Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021764-3021806--17715-3042605- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 41 Jahrgang 22t '4 Dr. Bloch’s mi Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 9. Oktober 1908. Lrscbelnr jeden Fretrsg. m Bricf-Adreffe: Wie». H/i, Hahugaste 15. Tekegramm-Adreffe: Blych'S Wochenschrift, Wie». Inhalt: Leitartikel: Ein Ausspruch des Obersten Gerichtshofes. — Jomkippur-Reminiszenzen. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ein jüdischer Feldmarschall - Leutnant. Deutsche und arabische Juden in Kairo. Ein jüdischer Meister Debports. Ein berühmter jüdischer Archäolog. Ein berühmter jüdischer Schwimmer. Der erste Choleraforscher ein russischer Jude. Zum Kapitel: „Austritt aus dem Judentum". — Korrespondenzen: Aus der öffentlichen.Plenarsitzung des Kulrusvorstandes. Die Zentralstelle für das jüdische Armenwesen. Spanisch-Jüdische Einwanderer in Ungarn. Furchtchare Panik während eines Gottesdienstes. Zur Naturgeschichte der arischen Rasse. Paris. Der Premierminister der Kapkolonie m der Talmud-Thoraschule. Eine jüdische Kolonie mit eigenen jüdischen Gesetzen. — Vermischtes: Wien. Wählerversammlung des Israelitischen Wählervereines. Wien. Mädchen- Unterstützungsverein. Austritte aus dem Judentum. Eibenschitz. Franzensbad. Oberhollabrunn, Sofia. — Feuilleton: Eine Rabbinerwahl. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. 06 > - » ■ =^)0 p 9*18$*P**f* ftlbniUk: HalbjShris» 8 Straca: ■totclexenqilacc SS Für'» Iwhifti Halbjithrl- 10 »rou«. »anzjLhrt, 20 * Snaetgen: Li« 4m«I aef»at* ien« PetttreU« 24 Heller. £ nO -■ " —Oo 0(P 0 R. fe. Vostfp»riu»V»»««r O Slearln g-verkedr «r. S10.S7S. «edaM,» und Admtnistrnttoa: Wien H/1, Hahugaffe Rr. 15. iy Telefon Nr. 14.847. ( nO- ■' Or Gin Ansspruch des Oberste« Gerichtshofes. Von Dr. Max Grunwald. In einem dieser Tage veröffentlichten Erkenntnisse des Obersten Gerichtshofes vom 1. Juni 1908 liest man den folgenden Satz: „Das tägliche Dankgeüet: Urewigster, ich danke Dir, daß Du mich nicht zum Weibe geschaffen . . .", mag die in den Satzungen, Sitten und Bräuchen des alten, orientalischen Völker wurzelnde Anschauung der strenggläubigen Juden von der gänzlichen Minderwertigkeit des Weibes gegenüber dem Manne zum Ausdrucke bringen, vor dem Strafgesetze hält sie nicht stand." Solche recht befremdliche Worte von dieser Stelle sind zweifellos geeignet, in die weitesten Kreise irriges Urteil zu tragen und dürfen nicht ohne Berichtigung hingenommen werden. Im Ruhmesdiadem des alten Judentumes leuchtet gerade als einer der strahlendsten Sterne die unvergleichlich hohe Stellung, . die es seit den ältesten Zeiten dem Weibe einräumt. Nicht nur in den Kulturen des. Orients, selbst unter den Völkern „abendländischen Geistes" sucht man vergebens auch nur annähernd Aehnliches. Die Frau des Griechen, in ihrer Gynäkonitis nicht viel freier als die Orientalin in ihrem Harem, wird wie eine Ware verhandelt, ist selbst nach dem Tode des Gatten nicht selbständig, wird „weder im Lobe noch im Tadel" erwähnt. Ein Thukydides, der dies berichtet, urteilt selbst: „Wenn es ein Gort ist, der die Frauen erfand, wo immer er sei, er wisse, daß er der Urheber des größten Uebels ist." Nur zwei glückliche Tage, sagt ein griechischer Dichter, bietet die Ehe: den Tag, an dem der Mann die Frau zum ersten Male ans Herz drückt, und den Tag, da er sie ins Grab legt. In „thalamo vel in tumulo“, so drückte der derbe Römer es aus, dessen Muster Cato di'e Frau ein notwendiges Uebel und den Mann in jeder Hinsicht den freien Richter über sein Weib nennt. Als Penelope im Männersaal ihre Meinung zu äußern wagt, wird sie von ihrem Sohne Telemach, dem »besonnenen Jüngling", angefahren: „Du geh doch ins Weibergemach, zu besorgen deine Geschäfte, Spindel und Webstuhl. Das Wort gebührt nur den Männern, allen und mir zumeist, weil mein Wort im Hause die Macht ist". Bei den Galliern haben, nach Cäsar, die Männer Gewalt über Leben und Tod ihrer Frauen. „Der Germane", sagt Weinhold (Deutsche Frauen im Mittelalter II, 10) „konnte sein Weib letztwillig vermachen, es verschenken oder wie ein Jnventarienstück samt Haus und Hof verkaufen". „Auch hat er so zerbläuet darum meinen Leib", klagt Kriemhild über ihren Eheliebsten. Nicht anders steht es um das christliche Altertum, wenn Tertullian das Weib die „Pforte der Hölle" nennt, Hieronymus und Origines das Eheleben ohne Rückhalt als ein Lasterleben geißeln. Welch eine Folie für das Familienleben in den Patriarchenzelten der biblischen Geschichte! Man denke an eine Mirjam, die an der Spitze des Volkes ihren erleuchteten Brüdern würdig zur Seite schreitet, oder gar an eine Deborah, die nicht als Frau oder Schwester eines Großen in Israel, nicht durch Geburt und Verwandtschaft gefördert, sondern einzig und allein um ihres persönlichen Wertes willen Jahrzehnte hindurch das Volk als Oberhaupt im Frieden wie im Kriege leitet, vor allem leiten darf! Wo wurde eine Frau geachtet, wie in Israel Hulda, die Prophetin? Wo traten je junge Mädchen für ihr Recht mit solchem Freimut aus, wie vor Mose,, dem Gewaltigen, die Töchter Zelofchads? Und welches Frauenlob reicht an das Preislied auf das Biederweib (Sprüche Sal. 31) heran, von dem Aug. Wünsche (Die Schönheit der Bibel 3261.) sagt: „Die poetische Zeichnung sollte in jedem Hause, wo noch das Walten und Wirken der Hausfrau geehrt und geachtet wird, mit goldenen Buchstaben über der Tür stehen. Sicher hat unserem Schiller dieses Stück des Spruchbuches vorgeschwebt, als er das Walten der Hausfrau in der Glocke schilderte." Ein Lied, das noch heute in jedem jüdischen Gebetbuch seine Stelle hat. Ueberragend ist. die Stelle der Mutter im jüdischen Haus. Die Bibel stellt die Ehrfurcht vor der Mutter der Ehrerbietung vor dem Vater voran. Bei den Königen wird ausdrücklich der Name der Mutter erwähnt. Ja, von Mose wird der Vater nur flüchtig erwähnt, um so ausführlicher, was er w e i b l i ch e r Fürsorge, der Mutter, der Schwester, der Königstochter, zu verdanken hat.