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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-10-02 · 40 (2.10.1908) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
40 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 40 VL. Bloch's WvckeAchrM Sette 709 giösen Gewissen Zwang antun, sür sie, als Mitglieder einer anderen Konfession, leine bindende Kraft haben mögen. Das Abgeordnetenhaus überwies die Petition dem Kultusminister, der aber nicht mehr der Vorkämpfer des Liberalismus, der inzwischen mit Tod abgegangene Eötvös, sondern, der klerikale Pauler, der Erzfeind der Juden, war, der seine Freude daran fand, zur Teilung der Judenschaft etwas beitragen zu können. Er erledigte das Gesuch genehmigend und unterbreitete auch die Statuten der „Orthodoxen", welche diese Bezeichnung sich selber beilegten, dem König zur Sanktion. So ward das Schisma im ungarischen Judentum zur vollendeten Tatsache. Es gibt daher in Ungarn dreierlei Juden: Kongreßjuden, orthodoxe und Status q u o - Iud e n, das find solche, welche weder den Einen noch den Anderen sich anschlossen, sondern das blieben, was sie waren; aber es gibt noch eine vierte Spezies Juden, und zwar sephardische Juden. Diese entstanden in jenen Orten, wo eine Fraktion von der orthodoxen Gemeinde sich lossagte, ohne aber eine Kongreß- oder Status quo-Gemeinde werden zu wollen. Ist das nicht ein gesegnetes Land, dieses Ungarn mit seinen vier Judentümern! Und die Kluft ward noch dadurch erweitert, ja unüberbrückbar gemacht, daß die orthodoxen Rabbiner in einer Versammlung zur strengsten Darnachhaltung den Beschluß aussprachen und zur öffentlichen Kenntnis brachten, daß alle in nichtorthodoxen Gemeinden fungierende Beamten disqualifiziert seien, das von einem nichtorthvdoxen Schächter Geschlachtete «o 1p80 „trefe" sei, wenn auch derselbe noch so fromm und vertrauenswürdig wäre. Die Scheidung „vom Tisch" war also vollzogen. Ja, sie sprachen es als Beschluß aus, daß wer in einer nichtorthodoxen Gemeinde angestellt war oder auch nur um einen Posten in einer solchen sich bewirbt, in einer orthodoxen Gemeinde nicht angestellt werden dürfe, respektive aus derselben entlassen werden müsse. Und dennoch hatte Rabbiner Kohn keinen Anstand genommen, auf den Posten in einer nichtorthodoxen Gemeinde zu reflektieren. Seinen Schächter, der das gewagt bätte, würde er sofort amoviert haben, aber — quod licet Jovi, non licet bovi. Er hatte keinen Vorgesetzten und Präzedenzfälle gab es genug, auf die er hätte Hinweisen können. Diesem Manne ging daher der Ruf eines strengreligiösen Rabbiners voran und fein Nimbus ward dadurch gehoben, daß er bereits amtierender Rabbiner und kein Dilettant mehr sei. Hingegen war es für ihn vom Nachteil, daß so mancher Familienvater, der heiratsfähige Töchter hatte, seinen im geheimsten Winkel des Herzens verborgenen Wunsch, seine Tochter als Ortsrabbinerin zu sehen, aufgeben mußte — wenn I. E. Kohn gewählt würde, da derselbe bereits verheiratet und Vater von vier Kindern war. Rabbiner Kohn kam erst Freitag vormittags an. Er war eine hohe, martialische Gestalt, wohlgenährt; über seine breite Brust fiel ein langer, rötlich-blonder Bart, den er wild wachsen ließ, als wäre er ein „Nasir". Sein ganzes Auftreten zeugte von stark entwickeltem Selbstbewußtsein und von Energie. Er wurde ebenfalls vom Gemeindediener im Aufträge des Vorstandes vor dem Gasthause empfangen. Nachdem er den Rabbiner ehrerbietig begrüßt und ihm die Hand geküßt hatte, führte er ihn in das für ihn bestimmte Zimmer. Auch sein erster Gang war zum Gemeindepräses, der ihm freundlich entgegenkam. Als Rabbiner Kohn die Schwelle des Hauses überschritt, warf er einen Blick auf die Türpfoste, als würde er etwas da suchen. „Sie suchen die Mesusa,"*) bemerkte ihm Dr. Schwarz, „Sie können beruhigt sein, Sie werden an allen Türen meines Hauses eine solche finden, aber hier in der Kanzlei, wo so viele verkehren, ist sie etwas versteckt, da