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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-09-18 · 38 (18.9.1908) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
38 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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L fttr. 38 Vr. Btvch's WochsMchM» Sette «73 bekannten Kampfe R. Jakob Emdens gegen R. Jonathan Eibenschütz, der die damalige Judenheit in zwei feindliche Heerlager geteilt hatte, hatte Rabbi E. Landau, dessen Name bis dahin außer in Polen ganz unbekannt war, durch ein sehr umfangreiches Sendschreiben, in welchem er zwischen die beiden erbitterten Gegner vermittelnd sich stellte, schonungslos das Unrecht beider Parteien geißelte und dringend zum Frieden mahnte, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Diesem in reinem, fließenden Hebräisch abgefaßten offenen Sendschreiben, das von dem logischen Denken, der umfangreichen Gelehrsamkeit, dem rücksichtslosen Freimut, aber auch von dem stark entwickelten Selbstbewußtsein des Verfassers zeugt, verdankte Landau seine ehrenvolle Berufung nach Prag, das damals als der Sitz vieler hervorragender Gelehrten, das Emporium der Judenheit war. Im Jahre 1776 trat der Rabbiner sein Amt an und eine Deputation des Gemeindevorstandes, dem auch natürlich viele Talmudgelehrte angehörten, war zu seinem Empfange ihm einige Meilen entgegengefahren. In dem Orte der Zusammenkunft war in einem jüdischen Hause ein Imbiß bereitgehalten, der aus Honigkuchen, Branntwein u. dergl. bestand. Rabbi Landau, erschöpft von der langen Reise — sie mag gewiß 2—3 Wochen gedauert haben — griff vor allem nach dem Branntwein, um die erschlafften Lebensgeister zu kräftigen; aber bevor er noch das Gläschen geleert hatte, erkannte er, daß er als Theologe eine schwer gut zu machende Blöße sich gegeben hat. Nach dem Religionsgesetze hätte er nämlich zuerst nach dem Backwerk greifen und über dasselbe den vorgeschriebenen Segensspruch sprechen müssen, weil Weizen, aus welchem Backwerk bereitet wird, eine jener sieben Gattungen ist, mit denen nach der Heiligen Schrift (V. B. Mos., VIII., 8) das gelobte Land von Gott gesegnet wurde. Dem Backwerk gebührt demnach das Vorrecht der Priorität hinsichtlich des Segensspruches. Landau aber, der dieses argen Verstoßes gegen das Religionsgesetz sofort sich bewußt wurde, hatte die Geistesgegenwart, vor seiner Umgebung, die wohl verduzt über das erste verfehlte Debüt ihres neugewählten Oberrabbiners dagestanden sein mag, zu bemerken: „I^ekech (Lebkuchen) effe ich nicht." Damit war sein Vorgehen vollkommen erklärt. Und Landau blieb Herr seines Wortes. Von dieser Stunde an aß er sein Lebenlang nicht mehr Honigkuchen. Und Honigkuchen ist in Galizien und Rußland heute noch das beliebteste Backwerk, das bei keiner jüdischen Festivität fehlen darf; aber er hatte das Wort, einmal ausgesprochen und er hat es auch gehalten — selbst in kleinen Dingen. Sie sehen also, lieber Herr Schlesinger, daß selbst die Größten hinsichtlich der Segenssprüche fehlen können. Nun aber komme ich zur Beantwortung Ihrer Frage, und zwar mit einer Geschichte, die sich bei der Installierung des Prager OberrabbinerS zugetragen hat. Anläßlich seines Amtsantrittes wurde ihm zu Ehren ein glänzendes Bankett gegeben, zu dem alle Talmudisten Prags als Ehrengäste geladen waren. Da kam eine Speise auf den Tisch, über welche eine Kontroverse entstand, welcher Segensspruch über dieselbe zu sprechen sei, ebenso wie Sie, Herr Schlesinger, die Frage über das kandierte Obst aufgeworfen haben. Da — inmitten des lebhaften Debattierens — erhob sich vom untersten Ende des Tisches ein Männchen und sagte: „Wegen maa8ze schehojo, d. h. eines vorgefallenen Ereigniffes wegen mache ich „schehakol", eine Eulogie, welche lautet: Gelobt seiest Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, auf dessen Wort alles entstanden ist." „Sprachs