Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 683 Nr. 39 Ar. Moeb's Mlocvenscvrm. einer wissenschaftlichen Beweisführung gar nicht, das biblische Textwort führt hier eine klare und unzweideutige Sprache. Der Sünde Adams und Evas folgt I. B. M., Kap. III, 14, 15, die Strafe auf dem Fuß. Dadurch wird nicht nur der Gedanke der Erbsünde von vornherein ausgeschlossen, sondern auch der Zweck erkennbar, welchen die heilige Schrift mit dieser Erzählung verfolgt. 7) An dem Beispiel des ersten Menschenpaares will sie die Lösung jenes gewaltigen Problems exemplifizieren, das mit dem Ausdruck „sittliche Weltanschauung" bezeichnet wird. Es soll an dem Typus „Adam" gezeigt werden, wie sich das - Menschengeschlecht vom unbewußten Naturleben zur sittlichen Erkenntnis emporringt, um es auf seinem sittlichen Entwicklungsgang weiter zu verfolgen und zu den Höhen sittlicher Vollkommenheit gelangen zu lassen. Denn es kann nicht oft und nachdrücklich genug betont werden: Weit entfernt, eine Heilsgeschichte zu sein, als welche sie von den christlichen Forschern hingestellt wird, ist die heilige Schrift eine Erziehungslehre für das Leben der Völker und des einzelnen Menschen. Die Methode, deren sie sich bedient, die Mittel, welche sie anwendet, sind durchwegs menschlich-natürliche. An der Spitze ihrer Lehren könnte der Spruch stehen: hurnani nihil a me alienum puto und, so paradox es klingt, gerade das menschliche an ihr ist das göttliche. Der Monotheismus selbst, der kostbarste Schatz im Reiche ihrer Ideen ist auf natürlichem Boden erwachsen, dem Mutterboden der Familie, und es ist keineswegs ein Zufall, daß Abraham, der Begründer der israelitischen Familie, zugleich als Begründer des israelitischen Monotheismus bezeichnet wird. Demgemäß wird in der Bibel, das Verhältnis Gottes zu den Menschen im Bilde der Familie als das von Vater und Sohn dargestellt. Unter vielen anderen sei hier auf die klassische Stelle V. B. M., Kap. XIV, 1 hingewiesen°): Kinder seid ihr dem Ewigen euerem Gotte, hier tritt plastisch, gleich einem Hochrelief, ans.dem geschichtlichen Hintergründe der Gedanke hervor, daß der Mensch, selbst wenn er von Gott abirrt, in reuevoller Umkehr dessen Vertrauen wiedergewinnen kann, ohne daß es zwischen dem Kinde und dem Vater einer stellvertretenden Instanz, bedürfte. °) Wie verfährt aber der Vater bei der Erziehung seines Sohnes? Zunächst durch Anwendung von Strafe und Züchtigung, wenn dieser sich Vergehungen zuschulden kommen läßt. Ist aber der Vater ein kluger Pädagoge, so wird er es dabei sich nicht bewenden lassen. Er weiß, daß Strafe und Züchtigung bald vergessen sind, in der Seele des. Kindes nichts als Verbitterung zurücklassend. Vielmehr wird das Streben des Vaters darauf gerichtet sein, durch liebevolle, intensive Belehrung, steten Hinweis auf das Beispiel seiner Ahnen, Lehrer oder anderer dem Vorstellungskreis des Kindes adäquaten Menschen in dessen Seele jenen Umwandlungsprozeß anzubahnen, der auf dem Wege der Reue und Selbsterkenntnis zum bewußten sittlichen Handeln führt. Hinwiederum wird der Sohn, wenn anders er sittlicher Besserung fähig ist, die liebevollen Bemühungen des Vaters dadurch honorieren, daß er sich bemüht, den alten Zustand seiner Seele mit doppelter Kraftanstrengung und gesteigerter Opferwilligkeit zu erreichen. Dieser menschlichnatürliche Weg ist der Weg der Schrift. Ihr kommt es 7) ES scheint, daß die Frage der Erbsünde auch im Talmud Gegenstand der Diskussion war. Die Stelle, babl. Sabbat 30 b: Kpl ^K’^ÖJ “1 2'N'N KH '2 ibnw n»K mw dürfte am besten als Protest gegen das Dogma der Erbsünde aufzufassen sein. Mein verehrter Lehrer, Herr Lektor Friedmann, der mich neben anderen intereffanten Einzelheiten auf diese Stelle aufmerksam gemacht, meint, unter TttSn initf ibib sei der Apostel Paulus zu verstehen- Wie ich nachträglich sehe hat Herr Dr. I. S. Bloch in seiner-1875 erschienenen Schrift: „Studien zur Geschichte der Sammlung der althebräischen Literatur" diese Stelle .in der nämlichen Weise erklärt. *) Vgl.: Güdemann, Das Judentum in seinen Grundzügen, dargestellt S. 3 und 33. •) Vgl. Güdemann 1. c. einzig und allein darauf an, auf das sittliche Wollen des Israeliten einzuwirken, in ihm das Bedürfnis