Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021764-3021803--17666-3042553- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 38 Nr. Moeb's MocdenscdrM. Sette 667 gebeten wurden und wo sie deutlich genug nicht geduldet werden. Würde die gesamte jüdischeBevölkerung diese Gesellschaft meiden und ihr so ihre Verachtung zeigen, so würde dies keineswegs die Wirkung verfehlen. Wenn die Juden auch gering an Zahl find, so find fie doch ein Faktor, mit dem man hier rechnet. Bei den letzten Reichsratswahlen hatte der Sozialist Pernerfiorfer 2098, der christlich-soziale Kandidat 1185, der deutschnationale 1183 Stimmen. Hätten nur z w e i I u d e n für den „Deutschen" gestimmt, so wäre dieser in die Stichwahl gekommen und dann sicher gewählt worden. Damals wußten die Herren Deutschen, wo die Juden wohnen, damals kamen fie um jüdische Stimmen betteln — aber die Juden haben einen moralischen Erfolg durch ihre stramme Haltung errungen und der Sozialist wurde gewählt, der bei der Wahl zwischen Schwarz und Schwarz-rot-gold jedenfalls das kleinste Nebel ist. So hätten die hiesigen Juden auch bei den Herbstfesten durch ein korporatives Fernbleiben eine Demonstration veranstalten sollen, die keineswegs ohne Eindruck geblieben wäre. Die jüdischen Steuern werfen auch einen schönen Brocken für die Gemeinde ab. Der Herr Bürgermeister ist zwar sehr beliebt und sehr objektiv, aber er kann es doch nicht hindern, daß Ungerechtigkeiten geschehen. Neustadt war eine der ersten Städte, die den Hausierhandel abschaffte, im „Bürgerhof" wird kein Lokal an einen Juden vermietet und im neuen „Posthof", den die Stadt eben baut, wurden gleichfalls jüdische Mieter abgewiesen. Die Juden gehen aber zu den christlichen Herbstfesten. Ja, es gibt hier noch Juden, die auf ihr „Deutschtum" stolz find. Ein interessanter Vorfall, der sich zum Schluß der heurigen Herbstmesse zutrug, entbehrt nicht einer gewiffen Pikanterie. Ein deutsch-christlicher Kaufmann hatte einen Pavillon um mehr als 1000 Kronen errichtet, wo bis früh und bis zur Nagelprobe ge—trunken wurde und lustige Lieder gesungen wurden. Diesen Pavillon erstand nun ein hiesiger Hausbesitzer um einen Pappenstiel und errichtet aus ihm eine Laubhütte zum Sukkothfest. Vielleicht wird der brave Mann gut tun, den Pavillon auf den daelllus loutonieuL und vieles andere zu untersuchen. Was sagt aber ihr dazu, deutsche Heilbrüder? Das hehre Zelt, wo „deutscher" Sang und „deutsches" Wort erscholl, wo „deutsche" Zucht und „deutsche" Minne war — eine jüdische Laubhütte. 8ie translt gloria mundi! Adolf Heinrich Landau. Israelitischer Landeslehrerverein in Böhmen. Unter dem Vorsitze seines verdienstvollen Obmannes, Oberlehrers Springer, hielt der Verein seine 35. Hauptversammlung ab, die sehr zahlreich besucht war. Dieselbe wurde durch den Vorsitzenden als Festsitzung eröffnet, indem er auf die segensreiche 60jährige Regierung Sr. Majestät hinwies und die Anwesenden zu einer einfachen aber herzlichen Huldigung begeisterte Nach dieser patriotischen Ansprache wurde die 1. Strophe der Volkshymne gesungen und beschloffen, eine Huldigungsdepesche an die Kabinetskanzlei Sr. Majestät nach Ischl abzusenden. Außer einer großen Anzahl von Mitgliedern wohnten der Sitzung als Vertreter der Prager Kultusgemeinde- Repräsentanz Herr Dr. Kohner. das hochverdiente Mitglied des k k. Landesschulrates