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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-10-02 · 40 (2.10.1908) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
40 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 40 Dr. Lloeb's MocdensedrLtt. Seite 708 der Verwendung des Hahnes am Rüsttage des Versöhnungstages und der eigenartigen Stellung des Hahnes im religiösen Volksleben einen kausalen Zusammenhang zu erkennen.") Man tut der Kabbala unrecht, wenn man ihre religionsgeschichtlichen Winke unbeachtet läßt; m. E. scheint sie auch in dieser Frage das rechte getroffen zu haben.") So stellt sich der Brauch des Hahnschlachtens am Ereb I. K. als ein Produkt dar, an welchem verschiedene Faktoren mitgewirkt. Daß sie zum Teil eine nichtjüdische Färbung haben, verschlägt' deshalb nichts, weil die Phantasie, die in solchen Dingen eine große Rolle spielt, bet der Wahl ihrer Mittel und Behelfe nicht nach Ursprung und Charakter fragt, sondern sie dort nimmt, wo sie sie eben findet. Dem sei aber wie es wolle, keinesfalls wird in diesem Brauch die Idee eines stellvertretenden Blutopfers gesucht werden dürfen. Ist der Gedanke, daß ein Mensch oder Tier für einen anderen stellvertretend leide, schon an sich ein heidnischer, so muß es nachgerade als unlogisch und vollkommen ungeschichtlich bezeichnet werden, ihn in dem „Hahnopfer" ausgedrückt zu finden. Auf der tausendmeiligen Strecke des Talmud und Midrasch kräht kein Hahn nach diesem Opfer. Es ist eines von den vielen Mittelchen, wodurch die im naiven Volksglauben lebenden Schrecken des Versöhnungstages abgewendet oder wenigstens gemildert werden sollten; jedoch niemals konnte es das volle Bürgerrecht im Judentum erlangen. Korrespondenzen. Bergani als Erzieher. Das „Deutsche Volksblatt" nimmt wieder einmal Gelegenheit, sich über Zustände im Wiener Judentum aufzuregen. obzwar es von der christlichsozialen Tür ganze Misthaufen wegzukehren hätte. Diesmal ist es das Friedhofsamt der Kultusgemeinde, das die Ehre eines Angriffes hat, der unter dem Titel erschien, „Wagenbeistellung für jüdische Leichenbegängnisse". Sehr weitschweifig wird in diesem Artikel ausgeführt, daß ein Leidtragender acht Wagen und einen Omnibus für das Leichenbegängnis seiner Mutter bestellt und bezahlt hätte, daß aber nur sieben Wagen gekommen seien und das Friedhofsamt zehn Kronen für den achten Wagen einfach eingesteckt hätte. So sei es dem „Deutschen Volksblatte" von einem Einsender mitgeteilt worden, was uns glaubhaft erscheint, weil sich manche Juden nicht entblöden, ihr eigenes Nest durch Anrufen der Antisemiten zu besudeln. Das „Deutsche Volksblatt", das — man höre und staune — nicht mit den Mitteln der Verleumdung hatte arbeiten wollen, wendete sich angeblich an den Vorstand des Friedhofdepartements um Aufklärungen. Dieser zitierte den Beamten Heinrich E n g e l, welcher folgende Auskunft gab: Das Friedhofsdepartement hat immer Anstände mit dem jüdischen Fuhrwerksbesitzer Neumann, der weniger berücksichtigt wird als seine Konkurrenten und sich bei Leichenbegängnissen als der erste vor dem Haustore aufstellt. Dann müßte ein Wagen immer als überzählig wieder wegfahren oder aber man müsse gegen Neumann die Polizei anrufen, woraus Reibereien entstehen. — „Polizei muß also bei jüdischen Begräbnissen Ordnung schaffen," schließt das „Deutsche Volksblatt" in heller Empörung, „neben einer Leiche werden Konkurrenzkämpfe ausgetragen. Und so ein Volk will von Moral und Sitte sprechen, will uns vorlügen, daß es Gefühle des Herzens kennt?" Schon früher wird in dem Artikel das Vorgehen des Friedhofdepartements eine — gelinde gesagt — unregelmäßige Gebarung genannt. 4S) Das Schlachten des Hahnes hatte vermutlich seinen Grund, weil man die Armen mit Fleisch versehen wollte. 