Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Dr. Liocv s Mocdenscvrrrr. Seite 69t Und die wollen es ja gar nicht. Ich bin nur ein unerfahrenes Mädchen, aber das weiß ich, wenn so einer, der das ganze Jahr hindurch nicht betet, einmal, sei's am Jahrzeitstage oder an den „heiligen furchtbaren Tagen" ins Gotteshaus kommt, so will er sich da einmal recht vom Herzen „ausdawenen." Es erfaßt ihn da mit mächtiger Gewalt die Erinnerung an das Vaterhaus mit seinen alten, frommen Bräuchen, seinen einfachen, schlichten Sitten, seiner Innigkeit und Traulichkeit; es erfaßt ihn da die Erinnerung an der Kindheit goldene Zeit, wo er noch beten konnte, und nun will er wieder Kind sein und will sein altes „Siderl" haben und will nicht eine Zeile davon missen. Jede alte jüdische Melodie greift in die Saiten seines Herzens und läßt sie erzittern und da fingt und klingt es in ihm, wie in den guten alten Zeiten. Diese Erinnerungen, das find seine teuersten Reliquien, die er in der tiefsten Kammer seines Herzens verborgen hält, und die so ein Siderl aus dem Schacht heraufholt. Nein, er mag so ein schwindsüchtig mageres Gebetbuch nicht, das Sie ihm bieten wollen. Alles oder gar nichts." Hier hielt Jlka inne und fast erschrocken über ihre lange Rede, sprach sie verlegen: „Entschuldigen Sie, lieber Herr Doktor, daß ich — fast gegen meinen Willen — mich hinreißen ließ, eine so lange Polemik gegen Sie zu führen; aber ich achte Sie zu hoch, als daß ich mich zurückhalten sollte, Ihnen gegenüber meiner Ansicht offen und freimütig Ausdruck zu geben." „O ich bitte! Ich habe mit steigernder Bewunderung Ihrer schönen Rede gelauscht. Wie das so sprudelnd herauskam, wie kristallreines Wasser aus plätschender Quelle! Ich schätze das wahre religiöse Gefühl bei den Frauen. Wenn Männer forschen, denken, oft vielleicht freier als sie sollten, denn im Reiche der Gedanken gibt es keine Grenzpfähle — so sollen Frauen warm fühlen und ihre religiösen Ideale haben, für die sie sich begeistern. Was aber Ihre Einwürfe gegen die Predigt betrifft, so will ich Ihnen nur kurz antworten, daß sie der Ausdruck meiner Ueberzeugung war. Ich habe vielleicht, ja gewiß nicht klug gehandelt, daß ich meine Jntereffen aufs Spiel gesetzt habe, indem ich in der Proberede schon so offen gesprochen, aber ich bin zu ehrlich, um die Gemeinde, deren geistiger Führer ich werden soll, in Zweifel darüber zu laffen, was sie an mir haben." „Ich habe Dir ja gesagt, liebe Jlka", bemerkte Gustav, »daß ich diese Aufrichtigkeit an dem Herrn Doktor hochschätze, habe Dir aber auch gesagt: Das ist die Schule, aus der er hervorgegangen ist. Sie wiffen, lieber Herr Doktor", wendete er sich an Seemann, „daß unsere Wege nicht parallel laufen; ich bin eben kein Freund eines Seminars, welcher Richtung immer, wo Rabbiner „fabriksmäßig erzeugt" werden. Da waren die früheren Zeiten viel bester. Man lernte, um — zu lernen und wer im Talmud hervorragend war, auch auf modernem Gebiete die nötigen Kenntniffe sich erworben und den Beruf in sich fühlte oder auch durch die Verhältnisse dazu gezwungen wurde, ward Rabbiner; heute lernt man „Rowerei" wie man Schneiderei, Schusterei lernt". „Nun, das ist etwas stark", fiel Seemann ihm ins Wort, „sagen Sie wenigstens, so wie man Jus, Medizin oder Technik studiert." „Zugegeben, aber das find Erwerbszweige; der Rabbiner hingegen hat einen heiligen Beruf, zu dem kann man nicht gedrillt werden. Und sehen Sie, bei allen diesen Fächern genügt die Theorie nicht. Der Jurist muß drei Jahre Kanzleipraxis, der Arzt einige Jahre Spitalfrequenz Nachweisen, der Ingenieur ebenfalls, aber hat je ein Seminarist einen Chalof (Schlachtmesser) in der Hand gehabt, hat er je gesehen, wie man einen Get (Scheidebrief) ausstellt, wie man eine Chaliza*) vornimmt? *) Zeremonie, ohne welche eine kinderlos zurückgebliebene Witwe