Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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9lr. 39 Vr. VLoÄl's Wochrnfttzrist. Seite 681 Bestrebungen besitzen und allen Anforderungen entsprechen, welche schon Jikro Moses II. XVIII. 21 im wetzko sechere mikol hom : ansche chajil, jire Elobim, onsche emeth, sone boza“, bezüglich der Führer und Leiter des Volkes, als Grundbedingungen und Voraussetzungen einer gedeihlichen Tätigkeit postulierte. Und wird dies, wie wir hier zuversichtlich hoffen, der Fall sein, so wird die Autonomie der Kultusgemeinden, nicht wie es manche Schwarzseher befürchten, eine Schmälerung erleiden, sondern im Gegenteile, eben durch die Macht der Bereinigung, durch die robuste Wucht der Zahl eine erhebliche Kräftigung erfahren. Nur auf diesem Wege der Vereinigung kann ein Mittelpunkt geschaffen werden, zum heilsamen Austausche gemachter Erfahrungen, zum wirksamen Zusammenfassen der zerstreuten Einzelnkräfte behufs Wahrung, Verfolgung und Erreichung t gemeinsamer Ziele und Interessen, zu Rat und Hilfe gegen jeden Angriff, zur Abwehr endlich und zum geschloffenen , solidarischen Zusammenstehen, wenn drohende Wolken reaktionärer Bestrebungen am sozialen und politischen Horizonte auftauchen und das Judentum gefährden sollen. Darum muß dieser Verband um jeden Preis geschaffen werden, und ist es geradezu zu verwundern, daß das kroatische Judentum in einer unbegreiflichen Verkennung seiner Interessen sich nicht schon vor langen Jahren ein solches Forum geschaffen hat, welches die unter den einzelnen Gemeinden auftauchenden, wichtigen Angelegenheiten, ferner die zwischen Einzelnen und Gemeinden und endlich die zwischen der Regierung und dem Judentüme obschwebenden Angelegenheiten zu regeln berufen sein soll. Auch bezüglich dieses zu schaffenden Verbandes ließe sich ganz gut und mit voller Berechtigung der Ausspruch Voltaires varriiert anwenden: „si le Kongres n’estistail pas, on fandrait Tinventer“, wenn der Verband nicht existieren würde, so müßte man ihn erfinden! Essegg, am 16. September 1908. . - . Nathan Schwarz. Vom Jahrmarkt des Lebens. Das Kind. In einem Feuilleton der „Neuen Freien Presse" vom 6. d. M. „Was die Kinder schreiben" ist eine Behauptung aufgestellt, die. wiewohl sie der Richtigstellung bedarf, bisher unwidersprochen blieb. Der Verfasser, HerrRaoul Auernheimer, schreibt: „Erst das Chnstentum hat die Liebe zu den Kindern,, das ist die Verehrung des Einfältigen, entdeckt. Nicht Gott der Herr, erst sein Sohn hat das wunderbare Wort gesprochen, in dem die ganze Liebenswürdigkeit des ersten Christentums beschlossen liegt: „Lasset die Kindlein zu mir kommen." Zunächst sei bemerkt, daß Jesus diese Worte nicht allgemein gesprochen, sondern mehr an seine Jünger gerichtet hatte, weil diese die Kinder abwehrten und diejenigen, die sie gebracht, anfuhren. Matth: XIX (13-14), Mark. X (13-16). Es war altjüdische Sitte, die'Kinder den frommen Schriftgelehrten zuzuführen, um sie von ihnen segnen zu lassen, und eben dieser Sitte wollte Jesus mit seinen Worten: „Lasset die Kindlein" u. s w. Geltung verschaffen. Von einer Entdeckung der Verehrung des Einfältigen im Kinde durch das Christentum kann umso weniger gesprochen werden, als si§ Jesus selbst dabei auf die heilige Schrift, und zwar auf Psalm VIII (3) beruft. Matth. XXI (16). Kinder galten von jeher im Judentume als verehrungswürdig, man betrachtete sie als besondere Lieblinge Gottes, die sich selbst in größter Gefahr seines Schutzes erfreuen. Lie Worte: «Gott schützt die Einfältigen" (Ps. 116 b) fanden auf Kinder sprichwörtliche Anwendung. (Jebamoth 100 b, Sanhedrin 110 b). Die Verehrung der kindlichen Einfalt ging bei den alten Juden so weit, daß man den aus dem Munde eines Kindes vernommenen Bibelvers als Omen betrachtete, und Kinder nicht selten direkt aufgefordert wurden, einen Bibelvers herzusagen. (Chagiga 5 b, Tanith 9 a, Sanhedrin I11 b). L. Wiesner. Rabbiner Dr. M. L. Stern s. A. Ueber den Heimgegangenen berühmten Triescher Rabbiner schreibt uns MUDr. Siegm. Kohn in Prag: Dr. M. L. Stern kam im Jahre 1885 als Rabbiner und Prediger nach Triesch, der alten, seinerzeit so bedeutenden und srommen Judengemeinde, und zwar aus Mähr.