rang und dem besonderen Pflichtenkreis des Weibes in der Familie. * * * Die vorstehende Bemerkung erscheint uns umso zweckmäßiger. als selbst in jüdischen Kreisen über unseren ureigensten geistigen und ethischen Bestand nicht selten die bedauerlichste Unwissenhlit herrscht. Es berührt schon seltsam, wenn arische Autoren immer wieder von der Rettung des Weibes durch das Christentum Erbauliches zu berichten wissen. Hierbei läuft es einem gelegentlich mit unter, daß er das bekannte Preislied des altjüdischen Spruchdichters auf das jüdische Biederweib als einen Hymnus auf die christliche Frau zitiert, als wäre es ein arisch-christliches Erzeugnis, aus urdeutschem Geiste geschöpft. * So läßt sich K. Bücher, „Die Frauenfrage im Mittelalter" (Zeitschr. für die ges. Staatswissenschaft, Tübingen 1882, S. 394), wie folgt vernehmen: „Die Reformation fand das Weib in einer sittlichen Erniedrigung und Entwürdigung vor, wie sie brutaler kaum gedacht werden kann. Ihre erste Aufgabe mußte darin bestehen, die Ehe wieder zu heiligen. Gewiß waren es nur Gedanken, welche in der Tiefe des de u t s ch e n Volksgeistes schlummerten, denen Luther in »einem „Lob eines frommen Weibes" so warmen Ausdruck verliehen hat" (vgl. Güdemann, Geschichte des Erziehungsw. III. 118). Vollends um Worte verlegen wird man aber, um ein Urteil zu bewerten, wie es jüngst (am 6. v. M.) ein sonst so gründlich unterrichteter Schriftsteller, wie Raoul A u e r n h e i m e r, in der „Neuen Freien Presse" über die Stellung des Christentums zu dem Kinde gefällt hat: „Erst das Christentum hat die Liebe zu den Kindern, das ist die Verehrung des Einfältigen, entdeckt". Wenn schon der Ausspruch des Talmuds: „Auf dem Mundeshauche des Kindes baut sich die sittliche Welt auf" (Schabbat 119 d) und so viele ähnlichen Inhaltes weniger geläufig sind, wie sollte einem Literaten das alte Psalmwort entgangen sein: „Auf den Mund der Kleinen und Zarten hast Du Deine Macht gegründet?"