Herr Dr. Ludwig Bendiener, der Obmann des Verbanoes der israelitischen Mittelschulreligionslehrer Herr Rabbiner S. Knöpfelmacher, der Obmann des „Afike Jehuda" Herr Rabbiner Dr. Deutsch, die Herein Prof. Dr. I. Hirsch, Prof. Dr. A. Kisch an. Dem temveramentvollen Tätigkeitsberichte des Schriftführers und Schriftleiters Rabb. Freund - Bodenbach folgte lauter Beifall, desgleichen wurde deffen Bericht über das Vereinsorgan „Mitteilungen" debattelos unter allgemeiner Zustimmung zur Kenntnis genommen. Freudigst begrüßt, unter allgemeiner Zustimmung, wurde der warme Appell des Obmannstellvertreters Rabb. Abeles - Zizkov an den Vertreter deic Prager Kultusgemeinde um Förderung des vom Vereine erstrebten Ausbaues des seit 35 Jahren bestehenden, Sr. Majestät allerhöchsten Namen tragenden Pensionsfondes. Hoffnungsvoll erfüllte die überaus herzliche Antwort des Herrn Dr. Kohner, der seine Kräfte einzusetzen versprach, die berechtigten Wünsche der israelitischen Lehrerschaft zur Kenntnis der Kultusgemeinde - Repräsentanz Prag zu bringen. Er spricht die Ho.ffnung aus, daß noch im Jubeljahre eine größere Aktion zur Ausgestaltung des Pensionsfondes im Vereine mit sämtlichen Kultusgemeinden werde unternommen werden. Der Bericht des Kaffiers, des Herrn Religionslehrers D. Löwy-Prag, wird mit Beifall zur Kenntnis genommen. Der in der Versammlung erschienene Gast Herr Dr. Bendiener wird aufs herzlichste vom Vorsitzenden Abeies begrüßt und ihm für seine segensreiche. Tätigkeit, die er seit Jahren sowohl für den Verein als für jedes einzelne Mitglied entwickelt, der wärmste Dank mit dem Wunsche ausgesprochen, es möge ihm gegönnt sein, auch in der nächsten Verwaltungsperiode als Vertreter im Landesschulrate zu sitzen. Herr Dr. Bendiener dankte für das ihm ausgesprochene Vertrauen und versprach, auch fernerhin für die Jntereffen der Lehrerschaft warm einzutreten. Eine lange intereffante Debatte entwickelte sich über die in letzter Zeit vorgekommenen Gesetzesübertretungen, soweit sie die Jntereffen und die Rechte der Mitglieder tangierten; es wurde beschlossen, mit allen gesetzlichen Mitteln denselben entgegenzutreten. Ein wohl motivierter Antrag des Rabbiners Knöpfelmacher jun., den Verband der ifr. Mittelschulreligionslehrer um Stabilisierung der Kurse anzusuchen, wird einstimmig angenommen. Ferner wurde beschlossen, anläßlich des Regierungsjubilänms alljährlich in Zukunft einen zweiten Stipendiumsbetrag für Lehrerstöchter auszuzahlen. Bei der Wahl des Vorstandes wurde dem bisherigen Vorstande der Dank und das Vertrauen votiert und derselbe einstimmig wiedergewählt. In der nach der Generalversammlung stattgefundenen konstituierenden Sitzung wurden Oberlehrer Springer-Prag zum Obmanne. Rabbiner Abeles- Zizkov zum Stellvertreter, Rabb. Frennd-Bodenbach zum Schriftführer, Religionslehrer Löwy-Prag zum Kaffier, Direttor Schwager-Weinberge zum Rechnungsführer, Rabbiner Goldstern-Nimburg und Stein- Radniz zu Ausschüssen gewählt, zu Ersatzmännern die Herren Adolf Tranb-Prag und K. Frennd - Kralup a. M. zu Revisoren die Herren: Karl Mnnk und Leopold Richter in Prag. Kiuderraub in Galizien. Die „Neue Freie Presse" vom 10. September publiziert folgende Zuschrift: Hochgeehrte Redaktion! Ich bin gerne bereit, Ihrem Wunsche nachzukommen und nähere Mitteilungen über den in Ihrem Sonntagsblatte erwähnten Wegtaufenfall zu