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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-09-25 · 39 (25.9.1908) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
39 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette «86 * r. ^lrmr s Wourrtr.rhrN^ ->9 Ntkolsburg. Sehr geehrter Herr Redakteur! In Nr. 38 auf Seile 666 Ihres geschätzten Blattes bringen S-e aus Nikolsburg einen Bericht mit der Überschrift „Jüdische Kultusvorsteher als antisemitische Wahlazitatoren", worauf ich Ihnen in meinem Namen zur Steuer der Wahrheit folgendes berichtige, mit dem Ersuchen, diese Berichtigung in der uächsten Nummer Ihrer geschätzten Wochenschrift zum Abdrucke zu bringen. Der Einsender des erwähnten Artikels berichtet Unwahres, da ich ausschließlich für meine Familie und meinen Beruf lebe und mich mit Agitation niemals beschäftige und mich auch nicht bei der Landtagswaht in Nikolsburg agitatorisch betätigte. Wie in so manchen mährischen Städten ist auch in der hiesigen Stadtgemeinde eine sogenannte deutsch-freisinnige und fortschrittliche Partei am Ruder, über welche wiederholt in ihrem geschätzten Blatte eine gerechte Kritik geübt wurde. Wie diese Partei die Juden nach den Wahlen behandelt, dafür könnte ich manches Beispiel anführen. Erwähnt sei nur folgendes: Im Vorjahre wurde von Seite der hiesigen Vorstehuug der Stadtgemeinde die Stelle eines Sparkass.Praktikanten mit einem Adjutum von Kr. 600.— jährlich ausgeschrieben und wurde von den eventuellen Bewerbern die Vorlegung des Taufscheines verlangt. Diese Ausschreibung war vom Gemeinde- Vorstände. also vom Wahlwerber Dr. Kreiml, gefertigt. Als Jude und als Kultusbeirat fühlte ich mich verpflichtet, gegen ein solches, allen Prinzipien des Freisinns widersprechendes und ungesetzliches Vorgehen Stellung zu nehmen und habe ich Herrn Dr. Kreiml und mehrere seiner Kollegen im Vorstande darüber interpelliert. Es wurde mir bedeutet, daß die Ausschreibung nach einer Schablone erfolgte und daß rn den weiteren Inseraten das Verlangen um Vorlegung des Taufscheines werde eliminiert werden. Nichlsdestowenig-.r erschien das Inserat mit dem gleichen Wortlaute noch weiter. Ich erklärte hierauf als wahrhafter und unabhängiger Jude, der vor einer solchen Partei sich nicht beugt, wie die meisten, leider abhängigen Juden, die noch für die Peitschenhiebe, die sie bekommen, ihren Gegnern die Hände küssen, daß ich einen Unterschied zwischen christlichsozial, deutschnational und scheinliberal, wie ich den Vorstand nach einem solchen Vorgehen bezeichnen muß, nicht finden könne und daß ich auch mein weiteres Verhalten danach einrichten werde. Ich habe diesen meinen Standpunkt damals in einer Sitzung des Kultusausfchufles unwidersprochen präzisiert und mußte sonach annehmen, daß sämtliche Herren mit meinen Ansichten übereinstimmen. Da nun aber die hiesigen Juden das Zünglein an der Wage sind, habe ich bewiesen, daß man gegen die Juden nicht derartig austreten darf, und habe mit meiner Stimme bei den Gemeindewahlen im ersten Wahlkörper einige Gegner der herrschenden Partei durchgebracht, welche allerdings der deutschradikalen Richtung angehören; dieselben mußten mir jedoch vorher das Ehrenwort geben, daß sie in der Ratsstube niemals antisemitische Tendenzen aufkommen lassen werden. Bei diesem Akte waren 16 Personen anwesend, die ich alle als Zeugen dafür führen kann, und glaube sogar, daß ich hiedurch einen Akt von Kiddusch haschem vollzogen habe. Unter diesen der herrschenden Partei mißliebigen Personen war auch der deutschklerikale Gutsverwalter Alois Winter, dem sich die Christlich- Sozialen anschlossen, der gegnerische Wahlwerber des Doktor Kreiml. Nebenbei erwähne ich noch, daß ich mich bei der Landtagswaht vollständig passiv verhielt. Ihr Berichterstatter des erwähnten Artikels gehört wahrscheinlich zu jenen, welche die Schleppträger der sogenannten deutschfortschrittlichen Partei sind. In dieser Beziehung glaube ich also genügend Aufklärung