Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 682 Dr. Lwcd's Mocdenscbritt. Nr. 39 später den frommen und gelehrten R. Josef Frankfurter besaß und zuletzt Dr. M. L. Stern, den Schüler des großen und berühmten Oberrabbiners Josef Weisse von Waagneustadtl in Ungarn, dem der Entschlafene an Menschenliebe, Güte, Sanftmut und Bescheidenheit stets glich. An der Seite Rabbi Josef Frankfurters, dem vor 3 Jahrzehnten der große hebräische Dichter Rabbiner Dr. I. I. U nger in Jglau einen würdigen Nachruf und eine so herrliche Grabschrist gewidmet hatte, ruht nun Rabbiner Dr. Stern. Ehre seinem Andenken! Ehre aber auch seiner Gemeinde, die ihrem Seelenhirten eine so würdige Leichenfeier veranstaltete, und Dank allen jenen, die der tiefbetrübten Gattin und den verwaisten Kindern wie auch allen Familienangehörigen so aufrichtige Teilnahme bezeugten! _ Das Hahaoxfer am fjtawbetrii des Uersähnimgstage». Von Rabbiner Dr. Armin Abeles. Der Versöhnuugstag ist nicht nur der wichtigste Tag im religiösen Leben der Judenheit, die ihm zugrunde liegende Idee hat auch deu ursprünglich schmalen Riß zwischen den religiösen Anschauungen und Idealen des Judentums und Christentums zu einer unüberbrückbaren Kluft erweitert. Seitdem die christliche Kirche ihren Siegeszug durch die Länder Europas angetreten, hat der Versöhnungstag nicht aufgehört, der Archimedespunkt zu sein, von wo aus sie die jüdische Welt aus den Angeln heben zu können glaubt. — Bekanntlich ist das christliche Glaubensgebäude auf dem Grundgedanken der Erbsünde errichtet. Das Dogma der Erbsünde, sagt Kuno Fischer, ist das Dogma der Kirche, ohne das sie keinen Augenblick bestehen könnte. An dem Sündeufall des ersten Menschenpaares, lehrt dasselbe, partizipiere das ganze Menschengeschlecht und es sei aus eigener Kraft durch kein Mittel imstande, sich von dem Fluch der Adamssüude zu befreien, oder wie der kirchliche Fachausdruck lautet, das dadurch gestörte Verhältnis zwischen Gott und der Welt wiederherzustellen. Die Menschheitsgeschichte vieler Jahrtausende könne nur den Sinn haben, daß sie als eine Reihe von Versuchen, u. zw. kläglich gescheiterten Versuchen begriffen wird, den 8tatu8 intexritatie dieses Verhältnisses wiederzuerobern. Erst durch das Auftreten des Stifters des Christentums sei dies anders geworden. Durch sein Leiden und Sterben habe er die Weltsünde stellvertretend auf seine Schultern genommen und das Erlösungswerk der Menschheit vollbracht — freilich nur für den, der an dieses Faktum selbst glaubt und diesen Glauben durch seine Zugehörigkeit zur Kirche bekundet. Diese conäitio sine qua non findet sich bereits in den sogenannten synoptischen Evangelien klar und deutlich umschrieben^). Vom Standpunkt des Judentums wäre dagegen auch nicht ein Wort zu verlieren, wenn nicht die Kirche par force bei der Annahme verharren und durch ihre wissenschaftlichen Vertreter zur unanfechtbaren Tatsache erheben wollte, daß ihre Lehren und Thesen bereits in den alttestameutarischen Schriften, wie im embryonalen Zustand enthalten und im Christentum zur vollen Entfaltung gelangt seiend). Die Erbsünde, das stellvertretende Sühn- und , Schuldopfer, der Glaube an einen Persönlichen, für die Menschheit leidenden und sterbenden Messias, allesamt seien sie wohlbekannte Requisite aus der Rüstkammer des Alten Testaments, jedoch erst der Kirche wäre es beschieden gewesen, den richtigen gottgewollten Gebrauch davon zu machen. Ja, die in neuerer Zeit wie Pilze aus dem Boden schießenden, unterschiedlichen „Neutestameutlichen Zeit- und Religionsgeschichten" gehen noch einen großen Schritt weiter, behauptend, daß genauer noch als in den biblischen Schriften die Einmündung des Judentums in das Christentum in dem palästinensischen und hellenistischen Literaturkreis des letzten vor- und ersten nachchristlichen Jahrhunderts beobachtet werden könne, welcher unverkennbare Anzeichen trage für die Entwicklung der?alt- , i) Mark. XVI 10 Joh. III 16, 18. ) Vgl. die Werke von Bousset, Harnack, Dalmann, Schürer re. jüdischen Frömmigkeit zur Kirche, der Synagoge zur sakramentalen Heilsanstalt. Um aber das allmälig vordringende Christentum zu paralysieren, sei diese Entwicklung