Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 704 Sr. Moed's MocbenscdrLN. Nr. 40 m wohin ihn die Pflicht rief. Eine peinliche Sauberkeit begrüßt uns hier und ich bewundere, wie geschäftige Hände für 350 Personen den Kaffee und das Gebäck in wenigen Minuten vorrichten und mittelst eines Aufzuges in die einzelnen Stockwerke befördern. Die Einrichtung der Küche ist für jede Hausfrau eine Sehenswürdigkeit, denn wir finden hier alle Errungenschaften der Technik vom Pappinischen Suppenkessel bis zur elektrischen Nudelschneidmaschine vertreten, und alles blitzt und blinkt so tadellos wie Äuslagsstücke eines Einrichtungsetablissements und nicht wie fast ununterbrochen in Benützung stehende Requisiten. Wir befinden uns im Halbsouterrain und besichtigen nun die anstoßenden Räumlichkeiten: Speise- und Spülkammern, den imposanten Maschinenraum mit den Dampfkesseln, welche die Luftheizung des Riesengebäudes und den Betrieb der Aufzüge bewerkstelligen, die Depotkammern und Dienstboteuwohnungen, und ich empfinde es, in einem Hause zu sein, in welchem praktischer Sinn und Ordnungsliebe wällen. Vom Parterre aus begeben wir uns in den Garten, bei dessen Betreten ich nun Gelegenheit habe, die ersten Insassen des Hauses zu erblicken. Greise und Greisinnen humpeln und fitzen da, plaudernd, lesend, sich des herrlichen Sommertages fteueud, den uns der späte September noch unerwartet gebracht. Mein Begleiter klärt mich auf, daß jene in den altmodischen Feiertagstoiletten Insassen des Versorgungshauses, die in Spitalskleidern solche der Siechenaustalt seren. Bald sehen wir die altertümlichen Grabsteine des angrenzenden Friedhofes aus dem Grün emporragen. Sie bezeichnen die letzte Ruhestätte von Männern, deren Namen mit der Geschichte der Juden in Wien unlösbar verknüpft sind. Rasch verging die Zeit und die Stunde für den Abendgottesdienst war gekommen. Wir gehen zurück in das Haus, in dessen II. Stockwerk sich ein geräumiger Betsaal befindet. Heute, am Rosch-Haschono, reicht er nicht aus und es mußte noch in einem zweiten, großen Saale ein Minjan eingerichtet werden. Diese Versammlungen von Greisen und Greisinnen zu andachtsvollem Gebete wird mir nicht bald aus dem Sinn kommen. Selten noch war ich so tief ergriffen, wie in jener halben Stunde, da ich mich in ihrer Mitte befand. Nach Schluß des Gottesdienstes traten wir nun einen Rundgang durch die Zimmer und Korridore jenes Traktes an, der gerade vor zwanzig Jahren aus Anlaß des vierzigjährigen Regieruugsjubiläums unseres geliebten Monarchen als Grundstock des heutigen Komplexes errichtet wurde. Helle, geräumige und luftige Zimmer, nett und behaglich eingerichtet, reihen sich aneinander und wieder ist es die peinlichfle Sauberkeit, die einem überall entgegenleuchtet. Ww betreten eines derselben, in welchem 4 alte Frauen den Lebensabend miteinander verbringen. Eben hatte jede ihre Kerzen entzündet und uni sono tönen uns ihre Neujahrswünsche entgegen. So verschieden ihre Lebensschicksale, bevor sie in das Heim gekommen, auch gewesen, hier sind sie Freundinnen und sind fast sprachlos vor Erstaunen, als ich an sie die Frage richtete, ob sie sich miteinander vertragen. Und nun gehen wir weiter. In jedem Zimmer sehen wir auf dem Nachtkästchen Bilder teurer Angehöriger des Insassen und voll Stolz weist eine alte Frau auf die Photographie einer hervorragenden künstlerischen Persönlichkeit der Wiener Gesellschaft, in der sie mir chren Neffen vorstellt. Alle begrüßen sie den Verwalter respektvoll und mit Segnungen; sie erzählen mir, wie angenehm und schön sie es hier haben, wie gut das Essen ihnen geschmeckt und wie vortrefflich der Baal Tefiloh heute gebetet. Es mag nicht leicht sein, für jedes Zimmer harmonierende Genossen zu finden. Freilich, jene Räume, in welchen Ehepaare untergebracht sind, machen in dieser Beziehung weniger Sorge. Wir betreten ein solches Zimmer, von dessen Bewohnern freundlichst begrüßt. Erst seit einigen Monaten sind sie hier. Er war ein wohlhabender Kaufmann in einem Vorortebezirke und au der Wand sehe