gegeben zu haben. Was mein Mandat als Kultusbeirat anbelangt, bin ich jederzeit bereit, dasselbe in die Hände meiner Wähler über Wunsch zurückzulegen, nicht aber in die Hände solcher Herren, denen ich das Mandat nicht verdanke, die sich vielmehr bei den Kultuswahlen die größte Mühe gaben, mich und die herrschende Partei zu verdrängen, was ihnen jedoch nicht rgen ist. Indem ich für die Aufnahme dieser Zeilen bestens e, zeichne ich Nikolsburg, 19. September 1908. hochachtungsvoll Bernhard L. Teltscher. Morris Rosenfeld in Prag. Dem Zentralvereine zur Pflege jüdischer Angelegenheiten hatte Prag noch vor Beginn der Vortragssaison eine eigenartige Sensation — ein jüdisches und künstlerisches Ereignis zugleich — zu danken: Die Vermittlung der Bekanntschaft Morris Rosenfelds und seiner Dichtungen. Der Sänger der „Arbeits-, Volks- und Ghettolieder — eben auf einer Europareise begriffen — war nämlich vom genannten Vereine zu einer Vorlesung eingeladen worden, die auch im Nahmen einer großanglegten Eliteveranstaltung zu Ehren und Gunsten des Dichters Sonntag den 20. d. M. im Prunksaale des „Hotel Central" unter dem Zeichen eines in jeder Beziehung großartigen Elsolges stattsand. Ter Stempel der Vornehmheit war dieser Matinee schon dadurch ausgedrückt, daß kein Geringerer als Friedrich A d l e r in bereitwilligster und kollegialster Weife es übernommen hatte, in einer inhaltlich und der Form nach meisterhaften Einführung die Persönlichkeit des Dichters und die Eigenart seiner We-ke zu charakterisieren. Erlesene Vortragskünstler. Fräulein v. Helling und Herrn Onno vom Deutschen Landestheater, sowie ein bereits bewährter Rosenfeld-Jnteiprel Herr pbil. caud. Wittmann hatten sich mit wahrer Begeisterung und stürmisch bejubeltem Gelingen in den Dienst der Rosenfeldschen Muse gestellr, die erstere — schon in Erscheinuna von gewinnender Anmut — mit zarter, feinfühliger Delikatesse und einschmeichelnder Weichheit, die letzteren mit fortreiß^.dem Schwünge und feurigem Temperament die geschmackvoll gewählten Dichtungen zu Gehör gebracht und aus diesem anziehenden und für ein westeuropäisches Publikum wirksam zurechtgelegten Rahmen trat umso überzeugender der Dichter i list hervor, der einige seiner neuesten Schöpfungen zum Vorträge brachte und sich hiebei auch als äußerst kunstgerechter Rezitator glänzend bewährte. Rvsenfeld, dessen scharf geschnittener Kopf schon lebhaftes Interesse erweckte, wußte geschickt nicht nur die besten, sondern auch die leichtverständlichsten Gedichte auszuwählen und derart zu nuanzieren, daß auch dem weniger Unterrichteten kaum ein Wort verloren ging, zumal dem Programme eine knappe Inhaltsangabe beigesügt war. Außer den in der Vortragsordnung vorgesehenen Gedichten seriösen Inhalts, die vermöge ihrer tiefen Tragik und wahrhaften Empfindung die elememare Wirkung nicht verfehlten, mußte Rosenfeld, über nicht endenwollenden Beifallssturm, sich dazu biquemen, auch noch eines seiner köstlichen Gedichte satirischer Färbung als Zugabe zu spenden. Es soll hier verraten werden, daß dieser eigenartige Genuß auch den Wienern bevorsteht, da die Vorbereitungen für eine ähnliche Rosenseldveranstaltung in Wien seitens vornehmer dortiger Kreise im Zuge sind, trotzdem der Dichter-Rezitator, der schon heute unter die Koryphäen Amerikas rangiert und dessen Werke bereits in 10 Kultursprachen übersetzt sind, derzeit auch mit Anträgen aus Pest, München, Frankfurt und Hamburg und noch seitens vieler anderer Städte überhäuft ist. In Prag war der Erfolg, wie bereits bemerkt, ein überaus ehrenvoller und auch in finanzieller Beziehung ungemein günstiger. Der große Saal, einschließlich der Logen, war zum Erdrücken voll, hunderte der einem äußerst distinguierten und intelligenten Publikum angehörenden Zuhörer mußten sich mit Stehplätzen begnügen und zahlreichen Besuchern konnte, trotz Bestürmung des Komitees überhaupt kein Einlaß mehr gewährt werden.

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