-Kromau. Was ihm speziell so bald die He^en aller zuwandte, war seine bald erkannte, ganz ungewöhnliche Leutseligkeit, sein freundliches, liebenswürdiges, stets offenes Wesen — doch diese Eigenschaften wären es gewiß nicht allein gewesen, wodurch er unser aller Sympathie so rasch gewann — es war sein ganz ungewöhnlicher Wohltätigkeitsfinn. „Bis dat, qui cito dat“, war sein Wahlspruch, und unbekümmert, ob der mit großer Familie gesegnete, selbst nichts besitzende Rabbiner auch für die nächste Zeit genug für die Bestreitung seines eigenen Haushaltes in der Schublade besitze, gab er r a s ch, gern und viel; wie oft verschenkte er von seinen Kleidern, seiner Wäsche, versetzte er Gold und Silber im Hause, um notleidenden Juden zu helfen. Wo es galt, einem Studenten fortzuhelfen, ihm Privatstunden in der Großstadt zu besorgen, ein armes Mädchen an den Mann zu bringen, war Dr. Stern unermüdlich und stets hilfsbereit. Herr Löw rühmt sein reiches Wiffen auf philosophischem und allgemeinem Gebiete; seine großen Werke: „®er M o n i smus", „Haeckels Anthropologie", „Lösung der sozialen Frage von einem Philosophen", endlich sein letztes, noch ungedrucktes Werk: „Die Ethik auf monistischer Grundlage" sprechen die beredteste Sprache. Der Rabbiner von Triesch stand im lebhaftesten schriftlichen Verkehr mit Haeckel, Ernst Mach, Brentano und anderen bedeutenden Gelehrten. Nicht unerwähnt bleiben seine gediegenen Vorträge in der „U n i o n" in Wien und im Vereine „Afike Jehuda" in Prag. So bleibt die Erinnerung an Dr. M. L. Stern, als an einen selten guten Menschen, großen Philosophen, universell gebildeten Rabbiner, endlich an den so vortrefflichen Gatten und Vater in seinem so ideal zu nennenden Familienleben wohl der einzige, aber dafür glänzende Trost für die große Schar seiner Verehrer und Freunde! * * * Ueber seinen Tod und sein Leichenbegängnis wird uns von anderer Seite berichtet: Dr. Stern kam wenige Tage vor seinem allzufrühen Hinscheiden, an schwerer Arterienverkalkung leidend, von Triesch, wo seine hingebungsvolle Gattin ihn unausgesetzt gepflegt hatte, nach Wien in das Rothschild-Spital. Leider war das Leiden schon zu weit vorgeschritten und nach dreitägigem Aufenthalt und bester Pflege daselbst verschied er, 63 Jahre alt, sanft, zum großen unsagbaren Schmerze seiner Familie, seiner drei Gemeinden Triesch, Battelau und Teltsch in Mähren und seiner zahlreichen Freunde, Schüler und Verehrer. Die Leiche wurde von Wien nach Triesch überführt und Donnerstag den 10. d. M., am Todestage unserer unvergeßlichen Kaiserin Elisabeth, fand die Leichenbestattung Dr. Sterns in Triesch statt. Um 1 Uhr hatte sich eine zahlreiche Trauerversammlung im altehrwürdigen Gotteshause eingefunden, Juden und Nichtjuden, alles von Rang und Stellung, von nah und fern, gab dem allbeliebten Seelenhirten die letzte Ehre. Mit der Eisenbahn und vielen Fahrgelegenheiten kamen die Trauergäste an und ein trüber Himmel gab die traurige Stimmung und den Schmerz wieder, die die Herzen aller erfüllten. Nach Abfingung eines Trauerpsalms durch den Triescher Oberkantor in Begleitung eines Männerchors ergriff Rabbiner Profeffor Dr. Hirsch- Karolinenthal - Prag, Sohn des Hamburger Oberrabbiners M. Hirsch, den verwandtschaftliche Fäden mit Triesch verbinden, vor dem Sarge im Tempel zuerst das Wort und gab dem Schmerze Ausdruck, der die Judenheit und die Gelehrtenwelt durch Dr. Sterns Tod betroffen. Hierauf sprach der Bruder des Entschlafenen, Herr Rabbiner Prof. Dr. Simon Ster n-Saaz, und gab dem Schmerze der Geschwister, der vielgeprüften Gattin und verwaisten Kinder beredten Ausdruck. Vielfach unterbrach Schluchzen der Anwesenden die geistvollen Worte beider Trauerredner. Vom Gotteshause begab sich der schier endlose Zug zu dem fast eine halbe Stunde entfernten alten „Guten Ort". Kaum war der Sarg hineingebracht worden, da kam die Sonne hinter den Wolken hervor und die letzten zwei Redner Rabbiner Kurzweil- Pirnitz und Prof. A n t s ch e r l-Wien nahmen am Grabe vom teueren Seelenhirten rührenden Abschied. Letzterer erwähnte des einstigen Glanzes der alten Triescher jüdischen Gemeinde, die an ihrer Spitze unter anderen großen Rabbinen den „Schemen-Rokeach",