machen. Ich bin auch dankbar dafür, daß die geehrte Redattion die Wegtaufenfälle neuerlich besprechen will, da ich überzeugt bin. daß durch deren Besprechung in einen so weit verbreiteten Blatte diesen traurigen Zuständen ein Ende gesetzt werden kann. Seit Jahren vertrete ich alle diese Angelegenheiten der Wegtaufen in Galizien und kann versichern, daß auf diesem Gebiete geradezu unerhörte Vorgänge sich abspielen. Bevor ich auf den jüngst erwähnten Fall eingehe, muß ich einige allgemeine Bemerkungen vorausschicken. Fast sämtliche jüdische Mädchen in Galizien, die in den letzten Jahren das elterliche Haus aus irgend einem Grunde verließen, fanden Unterkunft im Kloster der Felicianerinnen in Krakau, doch hat das Kloster es niemals für angezeigt gefunden, die durch die Flucht ihrer minderjährigen Kinder trostlosen Eltern hievon zu verständigen. Diese erfuhren vielmehr erst nach mehrwöä sittlichen Nachforschungen den Aufenthalt ihrer geflüchteten Kinder. Das Felicianerinnenkloster gibt diesen Mädchen Unterkunft und den nötigen Unterricht in der christlichen Religion. Dann werden sie getauft. Den Eltern wird mtt offenbarer Verletzung der gesetzlichen Vorschriften über die elterliche Gewalt der Zutritt zu ihren Kindern verweigert. Sie dürfen nur durch ein im Tore des Klosters angebrachtes vergittertes Guckloch mtt denselben sprechen und nur im Beisein einer Klosterschwester. Erst seit zwei Jahren hat über mein Betreiben die hiesige Polizeidirektion es erzwungen, daß den Eltern unter Assistenz eines Vertreters der Polizeidirektion der Eintritt ins Kloster gestattet wird. Diese geduldete Zusammenkunft der Ettern mit ihren Kindern bietet einen jammervollen Anblick und ist eine Verhönung der bestehenden Gesetze. Die Eltern wurden von ihrem Kinde durch eine breite Barriere getrennt, das Kind in Begleitung zweier Klosterschwestern wieder ins Zimmer geführt, die Ettern dürfen sich ihren Kindern nicht nähern. Das nennt man Zusammenkunft der Eltern mit ihren Kindern. Selbstredend verweigert jede- Mädchen, das durch einige Wochen im Kloster auf diese Zusammenkunft entsprechend vorbereitet wurde, die Rückkehr ins elterliche Haus. In einem Dorfe nächst Mosciska in Galizien hat nun am 4. Juni d. I. wieder ein minderjähriges jüdisches Mädchen das elterliche Haus verlassen. Durch längere Zeit suchten die Eltern den Aufenthaltsort ihres Kindes, bis fie erfuhren, daß dasselbe sich im Kloster der Felicianerinnen in Krakau befindet. Das Vormundschaftsgericht Mosciska fordert mit Beschluß vom 13. Juni 1908, Nc. V. 497/8, sämtliche Gerichte und Sicherheitsbehörden auf, dem Vater bei Eruierung des Aufenthaltsortes und bei der Zurückbringung der Tochter behilflich zu sein. Auf Grund dieses rechtskräftigen Beschlusses ersuchte ich die Krakauer Polizeidirettion, die Abnahme des Mädchens aus dem Kloster der Felicianerinnen zu vollziehen. Ein Polizeikommifsar begab sich mit den Eltern des Mädchens und mit mir als Rechtsfreund der Eltern in das genannte Kloster, wo die Unterredung mtt dem Mädchen stattfand, wobei auch — zum erstenmal — ein Vertreter des bischöflichen Konsistoriums auf Veranlassung der Krakauer Polizei intervenierte. Das Mädchen wurde, begleitet von zwei Klosterschwestern, in ein Zimmer geführt, wo fie, durch eine Barriere von ihnen getrennt, mit den Elter.r sprach. Eine Annäherung an ihr Mnd wurde den Ettern