Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 702 s>r. Lwcd s Mocdenscbrltt. Nr. 4o aufgehört, denselben mit aller Kraft zu bekämpfen, bis es mir endlich gelungen ist, meine Stadtlente gänzlich davon abzubringen. Meir Rotenburg, der bedeutendste Rabbiner Deutschlands im 13. Jahrhundert, äußert sich»*): Es ist Sitte, am Ereb Jomkippur einen Hahn zu schlachten und ihn an arme Leute zu verteile». Bor dem Schlachten werden die Worte gesprochen: Dies ist mein Tausch, dies meine Auswechslung.»'^) In Nr. 283 der von Buber edierten heißt es: Es besteht die Sitte die Kapparah am Vortag des Rosch- Haschonoh zu machen. Josef Karo»») meint, die Sitte des Hahnschlachtens sei abzustellen, ansen wob Nach Lebusch können auch Fische zur Kapparah verwendet werden. Samuel Kelin bpvn rratna. findet nirgends in der Schrift einen Stützpunkt für den Brauch und meint, *6« id'ni er sei ganz unwesentlich. Endlich Leon d. Modena»* * * 4): Im Orient und in Italien wurde der Miuhag abgeschafft, weil er keine Grundlage in der Schrift habe, iipv taw ia p«®»5 *) Schon aus dieser, auf Vollkommenheit keineswegs Anspruch erhebenden Zusammenstellung ergibt sich: Das Hahnschlachten am Vorabend des Versöhnungstages als feststehender Gebrauch ist nicht vor dem 10. Jahrhundert bezeugt. Die größten rabbiuischen Autoritäten vom 11.—15. Jahrhundert bezeichnen ihn als unjüdisch, ja direkt heidnisch, dem jegliche Grundlage im jüdischen Schrifttum fehle, und fordern deshalb nachdrücklich dessen Abschaffung. In der Tat beginnt der hierauf bezügliche Abschnitt im Tur Or. Ch. mit den Worten: a-:nw maipa vr Erst R"mo und Bach, die für die heutige religiöse Praxis maßgebend sind, rechnen damit als mit einem allgemein bekannten, obligaten Minhag. Neben dem Hahnschlachten, das auch am Vortage des Rosch-Haschonoh und bei anderen Gelegenheiten, wie z. B. der Geburt eines Knaben üblich war, gelangten am Rüsttage des Jomkippur auch noch andere Gebräuche zur Verwendung. In manchen Gegenden wurde ein Fisch oder ein mit Hülsenfrüchteu gestillter Gärtnertopf um das Haupt geschwungen und dabei die bekannte Formel gesprochen. Doch scheint diese ursprünglich gelautet zu haben: Dies ist mein Austausch, dies meine Auswechslung, 'rnaa m dürfte erst später vielleicht unter kabbalistischem Einfluß hinzugekommen sein. Angesichts dieser Tatsachen das „Hahnopfer als einen Notschrei der geängstigten Gemüter nach einem Blutopfer" zu bezeichnen, ist wahrlich mehr, als selbst heiliger Missionseifer sich zumuten darf. Es erübrigt nur noch die Erledigung der Frage, was unter 'narrn wi zu verstehen sei. Eine Mischnah in babl. Aboda Zorah lehrt, man dürfe nicht einen weißen Hahn an einen Heiden verkaufen, weil man sich dadurch zum Urheber eines Götzendienstes mache. Die Verwendung des Hahnes zu götzendienerischen Zwecken war demnach zur Zeit der Mischnah allgemein verbreitet gewesen. Ein Blick in den mythologischen Kreis der alten Kulturvölker bestätigt diesen Tatbestand. Schritt auf Schritt begegnen wir daselbst dem Hahukultus in den verschiedensten Formen, wie ein roter Faden zieht er sich durch den Komplex der indo-arischen, semitischen und römisch-hellenischen Mythologie hindurch.»») Im Bundehesch und den Avesta wird dem Hahn besondere Kraft und Stärke, vor allem aber die Fähigkeit zugeschrieben, die äußerste Grenzlinie zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden und in weiterer Folge die Zeiten überhaupt zu bestimmen. Ein Gegenstand göttlicher Verehrung, wurde der Hahn durch Veranstaltung besonderer Feste geehrt, wobei er dann selbst als Opfer dargebracht 31) Siehe: Taschbaz, Nr. 155. Auch hier fehlt das Tnaa nt-, 3S) Vgl.: Tur, Or. Ch. und Mögen Abr. Paragr. 605. 3‘) Vgl. seinen „Ritus" übersetzt von S. Rubin 1fc67. 