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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-09-25 · 39 (25.9.1908) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
39 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 89 L>r. JBlocD’ö MocvenscdttN. Seite 68ö bemerkt zum Schlüsse, daß die gegenwärtige Situation in der Türkei alle interessierten europäischen Mächte zum vorläusigen Abwarten der kommenden Ereignisse zwingt, und wenn das die Politik der großen Mächte ist. so darf die zionistische Politik umso eher keine voreiligen Schritte unternehmen. Er konstatiert mit besonderer Genugiullng, daß durch die neuen Verhältnisse in. der Türkei die zionistische Arbeit in Palästina um vieles erleichtert wurde, und was man früher auf Umwegen und für schweres Geld kaum erreichen konnte, jetzt auf einfachem und offenem Wege unternommen und ausgefühit werden kann. Wenn Baron Hirsch, der immer vom besten Willen beseelt war, dem Judentum zu helfen, heute noch leben würde, er würde dann gewiß einsehen, daß infolge der geänderten Verhältnisse in der Türkei dem Judentum nur in Palästina und auf keinem anderen Boden der Welt geholfen werden kann. Baron Rothschild aus Paris, der so viel für Palästina geleistet hat, wird, so hofft er, jetzt wieder neuen Mut bekommen und seineOps"rwilligkeit für das jüdische Volk wiederum betätigen. Wolffsohn wurde beim Verlassen der Rednertribüne nicht mehr so stürmisch bejubelt, wie zu Beginn. Run trat der Herr Adolf Bübin auf, um Herrn Wolffsohn zu belehren, daß der fri bliche Weg nicht zum Ziele führt und daß das alle System aufs Schärfste bekämpft werden muß. Mit den gegenwärtigen Machthabern in den Kultusstuben gibt es keinen Frieden, die müssen verschwinden und wir müssen die Herrschaft autreten. Das jüdische Volk in Oesterreich ist mit uns und dadurch werden wir siegen. Rach Böhm sprach Herr Professor Dr. Leon Kellner. Er konstatierte in der Einleitung seiner Rede, daß er erst heute früa vom Präsidenten Wolffsohn einen eigenhändig geschriebenen Brief aus Köln zionistischen Inhaltes bekam und er ihm in demselben nichts von seiner heutigen Anwesenheit in Wien erwähnte; er war deshalb sehr erstaunt, als er dann eine Einladung zur heutigen Begrüßungsfeier bekam. Prof. Kellner sagte, ich sehe viel zu wenig von uns Alten hier in diesem Saale, hingegen sehe ick aber sehr viele junge Zionisten; es ist schon richtig, die Jugend, die Zukunft eines jeden Volkes, muß vorangehen, aber am grünen Tische, wo wichtige und ernste Beratungen gepflogen werden, sollte man doch das Alter nicht übergehen. Zum Kampf braucht mau die Jugend, indeß das Alter soll man fragen, wo und wann gekämpft werden soll. Gegen die alten und bewährten Berater Theodor H e r z l s hat mau in den letzten Jahren sehr viel g es ü u d i g t. in a u h a t e s so weit a e b r a ck t, daß es selbst ihnen un m ö g l rch wurde, heute hier zu erscheinen und den R a ch f o l g e r H e r z l s begrüßen zu können. Diese Worte entfesselten bei einem Teile der Versammlung Widerspruch, insbesondere benahm sich der Vorsitzende-Stellvertreter Herr Dr. Michael Egon Zweig auf dem Vize-Präsidentenstuhl sehr unruhig, indem er Prof. Kellner, den bekannten Schriftsteller, den Herzl mit der Redaktion seines literarischen Nachlasses betraut hatte, fortwährend durch Zwischenrufe und Klopfen auf den Tisch zu stören versuchte. Dr. Zweig bewies durch sein Vorgehen seine Qualistkation für ein Kultusvorstandsmandat, denn wenn er sich derart gegen seinen eigenen und noch dazu sehr hervorragenden Gesinnungsgenossen benimmt, wie würde er sich in Sitzungen des Kultusvorstandes gegen die Herren, die anderer Meinung und anderer Gesinnung sind als er. betragen. Da würde er ohne Zweifel handgreiflich werden. Professor Kellner ließ sich in seinen Ausführungen nicht stören und erklärte, für den Zionismus arbeiten, heißt