Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 700 Dr. Vlocd's Moedenscdrm. Nr 4V offiziellen Kreise gingen achtlos an ihm vorüber und machten nicht einmal den Versuch, den Künstler in seinem Vorhaben aufzumuntern. Ihn traf dasselbe Schicksal wie den berühmten Porträtmaler Leopold Horowitz, der vor ungefähr 15 Jahren, nachdem er 20 Jahre hindurch der gefeierte Hofmaler der russischen Aristokratie gewesen, nachdem er u. a. mit dem Porträt der Fürstin Sapieha überall Aufsehen erregt hatte, die Absicht hatte, in seiner alten Heimat, in Ungarn, sich dauernd niederzulaffen, schon nach einjährigem Aufenthalte in Budapest die Erfahrung machen mußte, daß sein Nimbus in seinem Vaterlande im Erlöschen begriffen ist. So lange er in der Fremde Lorbern erntete, wurde er natürlich als „ungarischer Künstler" reklamiert, kaum war er aber „zuhause", wurde er mit auffallender Kälte behandelt. Horowitz hat noch rechtzeitig die ungemütliche Atmosphäre verlaffen und gilt heute als die Zierde der Wiener Künstlerwelt. So hat denn auch Max Klein vor acht Jahren seine Revatriierungsabsichten aufgegeben. In Kunstsachen ist man selbst in Rußland dem jüdischen Künstler gegenüber liberaler als in Ungarn. Antokolskij, der Sohn des Wilnaer Schachet, ist vor Jahrzehnten gleichfalls zu Fuß nach Petersburg gewandert, um sich dort in der Bildhauerkunst auszubilden, und als er im Alter von vierzig Jahren nach vielen großen Kämpfen und Entbehrungen sich in Paris schließlich einen Weltrubm errungen hatte, da wurden ihm in seiner russischen Heimat, ja selbst vom Zaren, größere Aufträge zuteil: die weltberühmte Statue Peters des Großen, das gleichfalls berühmt gewordene Monument Ivans des Grausamen sind Werke des großen jüdischen Künstlers, der kaum zehn Jahre lang sich des Genusses seines Weltruhmes erfreuen durfte und vor einigen Jahren als einer der größten Bildhauer Europas sein Leben beschloß. Max Klein wurde nach seinen Berliner und Pariser Erfolgen zum Professor llouoris eausa an der Berliner Kunstakademie ernannt. Im Grunewald bei Berlin steht sein großes Bismarck-Denkmal. Max Klein hat arch biblische Stoffe verarbeitet, und zwar: „Hagar und Jsmael". „Samson zu Fußen Delilahs" und „Die Sintflut". Die letztere Komposition gedieh wohl bloß bis zu einer Tonskizze, aber auch in dieser Form wurde sie zu den sensationellen Kunstwerken der Achtziger-Jahre gezählt. Auf eine aus den Wellen hervorragende Bergspitze klettern Menschenmaffen, Haus- und Raubtiere hinan. In ihrer vanikartigen Rettungsflucht kämpfen Männer, Frauen, Kinder und Tiere wild untereinander, um das eigene nackte Leben. Dieses Werk Kleins hat in verschiedenen photographischen Vervielfältigungen Verbreitung gefunden und allenthalben Aufsehen erregt, konnte jedoch wegen seiner großen Dimensionen nicht zur Ausführung gelangen. Max Klein hat lange und viel gelitten, bis er die Stufenleiter des Ruhmes erklommen und im Wohlstände sein Leben beenden konnte. Aber weder die Not noch der Wohlstand und das Glück vermochten in ihm den Juden zu erschüttern. Er blieb seinem Volke und seiner Reliaion treu in allen seinen Lebenslagen. Dies muß schon deshalb betont werden, weil es in Ungarn auch andere Künstler jüdischer Abstammung gibt, die ihre Ausbildung gleichfalls dem „Israelitischen Handwerkervereine" zu danken haben, nach ihrem ersten Erfolge aber ihren Namen und bald darauf ihren Glauben gewechselt haben . . . Dr. Adolf Kollinsky Von Eduard Jonas. Der Mann, dessen Andenken diese Zeilen gewidmet sind, ragte nicht durch den bleibenden Wert seiner wissenschaftlichen Leistungen, auch nicht durch eine politische Rolle unter seinen Zeitgenossen hervor. Sein Verdienst ist einzig und allein, jener intellektuellen Jugend angehört zu haben, welche im Sturmjahre 1848 in heiliger Begeisterung sür Freiheit und Menschenrechte ihr Leben dahingab und deren kostbares Blut den Boden düngte, auf welchem ein neues Oesterreich emporwachsen sollte. Adolf Kollinsky wurde im Jahre 1825 zu Pest geboren- Sein Großvater Hirsch Kollinsky, der von Deutsch-Kreuz in Ungarn nach Wien gekommen war, gehörte einer Judenfamilie an, welcher durch die josefinischen Toleranzgesetze der dauernde Aufenthalt in