nach Reue und Gutmachung des Unrechtes, das heißt nach positiver sittlicher Betätigung zu erwecken, während die Opfer, Gebete, Wohltätigkeit, Verdienst der Väter nur die pädagogischen Mittel und Behelfe sind,10) durch deren weise Benützung dieses Ziel erreicht werden kann. Die Reue, welche der Mensch bei Verletzung des Sittengesetzes empfindet, bemerkt Lazarus"), ist ein Erlebnis, die Offenbarung des sittlichen Geistes, woraus die gewaltigsten, positiven Wirkungen und Schöpfungen des menschlichen Geistes hervorgehen. Daher wird nicht nur von den „spätjüdischen Rabbinen" sondern schon im biblischen Schrifttum der Forderung nach naiwi, Reue, Umkehr, Besserung in mannigfachen Abwandlungen Ausdruck verliehen. Sie wird als das Hochziel hingestellt, für dessen Erreichung Opfer, Gebet, Wohltätigkeit und das Verdienst der Väter als Mittel benützt werden. — Vor allem das Verdienst der Väter, welcher Begriff in der Regel durch Jiisk not bezeichnet trntb.12) Wenn der Vater dem Sohn als nachahmungswertes Beispiel das Leben seiner Vorfahren vor Augen hält, so brauchen diese deshalb noch keine Engel zu sein. Für die Erzielung eines pädagogischen Effekts genügt, daß der Sohn in tradittoneller Achtung und Verehrung seiner Ahnen herangewachsen ist. Selbst wenn es demnach wahr wäre, daß die Stammväter selbst, „die so gerne als Aushängeschild benützt werden", auf keine besonderen Verdienste hinzuweisen hätten"), so wäre das in Anbetracht des rein pädagogischen Zweckes, welcher dadurch erreicht werden soll, vollkommen gleichgilttg. Freilich das sittliche Defizit der Nachkommen zu decken, genügen die Leistungen der Stammväter nicht. Eine Schuldaustilgung durch überschüssige Frömmigkeit anderer, kennt jedoch die jüdische Ethik nicht, ein solcher Supranaturalismus ist ihrem auf das wirkliche Leben gerichteten Sinne völlig fremd geblieben. Nicht anders verhält es sich mit den Schuld- und Sühnopfern, wie sie zum weitaus größten Teil im 3. B. M. beschrieben sind. Ein stellvertretendes, sakramentales Sühumittel warm sie niemals gewesen, sie haben überhaupt nicht die zentrale Bedeutung gehabt, welche ihnen von den christlichen Forschern beigelegt wird. Selbst SBouffet13) muß zugeben, daß der Opferkult doch nur eine ganz bestimmte Tragweite und Wirkungskraft hatte, so daß die Frömmigkeit des Spätjudentums nach der Zerstörung des Tempels mühelos auf ihn verzichten konnte. Im talmudischen Schrifttum ist sogar die durchaus nicht von der Hand zu weisende Ansicht vertreten, daß während der Wüstenwanderung überhaupt keine Opfer dargebracht wurden "). Und wer kennt nicht die interessanten Ausführungen von Maimonides 15), wonach das Tieropfer nur eine Konzession an die mitten unter den Heiden lebenden Israeliten war, um ihren Sinn von den heidnischen Menschenopfern abzulenken. Gleichwie der Alkoholiker nicht etwa radikal, sondern durch stufenweise Herabminderung des Giststoffes von seiner Krankheit geheilt wird, so sollten die Israeliten von dem Wahn des heidnischen Tierkultus und der Ungeheuerlichkeit des Menschenopfers durch vorläufige Beibehaltung des Tierschlachtens ferngehalten werden. Wäre das Schuldopfer ein für die Sündenvergebung unerläßliches Gnadenmittel gewesen, wie sollte man sich das 10) An und für sich besitzen sie keinerlei Wett, auch ihre bloß zweckheilige Benützung wird an zahlreichen Stellen der Schrift als völlig wertlos hingestellt. Vgl. auch Philippsohn, Weltbewegeude Fragen, II. Teil, S. 260. ") Vgl. die Ethik des Judentums S. 44. 45. ") Daß rroK mar nicht ein von den Rabbinen erfundenes Ersatzmittel, sondern ein Grundmotiv der biblischen Ethik ist, braucht einem Fachmann nicht erst bewiesen werden. Vgl. II. B. M. Kap. VI 3, 6» V. V. M. Kap. X. 15 u. v. a. ") Das ist die Ansicht Wünsches, welche er durch die für die heilige Schrift so sehr charakteristische Tatsache begründet findet, daß sie die Fehler und Schwächen selbst der Patriarchen nicht verschweigt. ") „Die Religion des Judentums im N. T.-Zeitalter S. 180. ") Vgl. Sifre IV. B. M. Abschnitt 67, wo diese Ansicht aus AmoS Kap. V 35 gestützt wird. Auch Abraham Jbn. ESra bekennt sich zu ihr. Vgl. seinen Kommentar zu II B. M. Kap. XII 35 und IV B. M. Kap. XXVHI 6. .“) Moreh Nebuchim, 3. Teil.