nicht gegen die Kultus st üben losstürmen und die Ehre einzelner Personen in den Kot zerren, auch nicht durch die Betreibung innerösterreichischer Politik, sondern durch wirkliche Arbeit für Palästina und seinen Boden. Man hat ihn gelegentlich der Reichsratswahl aus fünf galizischen Wahlkreisen um die Bewerbung eines Reichsratsmandats gebeten; er hat abgelehut, weil er der Ansicht ist, daß man im österreichischen Parlamente für Zion nicht arbeiten kann. Das Vorgehen der Wiener Zionisten gegen Theodor Ritter v. T a u s s i g hat er aufs Schärfste verurteilt. Rcdmr sagt, ein Mann, der in seinem ganzen Fühlen und Denken Jude ist, ein Mann, der selbst und dessen Kinder am Jom Kippur den ganzen Tag im Tempel verbringen, ist für das Judentum absolut nicht verloren und ein solcher Btann darf von Zionisten, die wirkliche Zionisten sind, nicht so behandelt werden. Das gilt von Herrn Theodor Ritter v. T a u s s i g, das gilt aber noch mehr von Männern wie die Herren v. G u t m a u n. v. K u f f n e r uiw., welchen man die Tätigkeit in indischen Dingen nicht verleiden und nicht verekeln darf. Es liegt im Interesse des jüdischen Volkes, diese Männer, welche Opfer zu bringen nicht bloß in der Lage, sondern auch bereit sind, der guten Sache zu erhalten, nicht durch Schmähungen oder Zank und Streit abzustoßen. Bei diesen Worten erhebt sich der Sturm aufs neue und ist es wiederum der Dr. Zweig, der vom Präsidentenstuhl in heftiger WWe protestiert. Die Ausführungen Prof. Leon Kellners haben die jungen Versammlungsteilnehmer ganz erheblich verstimmt, was Redner am Schluß wohl wahrzunehmen Gelegenheit fand. Der Vorsitzende Markus konstatiert dann, daß nur deshalb die Jugend und nicht die älteren Herren so stark vertreten sind, weil die heutige Feier nur eine interne zionistische ist und deshalb an Nichtzivnlften keine Einladungen ergangen sind. Herr Professor Dr. Kellner nahm die sehr interessante Begründung des Herrn Markus zur Kenntnis. Es sprachen sodann noch der übliche zionistische Versammlnngsrednti Herr Dr. Weisengrün, natürlich gegen den Präsidenten Wolffiohn und Prof. Kellner, Kaplansky-Kaplan. der Führer der „Poale Zion", der den Abend zum Anlaß nahm, um wiederum zu beweisen, daß das Judentum in Palästina nur daun wird existieren können, wenn es sich nach den Lehren von Marx und seinen eigenen richten wird. Ein Student der „Jvria" gab mit kräftiger Stimme dem Präsidenten Wolffsohn die Versicherung, daß die jüdische Studentenschaft bereit ist, mit Leib und Seele für „Judas Ehre" zu kämpfen und er würde dem Präsidenten gerne zeigen, wenn es ihm möglich wäre, während der bevorstehenden Knltnswahlen hier anwesend zu sein, wie tapfer sie kämpfen. Auch Herr Dr. Schalit, damit er nicht ganz in Vergessenheit gerate, ließ es sich nicht nehmen und sprach von den Heldentaten, die das jetzige zionistische Regime in Oesterreich vollbrachte. Rur die Entfernung Wiens von Köln ist schuld daran, daß Wr Präsident Wolffsohn über di« Dinge hier io einseitig informiert ist. Wir werden trachten, ihn gelegentlich feines hiesigen Aufenthaltes genauer zu informieren. Ein in Wien lebender Spaniole, namens Cohen, d. mit feinen Landsleuten in der Türkei in Fühlung lebt, machte Herrn Wolffsohn auf die gegenwärtige Wahlbewegm g in der Türkei aufmerksam und sagte, daß man, da die Politik des Znwartens nicht angebracht ist/ivulmehr den Juden dir europäischen und asiatischen Türkei durch Ratschläge an die Hand gehen müsse, denn sie sind der neuen politischen Lage, die für jedermann so überraschend kam, am allerwenigsten gewachsen. Präsident Wolffsohn hat in seinem Schlußworte auf mehrere Anregungen und Anfragen geantwortet und bat nochmals, nicht durch bloße schöne Reden und Kampf die Existenz des Zionismus zu dokumentieren, sondern durch Zahlen und Ziffern.

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