nicht heiraten darf. Und die aus Bachurim gewordenen Rabbiner, kommen sie nicht ohne vorhergegangene Praxis ins Amt!? Keineswegs, sie haben das alles bei dem Rabbiner gesehen, bei dem sie lernten; aber das Seminar ist ja vom Rabbinate geschieden, dort ist reine Theorie." »Ich gebe zu, daß das eine Lücke ist, die sich aber leicht ausfüllen läßt. Uebrigens wird ein gewiffenhafter Seminarrabbiner bei der Vornahme eines Get oder einer Chaliza immer einen älteren praktisch geübten Kollegen beiziehen, aber sagen Sie mir, lieber Freund, gibt es nicht viele Zweige der Wissenschaft, von denen der Autodidakt keinen Begriff hat und die er auf dem Privatwege nur sehr schwer, fast gar nicht sich aneignen kann, z. B. Arabisch, Perfisch, Syrisch? Und glauben Sie mir, daß jene Gemeinden, welche einen Zögling des Seminars anstellen, auf das profunde talmudische Wiffen ihres Rabbiners sehr gern verzichten. Ihretwegen hätte der Rabbiner das ganze Jahr hindurch es nicht nötig, den Talmudfolianten aufzuschlagen; aber auf der Höhe der Wissenschaft soll er stehen, um der Intelligenz des Ortes imponieren und auf sie einwirken zu können." „Aber Arabisch, Perfisch, Syrisch, nicht wahr, das haben die Gemeinden dringend nötig, ohne das können sie gar nicht leben?!" „Ach" — unterbrach sich da Weber — „sehen Sie, wie der armen Mutter während unseres Wortgeplänkels die Augen zugefallen find, es ist eben die Stunde, wo sie ihr Mittagsschläfchen zu machen pflegt. „Benschen" (das Tischgebet sprechen) wir und lasten wir die Mutter ruhen!" Nach dem Tischgebet erhob sich Weber. „Entschuldigen Sie, Herr Doktor, ich muß gehen. Die Pflicht.ruft, ich. habe jetzt eine Religionsstunde. Werde ich Sie noch hier finden? Wie Sie sich überzeugt haben, ist meine Schwester eine gute Debatterin. Vielleicht gelingt es ihr, Sie zu bekehren," fügte er lächelnd hinzu. „So angenehm es mir auch wäre, hier länger zu weilen, so bedauere ich, es nicht tun zu können, ich reise in einer Stunde ab und habe für drei Uhr den Wagen bestellt." „Wir werden uns also bis auf weiteres nicht mehr sehen. Nun, reisen Sie mit Gott! Ich wünsche Ihnen, daß Sie Ihr Ziel recht bald erreichen mögen!" Mit herzlichem Händedruck nahmen die jungen Männer Abschied. „Fräulein! Soweit ich hier die Situation überblicke, dürfte meine Bewerbung um den hiesigen Rabbinerposten kaum von Erfolg begleitet sein." — „Ach", fiel ihm Jlka ins Wort, „warum haben Sie auch so fortschrittlich, so reformistisch gepredigt?!" „Und das bedauern Sie?!", rief Seemann überrascht aus, „Sie, die Schwester des Mannes, dem ich hier mit dieser Predigt den Weg geebnet habe und ihm einen ernsten Mitkonkurrenten vom Halse geschafft habe?" „Und das machen Sie mir zum Vorwurfe?", sprach Jlka leise, die Augen niederschlagend. „Keineswegs! Dieses selbstlose Bedauern, das sich fast unwillkürlich Ihren Lippen entrang, beglückt mich unendlich. Nun, ich will Ihnen zum Abschiede sagen," und er ergriff die Hand des Mädchens, das ihm dieselbe nicht entzog, „daß, wie immer die Würfel fallen mögen, ich mich glücklich schätze, die Reise hieher gemacht zu haben. lieber kurz oder lang hoffe ich in gesicherter Stellung zu sein, wozu ich begründete Aussicht habe, dann komme ich wieder und werde an Ihr Herz eine Frage richten, wird die Antwort nicht eine abweisende sein?" — „Aber, Herr Doktor! Ich bin ein armes Mädchen, und die heutigen, modernen Rabbiner suchen viel Geld." „Daran tun sie nicht recht, in ihrem eigenen Jntereste nicht recht; denn solch eine Heirat mit reicher Mitgift, wenn sie auch wirklich gegeben und nicht nur versprochen wird — und es ist ja nicht schwer, solche junge, unpraktische Leute hinters Licht zu führen — hat gar manchem schon seine Stellung untergraben. Die übermäßigen Ansprüche solch eines verwöhnten, in Wohlhabenheit erzogenen Mädchens stehen nicht 'm Ber>