Wien gestattet war. Derselbe erfreute sich trotz der bewegten napoleonischen Kriegszeiten durch seinen nicht unbedeutenden Weinhandel eines gediegenen Wohlstandes und bezeugte später seinen ftommen Sinn, indem er für den neuerbauten Tempel in der Seitenstettengasse eine Thorarolle widmete. Seine ältesten Söhne Sigmund und Josef Kollinsky erlangten, im Jahre 1824 das Niederlassungsrecht in Pest und gründeten daselbst eine Großhandlung in Wiener Manufakten, durch welche sie es bald zum Wohlstände und zu Ehrenstelleu in der Pester jüdischen Gemeinde brachten.. Die ftomme Gesinnung des Vaters war auch auf die Söhne übergegangen und so erzog Sigmund Kollinsky seinen ältesten Sohn Adolf für den Beruf eines Rabbiners und Predigers. Er sollte ein Lehrer des Judentums im Sinne des großen Wiener Predigers Mannheimer werden und jüdische Gelehrsamkeit mit profanem Wissen verbinden. Zu diesem Zwecke absolvierte derselbe noch als Talmudjünger des berühmten Pester Oberrabbiners Löw Schwab, zu dessen vielversprechenden Schülern er gehörte, die Gymnasialstudien ui& erlangte auch in Pest Anfangs 1848 das philosophische Doktorat. Im April dieses denkwürdigen Jahres hatte bekanntlich der ungarische Landtag dem König Ferdinand große Zugeständnisse für Ungarns Selbständigkeit abgerungen, welche die Wiener Regierung im Laufe des Sommers, ermutigt durch die Siege Radetzkys in Italien, gerne zurückgenommen hätte. Als Mittel zu diesem Zwecke sollten die ungarisch-kroatischen Wirren dienen. Der Banns von Kroatien Jellaeic hatte am 11. September 1848 mit seiner Armee die Grenzen Ungarns überschritten. In Pest bildete sich ein Landesverteidigungsausschuß, welcher in energischer Weise den Widerstand gegen diesen Einbruch auf ungarisches Gebiet organisierte. Die waffenfähige Jugend eilte begeistert freiwillig zu den Honveds und die ungarische Revolution hatte ihren Anfang genommen. Siegmund und Josef Kollinsky, welche in Wien in kaisertreuen Traditionen erzogen worden waren, befürchteten, daß ihre erwachsenen Söhne zu Honved assentiert werden könnten und bewogen dieselben, nach Wien zu reisen, um daselbst ruhigere Zeiten abzuwarten. So reiste denn der junge Doktor in Begleitung seines Vettern Ignaz nach der Reichshauptstadt. Dort wohnten zahlreiche Verwandte, unter welchen durch ihre soziale Stellung der Armeelieferant Moritz Kollinsky, nachmals Schwiegervater des kais. Rates Wilhelm Naschauer, und der in der Leopoldstadt bekannte praktische Arzt Karl Kollinsky hervorragten. Während nun die besorgten Väter wähnten, daß ihre Söhne bei den Wiener Verwandten gut aufgehoben wären, waren diese aus dem Regen in die Traufe gekommen. Dr. Adolf Kollinsky hatte nämlich gleich nach seiner Ankunft in Wien mit studentischen Kreisen Fühlung genommen und sich denselben angefchlossen. Schon wenige Tage später, am 6. Oktober, war er gegen Abend zur Erstürmung des kaiserlichen Zeughauses in die Renngaffe mitgezvgen und fiel daselbst unter den ersten Opfern des erbitterten Kampfes. Wie tief mußte der Freiheitsgedanke in der Seele des jungen Rabbinatskandidaten gewurzelt haben, wenn er sich bewogen fühlte, trotz seiner schwächlichen Konstitution und großen Kurzsichtigkeit, kurz vor Erew Jomkippur zu den Waffen zu greifen. Am 9. Oktober wurde Dr. Adolf Kollinsky, dessen Leichnam von seinem Vetter Ignaz agnosziert worden war, auf dem Währinger Friedhofe beerdigt. Wenige Tage später spielte sich auf dem Pester Hauptpostamte eine ergreifende Szene ab. Es hatte sich in Pest das Gerücht verbreitet, daß bei den Wiener Straßenkämpfen ein Kollinsky gefallen wäre. Siegmund und Josef Kollinsky waren nun gemeinsam auf der Hauptpost erschienen, um den Brief zu beheben, der ihnen die traurige Gewißheit bringen sollte, welcher von beiden Brüdern den Verlust eines Sohnes zu beklagen hätte. Josef erkannte an der Briefadresse die Schrift seines Sohnes und übergab weinend die Trauerpost dem untröstlichen älteren Bruder. Die Mutter des jungen Freiheitskämpfers, Mathilde Kollinsky geb.. Falk, eine Tante des später als Cheftedakteur des „Pester Lloyd" zur Berühmtheit gelangten Dr. Max Falk, erlag nach wenigen Monaten dem Gram über den Verlust ihres hoffnungsvollen Sohnes. *