und nahm sich eine ganz gehörige Portion der Speise aus der Schüssel und ließ die anderen weiter streiten. Es kommt nämlich im Talmud vor, daß irgend ein vorgefallenes Ereignis Anlaß bot, daß eine religionsgesetzliche Entscheidung getroffen wurde oder irgend eine Verordnung erflossen ist. Der Rabbiner hörte das Wort des Männchens, das schon wegen seines ihm angewiesenen inferioren Platzes keineswegs ein Talmudist schweren Kalibers zu sein schien und er ließ im Geiste alle jene Stellen im Talmud Revue passieren, wo eines „vorgefallenen Ereigniffes" Erwähnung geschieht, aber er, der in beiden Talmuden versiert war wie Keiner sonst, fand kein solches „Ereignis", welches mit einem Segensspruche in Verbindung gebracht werden könnte. Und es überkam ihn die Furcht, es könnte einer von der Tischgesellschaft die Frage an ihn richten, auf welches vorgefallene Ereignis" im Talmud der Mann hingewiesen habe, und er, der neugewählte Oberrabbiner von Prag, hätte bekennnen müssen, er wisse es nicht. Auch fing er schon selber an, an seiner Gelehrsamkeit zu zweifeln. Seine gute Laune war geschwunden. Nach dem Tischgebet winkte er dem Manne, er möge noch verweilen, er habe ihm etwas zu sagen. Und da fragte er ihn, auf welches maa8ze schehojo er denn hingewiesen habe, infolgedessen über die betreffende Speise schehakol zu machen wäre; denn er müsse gestehen, er habe von einer solchen Maasze keine Kenntnis." „Ach Rabbi, diese Laasze können Sie im Talmud gar nicht finden, die steht dort nicht. Diese Maasze i st mir passiert. Ich war nämlich auch einmal bei einem solchen Gastmahl, wo über den Segensspruch debattiert wurde, der über eine auf den Tisch gebrachte Speise zu sagen wäre. Ich beteiligte mich lebhaft an der Debatte, aber als ich dann nach der appetitlichen Speise greifen wollte, da war die Schüssel leer und ich hatte das Nachsehen. Wegen dieses „vorgefallenen Ereignisses" langte ich diesmal sofort beim Beginne der Debatte zu und rettete mir mein Teil." „Der Rabbiner lachte herzlich und war nun wieder mtt sich und seiner Gelehrsamkeit zufrieden. Nun, lieber Herr Schlesinger, folgen Sie dem Beispiel des Mannes in Prag, langen Sie zu und machen Sie schehakol!" Rauschender Beifall folgte den Worten des Hausherrn, worauf Dr. Seemann das Wort ergriff: „Auch ich weiß aus dem Leben des berühmten Mannes eine Episode zu erzählen, welche von der oft köstlichen Naivität unserer Alten Kunde gibt. Dem Rabbiner Landau, der, wie es selbstverständlich ist, eine sehr stark besuchte Jeschiba (Talmudschule) leitete, wurde von dienstfertigen Zungen hinterbracht, daß einige seiner Jünger sich das Vergnügen des Kegelschiebens nicht versagen, was eine Kapitalsünde sei. Der Rabbiner erließ ein strenges Verbot gegen das Kegelschieben und sprach den Bann über diejenigen seiner Schüler aus, welche dieses Verbot übertreten würden. Eines Tages machte der Rabbiner auf Anraten seines Arztes, der ihm weite Fußpartien empfohlen hatte, in Begleitung seiner Schüler einen Gang hinaus über das Weichbild der Stadt. Dort sah er in einem Garten eine Kegelbahn, auf der Einige Kugeln warfen. Mit lebhaftem Interesse verfolgte er das ihm ganz unbekannte Spiel und sagte hierauf zu seinen Schülern: „Seht ihr, das ist eine gesunde körperliche Bewegung, welche mir bei meiner fitzenden Lebensweise wahrlich auch gut kommen würde, denn die Aerzte raten mir nur viel Bewegung. „Seht ihr," sagte er zu seinen Jüngern, „das könnt ihr in freien Stunden euch auch erlauben, aber Kegel schieben chasz wescholem (beileibenicht), daraus habe ich den 6herem (Bann) ausgesprochen." Welch rührende Naivität, das so streng zu verbieten, was er soeben warm empfohlen hatte!" Unter solch interessanten Gesprächen war es Mitternacht geworden und Dr. Seemann erhob sich und sprach dem Präses seinen Dank für die ihm gebotene Gastfreundschaft aus, in

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