44) Vgl. Sohar zu r6ü"a, besonders aber, Jesaia Hurwitz ri"b® zu Jom Kippur: Lin ixv »nmaan niv wm bia-in n-n •tm nonn Das Friedhofsamt der jüdischen Kultusgemeinde bedarf nun unseres Schutzes ebensowenig wie Herr Engel. Es würde ja auch ein brausender Sturm der Entrüstung losbrechen, wenn das Friedhofsamt nicht verstünde, die hohe jüdische Pietät gegen die Toten in jeder Form zu wahren und wenn es die heilige Weihe seiner Aufgabe in irgend einer Weise verletzen würde. Was Herrn Engel betrifft, der sich überall großer persönlicher Beliebtheit erfreut, so ist es wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß er Aufsehen gemacht hat durch die peinliche Musterwirtschaft, welche er in seinem Wirkungskreise einrichten half, und daß er mit vollem Recht das felsenfeste Vertrauen seiner Vorgesetzten genießt. Es ist gleichwohl möglich, daß ein Mensch, wie ein vordringlicher Fuhrwerksbesitzer, durch gewalttätiges Vorgehen die Ordnung stört, doch ist selbstverständlich nur gegen diesen ein Vorwurf am Platze, nicht gegen die Beamten des Friedhofsamtes. Letztere wollen Szenen vor einem Trauerhause vermeiden und einen Juden nicht dem Gericht übergeben, woher es auch kommen mag, daß dieser Neumaun sein Treiben fortsetzen kann, bis man ihm nicht doch endlich mit Güte oder Gewalt zur Vernunft bringen wird. Es ist aber ganz ausgeschlossen, daß im Friedhofsamt der Leidtragende materiell geschädigt wird, es sind ja keine Christlich-Sozialen darin. Man ist im Gegenteil in diesem Departement anerkanntermaßen streng bemüht, die Kosten für die Parteien möglichst zu vermindern, und macht mit Toten keine Geschäfte, weder bei Wagen noch bei Wahlen. Bezeichnend ist jedoch die angebliche Aengstlichkeit des „Deutschen Volksblattes", ja keine Verleumdung zu verbreiten — ein effektvoller Witz — und seine Erkundigung beim Leiter des Friedhofamtes. Da letzthin im Stadtrate die Rede davon war, daß die städtische Omnibusgesellschaft die Bespannung für die Leichenwagen bei jüdischen Begräbnissen beistelleu solle, so war die überraschende Genauigkeit immerhin möglich. Wie unsere Erkundigungen über die Erkundigung jedoch ergaben, hat sich das „Deutsche Volksblatt" absolut nicht beim Vorstand des Departements erkundigt, der sofort den Beamten Engel zitierte, wie zu lesen steht, sondern man hat mit einem Diener gesprochen, der nicht wußte, um was es sich handelt und auch nicht jeden Vorwurf gegen das Friedhofsdepartement an der Hand von Akten energisch zurückwies, wie es in jedem Moment möglich ist, wenn das „Deutsche Volksblatt" nicht Phantasieinformationen einholen will, sondern wirkliche. Es mag aber ruhig auf christliche Friedhöfe schauen, wenn es Stoff zur Entrüstung sucht, für die jüdischen werden wir auch ohne christlichsoziale Erzieher selber sorgen wie bisher. Ein Nachmittag bei den Greise» «nd Siechen. Gerne benütze ich freie Stunden zur Besichtigung humanitärer Institutionen. Es tut so wohl, in der heutigen Zeit, da der Kampf ums Dasein immer schwieriger, die Not größer und die Masse täglich ärmer wird, wahrzunehmen, daß Nächstenliebe und Edelsinn aus dieser Welt noch nicht entschwunden sind, daß sie vielmehr, durch die Verhältnisse angefacht, sich stetig ausbreiten zu einem Bande, das die Menschen einigen und erheben soll zu einem Glauben, der in den Worten seine Stütze findet: „Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst." Am ersten Roschhaschonoh-Tage führte mich mein Weg durch die Seegasse im IX. Bezirke und ich stand da vor einem imposanten Bau, dessen Inschrift mich das Altersversorguugshaus der Wiener israel. Kultusgemeinde erkennen ließ. Ich hatte das Haus schon häufig nennen gehört, wenn von dem „alten Judenfriedhof" in der Seegasse die Rede gewesen. Seine Einrichtungen waren mir bis zu diesem Tage fremd. So trat ich denn ein und wandte mich an den Verwalter, Herrn B r ö s l e r, mit dem Ersuchen, mir die Besichtigung zu gestatten. In freundlichster Weise willfahrte der Beamte meiner Bitte, indem er mich unter Hinweis auf die eben stattfindende Jause zunächst in die Küche führte, /H f; - i i I l:

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