3S) Alle die angeführten Autoren machen keinen Unterschied zwischen einem weißen und schwarzen Hahn, ein solcher findet sich erst bei den späteren, namentlich Moses Jsserles und Joel Zirks (Bach). ae) Vgl.: ^>unnn *naa in der Zeitschrift „Hakarmel" 1863 Nr. 9, von S. Rubin. Auf diese Arbett wurde ich von meinem Freunde Dr. Wachsein aufmerksam gemacht. worden war. Im Veudidad Kap. 18 weckt der glanzumwobeue Himmelshahn die Andächtigen des Morgens zum Gebet, nachdem er des Nachts die Erde bewacht und die bösen Geister bekämpft hatte. Wotan versammelt täglich die Paradiesbewohner des Morgens, sobald der Hahn seinen Ruf ertönen läßt. Wer da weiß, daß zur Zeit des Niederganges des römischen Imperiums zahlreiche alteranische und indo-arische Elemente in die römische Mythologie eingedrungen, wird es natürlich finden, den Hahnkultus auch in diesem Kreis gut vertreten zu sehen. Merkur, der geschäftige, der über die genaue Durchführung der Weltordnung Jupiters wacht, hat als Attribut den Hahn, als Zeichen der Wachsamkeit und Kampflust. Das Attribut Aeskulaps ist ein Hahn, welcher die Wachsamkeit des Arztes anzeigen soll. Bei den Asklepieen, die zu Epidaurus gefeiert wurden, wurde ein Hahn geopfert. Die alten Griechen (Ionier) opferten nach überstandener Krankheit einen schwarzen Hahn, die Spartaner einen weißen, nachdem sie siegreich vom Krieg heimgekehrt. *7) Bekanntlich hat Sokrates, bevor er den Giftbecher geleert, einen Hahn zum Opfer gebracht. Es wäre sehr verwunderlich, wenn Palästina von diesen Dingen ganz unberührt geblieben wäre; in der Tat sind für das Gegenteil zahlreiche Anhaltspunkte vorhanden. Das samaritanische ist nach babl. Sanhedr. 63 und Jerusch. (Anfang Kol hazlanim) nichts anderes als ein aus Holz geschnitzter Hahn.»») Im IV. Buch Moses Kap. XXXIII, 35, wird -oa |rati?a um vom Targum Jerusch, übersetzt; «rkiaa->n -paa ibtav worunter vermutlich eine dem Hahnkultus geweihte Stätte gemeint ist. In babl. Kerith. 5 b wird der Rat erteilt, wenn jemand wissen wolle, ob seine geschäftlichen Unternehmungen im Laufe des Jahres gelingen würden, nehme er in den Tagen zwischen Rosch-Haschonoh und Jom - Kippur einen Hahn in sein Haus und beobachte dessen Gedeihen. In seinen Reisebeschreibungen aus Jerusalem berichtet L. A. Frankel, es sei dort noch heute Sitte, falls iw Laufe eines Jahres in einem und demselben Haus zwei Menschen sterben, einen Hahn zu schlachten, dessen Kopf und Füße einzugraben und das Fleisch an Arme zu verteilen. Wenn auch nicht als Gegenstand besonderer Verehrung, so wird der Hahn im jüdischen Schrifttum doch als ein von Gott durch die Fähigkeit ausgezeichnetes Tier hingestellt, den anbrechenden Morgen in den ersten Phasen zu beobachten und die Schlafenden zu wecken.»») Da die ersten Morgenstunden für das religiöse Leben des Einzelisraeliten wie auch die kultuellen Handlungen im Heiligtum von großer Wichtigkeit waren 40), so lag es nahe, dem Hahn als Erwecker des Morgens eine exzeptionelle Stellung und Bedeutung im Ritus einzuräumen.") In erhöhtem Maße gilt dies von dem Rüsttag des Jom- Kippurim. Für die große Masse der „Mittelmäßigen", bei denen sich die guten und bösen Werke die Wagschale halten, war er ja doch von ausschlaggebender Bedeutung4»); kein Wunder, wenn jeder Stunde, ja Minute dieses Tages besondere Kraft und Wirkung zuerkannt wurde. Man braucht sich demnach noch keineswegs auf das schlüpfrige Terrain religionsgeschichtlicher Hypothesen zu begeben, um zwischen S7) Vgl.: Vollmer, Wörterbuch der Mythologie der alten Völker. »8) Siehe Aruch s. v. *?a"ia ferner Rubin 1. c. Wie mir mein Kollege. Professor Grosch an der Staatsrealschule im zweiten Bezirk, mitteilt, ist das Hahnschlagen am Tage des St. Vitus in Böhmen und Nordmähren noch heute gebräuchlich. 39) Vgl. Job Kap. XXXVIII 36 und die talmudische Auslegung in babl. Rosch-Haschonoh 26 s. Nach kabbalistischer Auffassung besitzt der Hahn diese Fähigkeit, weil seine Flügel täglich morgens von dem mit göttlichem Geist erfüllten Nordwind berührt werden. Vgl. das kabbalistische Werk, Toeleth Jakob. 4°) Vgl. babl. Joma 20 a u. a. 41) Vgl. die aus dem Talmud in das Morgengebet aufgenommene Benediktion: nra 'wrov fnwr, ferner babl. Berachoth 60 b. Tur, Or. Ch. Par. 46. Es ist eine sehr alte Sitte, dem Neuvermählten Ehepaar als Zeichen der Fruchtbarkeit einen Hahn und eine Henne vorzusetzen. In babl. Gittin 57 a wird erzählt, zu welcher Katastrophe diese Sitte einst geführt. 43) Vgl. babl. Rosch-Haschonoh 161,