vom spätjüdischen Rabbinismus gewaltsam auf eine andere Bahn gedrängt worden, während das Christentum die geradlinige Fortentwicklung, daher den eigentlichen Jsraelitismus darstelle. Besondersgrell trete dieserVorgang an dem biblischenVersöhnungstag und den kultischen Handlungen zutage, wie sie im XVI. Kapitel des dritten Buches Moses beschrieben sind. Sie zeigen den ersten großangelegten Versuch zur Herstellung des Zerfalls, welcher zwischen Gott und seinem Volke infolge der Erbsünde eingetreteu, und beweisen, daß die alttestamentliche Theologie eine Sündenvergebung und Versöhnung mit Gott ohne stellvertretendes Blutopfer sich nicht denken könne. Durch die Zerstörung der jerusalemifchen Opferstätte habe demnach der Versöhnungstag seine eigentliche Bedeutung ein für allemal eingebüßt. Anstatt aber in der Gleichzeitigkeit jenes Ereignisses mit dem Auftreten Jesus einen göttlichen Fingerzeig zu erblicken, habe der jüdische Rabbinismus sich schmollend zurückgezogen und den inzwischen überflüssig gewordenen Versöhnungstag zum Zentrum der jüdischen Frömmigkeit erhoben. Das stellvertretende Sühnopfer, das charakteristische Merkmal des altisraelitischen Versöhnungstages wurde eliminiert und an seiner statt Ersatzmittel geschaffen, als da sind: Buße, Gebet, Wohltätigkeit, das Verdienst der Väter, allesamt „elende Notbehelfe, bloß dazu dienend, die aufgeregten Gemüter zu beschwichtigen" 2). Jndeß der Geist der mosaischen Gesetzgebung lebte zu mächtig in der großen Masse der Frommen, als daß sie sich mit derlei menschlichen Surrogaten hätten begnügen können. Um sich davon zu überzeugen, braucht man bloß das Machsor für den Versöhnungstag durchzugehen. In endlosen Variationen ertönt daselbst die Klage über das Aufhören des Opferdienstes, die Unzulänglichkeit des eigenen Verdienstes und das der Väter. Das Judentum könne aber nun einmal den Versöhnungstag ohne stellvertretendes Sühnopfer nicht feiern; da es aber im Lande der Zerstreuung keines besitzt, habe es sich ein solches geschaffen: das Hahnopfer, welches für jedes Mitglied der Familie am Rüsttag des Versöhnungstages geschlachtet wird. Es ist ein Notschrei der in ihrem Gewissen beunruhigten Frommen nach einem Versöhnungsopfer, der sich in den Worten Luft machte): Dies ist meine Auswechslung, dies mein Austausch, dies meine Versöhnung. — Es hieße Wasser ins Meer tragen, wollte man versuchen, die angeführten christologischen Thesen Punkt für Punkt zu widerlegen, zum großen Teil ist es überdies bereits geschehen. Hier sei die Frage bloß vom Gesichtspunkt des Versöhnungstages beleuchtet, die übrigen nur an der Peripherie gestreift, dort wo sie sich mit der jüdischen Versöhnungslehre berühren. Diese ist ja der springende Punkt des ganzen, der aber, soweit ich sehe, von jüdischer Seite sehr stiefmütterlich behandelt ist. — Was zunächst das Dogma der Erbsünde anbelangt, hat erst in jüngster Zeit Israel Levi6) überzeugend dargetan, daß dem biblischen wie auch talmudischen Schrifttum die Lehre der Erbsünde fremd ist. Sie findet sich auch nicht in den Evangelien, sondern nur in den paulinischen Briefen und entstammt gleich diesen nicht einem jüdischen Ursprung, sondern syrischgnostischen Kreisen.6) Meines Erachtens bedarf es hiefür *) Ist wörtlich zu lesen in „Die rabbinische Versöhnungslehre des Machsor" von Aua. Wünsche, in der Zeitschrift r>vn nm 1870, herausgegeben von I. E. Hartmann, Breslau. Auf diese Arbeit komme ich mehrere Male zurück.. *) Vgl. Wünsche 1. c. ‘) Le pechd originel dans les anciennes sources juives 1907. a) Dgl. Monatsschrift Frankl-Gratz-Brann 1907, S. 410. 557. Aus einzelnen, den kabbalistischen Schriften vnu nötw’ und “ißo d^aa^a entnommenen Stellen sucht Wünsche, I. e. S. 20, das Vorhandensein . der Lehre der Erbsünde im jüdischen Schrifttums zu erweisen. Besagte Stellen Hab n jedoch mit der Erbsünde nichts zu schaffen; sie sind vielmehr in der Kabbala sehr gangbare, mystische Spekulationen über die prästabilierte Autonomie der Seelen, speziell der jüdischen Seelen. Vgl. z. B. Sohar und Tanchuma zu V. B. M. Kap. XXIX 13, ferner. Genesis rabba, zu Kap. I 26, wo . sogar die Praexistenz der Seelen vor der Weltschöpfung gelehrt wird.