ich ein Diplom, mit welchem ihm vor zwei Jahrzehnten die Ehrenmitgliedschast eines bekannten und großen Wiener Humanitätsvereines verliehen wurde, eine zweite Urkunde unter Glas und Rahmen dokumentiert seine einstige Zugehörigkeit zum Hausbesitzervereine. Der Zeiten Wandel hat ihm in den alten Tagen ein neues Heim bescheert und er sah mir darüber gar nicht unglücklich aus. In einem anderen Ehepaar-Zimmer finde ich an der Wand eine große Zahl von Ansichtskarten geschmackvoll gruppiert. „Von unseren Enkerln", erklären mir die Bewohner, als ich hinblickte, und ihre Augen leuchten auf. WM Wir gehen weiter und betreten den Zubau, der vor zehn Jahren errichtet wurde, das Siechenhaus. In den Gängen Rollwagen mit unheilbaren Kranken, in den Sälen Unglückliche aller Altersklassen, Jammerbilder, die selbst dem Abgehärteten die Tränen in die Augen treiben. Ich trete an das Bett eines scheinbar jungen Mannes mit hübschen, intelligenten Zügen, „33 Jahre alt, unheilbare tabes, seine junge Frau war heute mit seinen zwei schönen Kindern hier und ihr Jammer war kaum zu ertragen", berichtet mir der Verwalter. An den Krankensaal schließt sich ein verglaster Tagraum, wo einige Patienten mit ihren Pfeifen auf Streckfauteuils und in Lehnstühlen den Abend plaudernd verbringen. Einer unter ihnen ist verstimmt. Er kränkt sich, beim Vormittags-Gottesdienste nicht wie in früheren Jahren aufgerufen worden zu sein. Rasch hat ihn der Verwalter getröstet, indem er ihm für den zweiten Roschhaschono-Tage „Schelischi" verspricht. — Liebevoll müssen hier Arzt und Pflegerin ihres Amtes walten, denn nirgends hört man eine Klage und Dankbarkeit spricht aus den Augen jedes Patienten, an dessen Bett wir treten. — Die Einrichtung der Säle, der Baderäume und Teeküchen, des Ordinationszimmers rc. entspricht den höchsten Anforderungen der Hygiene und der Zweckmäßigkeit. So gelangen wir noch in den dritten, vor wenigen Wochen seiner Bestimmung übergebenen Trakt, dessen Bau durch die Spende einer edlen Wohltäterin, welche die Erhaltungskosten für 40 Betten fundierte, veranlaßt wurde. Die Tradition des älteren Haustraktes finden wir hier fortgesetzt. — Bevor ich die Anstalt verlasse, besichtige ich noch das Wäschedepot, das, in mustergiltigster Ordnung-gehalten, in seiner Art eine Sehenswürdigkeit bildet, koste das Nachtmahl, das eben, den Insassen serviert wird, und verabschiede mich vom Personale, das in diesem Hause, nach dem Gesamtbilde zu schließen, nicht nur seine Pflicht erfüllt, sondern mit Liebe und Hingebung dem herrlichen Werke dient. Und als ich den Heimweg durch stille Gassen wandte, da spiegeln sich mir im Geiste alle Gestalten und Gegenstände wieder, die ich eben gesehen. Ich denke an die Männer, deren Namen auf den verwitterten Grabsteinen nur mehr schwer zu entziffern, an die betenden Greise und Greisinnen, an die Vorsteher unserer Gemeinde, die dieses Werk geschaffen und ausgestaltet haben, es leiten und verwalten, ich denke an unsere Jugend, die in solchem Geiste weiterwirken soll, wenn die Männer von heute nicht mehr sind. Und in diese Gedanken mischt sich plötzlich ein Gefühl tiefster Erbitterung. Ich erinnere mich, vor wenigen Wochen in einem Blatte, das sich jüdisch nennt, über diese Anstalt, welche mir als die mustergiltigste erschien, einen Schmähartikel gelesen zu haben, der von der Unzufriedenheit der Schützlinge, von ungenießbarer Kost und dergleichen mehr handelte. Ich entsann mich, erst vor wenigen Tagen ein Flugblatt ins Haus erhalten zu haben, in welcher über die Schöpfer und Verwalter dieser herrlichen Institution, über diese „Wahlrechtsräuber" und „Luegerschüler", die sich so sehr au ihre Mandate klammern, losgezogen war. Mit einem Freunde sprach ich ‘ hierüber. Er meinte, das sei ein Blatt der „Jugend". Ich denke, für diese Jugend muß etwas geschehen .... G. F. Israel. Kultusgemeinde Reichenberg. Die Wahlen in die Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde in Reichenberg haben am 13. September 1908 für den zweiten Wahlkörper und am 15. September 1908 für den