ich. doch nicht allen erklären kann, welche Bedeutung eine Mesusa hat." *) Ein an der Türpfoste angebrachtes, in einer Kapsel ruhendes Pergament, auf das ein Abschnitt aus der heil. Schrift und auf dessen Außenseite der Gottesname „Schaddai" (Allmächtiger) geschrieben ist. Kohn legte andächtig auf die Mesusa die Hand, die er dann zum Munde führte. Der Präses ließ sich mit ihm in kein Gespräch ein, sondern bedeutete ihm gemessen, daß er mit gutem Gewissen bei dem jüdischen Gastwirt speisen könne, da derselbe in religiöser Beziehung vollkommen vertrauenswürdig sei. „Sie entschuldigen schon, Herr Präses." bemerkte hierauf der Rabbiner. „Ich lege an die religiöse Vertrauenswürdigkeit einen anderen Maßstab an; ich werde mir das schon selber besorgen." „Wie es Ihnen beliebt," erwiderte kalt der Präses, indem er sich verbeugte. Kohn empfahl sich und ging noch zum Vizepräses, zum Kassier und Kontrolor. Zuhause angekommen, schickte er den Gemeindediener zu den Schächtern mit dem Bedeuten, daß sie im Laufe des Nachmittags ihn besuchen und die Schächtmesser mitbringen mögen. Sein Mittagmahl beschränkte er auf Fische, die zum Glücke nicht geschlachtet zu werden brauchen. Nachmittags meldete sich nur der eine der Schächter, der andere, der zugleich Kantor, oder wie er sich mit Vorliebe nannte, Oberkantor war, verweigerte den Gehorsam. Nachdem Kohn das Schächtmesser vollkommen einwandfrei, ohne die mindeste Scharte, „scharf und glatt" gefunden, fragte er den Schächter, ob er nicht geneigt wäre, ihm für die Zeit seines hiesigen Aufenthaltes die Kost zu verabreichen, was dieser bereitwilligst zusagte. Hierauf nahm er ein rituelles Tauchbad zu Ehren des herannahenden Sabbats. Nachhause gekommen, erwartete ihn schon „der Mann für Alles", der Agent Spitzer. Nachdem er in seiner breitspurigen Weise sich dem Rabbiner vorgestellt hatte, ging er sofort ohne alle Umschweife auf den Zweck seines Besuches über. „Als erfahrener Mann, der die Verhältnisse unserer Zeit mit Aufmerksamkeit beobachtet, werden Sie es wohl wissen, daß heutzutage in kleineren Gemeinden nur ausnahmsweise ein Rabbinerposten ohne Geldopfer zu erreichen ist. Ich habe Fühlung mit einflußreichen Mitgliedern der Gemeinde, deren Stimmen für Geld zu haben find. Nun, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben und dasselbe mit Ihrem Handschläge bekräftigen, daß Sie mir, im Falle Sie gewählt würden, zweitausend Kronen, soviel Ihr Jahresgehalt beträgt, in vierteljährigen Raten einhändigen, so glaube ich Ihnen Jhre>Wahl verbürgen zu können." „Lieber Herr Spitzer! So ungern ich auch auf einen solchen Handel mich einlasse, so muß ich Ihnen dennoch leider recht geben. Ich selber habe in letzter Zeit von einigen Fällen Kenntnis, wo bei Rabbinerwahlen viel „gemacht" wurde. Nicht das Verdienst, sondern „das Geld entscheidet alles" hat schon der weise und erfahrene Kohelet gesagt; aber Ihre Forderung ist für meine Berhältniffe viel zu hoch. Sie werden wohl den Preis bedeutend reduzieren müssen. Allenfalls aber wäre es noch verfrüht, abzuschließen. Wir wollen erst die Wirkung des morgigen Vortrages abwarten. (Er vermied es absichtlich das Wort: Predigt zu gebrauchen, denn „Prediger" wollte er nicht sein.) Darnach wird sich auch der Betrag bemeffen laffen; denn wenn — wie ich hoffe — der Erfolg ein durchschlagender sein sollte, so haben Sie leichtere Arbeit. Unmittelbar vor meiner Abreise schließen wir ab." Spitzer ging nicht befriedigt von dannen; er hätte gern jetzt schon bindend abgeschlossen, da er für alle Fälle nur gewinnen und nichts zu verlieren hatte. Rabbiner Kohn kleidete sich um und ging in die Synagoge. Dort beanstandete er, daß die Estrade (Almemor) nicht in der Mitte des Gotteshauses, sondern vor der heiligen Lade stand, und daß das Gitter auf der Frauengallerie nicht genug dicht sei, aber er machte vorläufig keine Aeußerung darüber. (Fortsetzung folgt.)

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