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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-09-18 · 38 (18.9.1908) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
38 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 666 Dr. Llocv s MoedenscbrLN. Nr. 38 Korrespondenzen. Jüdische Kultusvorsteher als antisemitische Wahlagitatoren. Wir erhalten folgende Zuschrift: Nikolsburg, 13. September 1908. Löbliche Redaktion! Wie Sie aus den Zeitungen ersehen haben dürften, wurde der Stadtebezirk Nikolsburg am 9. September zur Wahl eines Landtagsabgeordneteu berufen. Es siegte der deutschfortschrittliche Kandidat Dr. Wilhelm Kreiml gegen den Christlich-Sozialen Winter, Gutsverwalter des Fürsten Dietrichstein-Mensdorff mit einer Majorität von 47 Stimmen. Der Sieg ist selbstverständlich nur der jüdischen Agitation und den im Wahlbezirke wahlberechtigten zirka 200 jüdischen Wählern zuzuschreiben. Nun find bei dieser Wahl einige Sachen Vvrgekommen, die eS notwendig machen, daß man dazu Stellung nehme. Für' den christlichsozialen Kandidaten agitierten nämlich auch „jüdische" Personen und zwar erstens: Mitglied des israelitischen Kultusbeirates — also ein Mann, der nach dem Kultnsvorsteher die erste Würde einnimmt, — Mitglied der „Bnei- Brit-Loge Brünn Bernhard L. Teils che r; zweitens: Obmann des Ortsschulrates der Jsraelitengemeinde Nikolsburg, Mitglied des Kultusvorstandes Franz Deutsch, beide in Nikolsburg. Man erwartete nun allseits, daß diese beiden Herren soviel Anstand besitzen werden, daß sie, wenn sie schon aus persönlicher Feindschaft nicht den Kreiml wählen wollen und darum für den Christlich-Sozialen agitierten, vorher ihre Mandate niederlegen werden; dies ist nun bis heute nicht geschehen. Ich notiere Ihnen noch die einzelnen Abstimmungsergebnisse: Nikolsburg: Christengemeinde, Kreiml 265, Winter 380^ „ Jsraelitengemeinde, „ 118, „ 3 Pohrlitz: 33, „ — „ Christengemeinde, „ 104, . 56 Joslowitz: „ „ 29, „ 153 Kanitz: Jsraelitengemeinde, „ 91. . 3 Die Kanitzer Christen sind im tschechischen Wahlkataster; wir haben kanntlich in Mähren einen deutschen und einen tschechischen Wahlkataster. Leipnik. Das Eintreten des Abg. Dr. Sommer für den Antrag Schmidt hatte die Kultusgemeinde Leipnik veranlaßt, gegen den genannten Abgeordneten Stellung zu nehmen und in einer öffentlichen Sitzung eine Resolution anzunehmen, in welcher sein Vorgehen einer scharfen, jedoch sachlichen Kritik unterzogen wurde. Der Herr Professor fühlte sich durch diese Resolution nicht nur in seiner Ehre als Abgeordneter beleidigt, er erblickte darin auch eine Gefährdung seiner Stelle als Handelsschulprofeffor, trotzdem er doch wußte, daß ihm sein Antisemitismus beiden Olmützer „Freisinnigen" nicht schaden könne; er klagte den Kultnsvorsteher Herrn David Spitzer wegen Ehrenbeleidigung. Vorletzten Donnerstag fand nun vor dem Olmützer Gerichtssekretär Paul die Verhandlung statt. Herr Professor Sommer verlangte, Herr Spitzer möge namens des Kultusausschusses erklären, daß dieser sein Vorgehen bedauere und wegen der Resolution um Entschuldigung bitte. Herr Spitzer wies ein solches Ansinnen zurück. Er konnte für den Ausschuß überhaupt keine Erklärung abgeben. Er für seine Person bedauere, daß Herr Professor Sommer durch die gefaßte Resolution sich beleidigt fühle, die Absicht, Herrn Professor Sommer persönlich zu beleidigen, sei ganz ferne gelegen, da es sich in der Resolution lediglich um die Kritik eines Abgeordneten handle. Herr Doktor Sommer wollte sich mit dieser Erklärung nicht zuftieden geben und erklärte im aufgeregten Tone vis-ä-vis dem Rechtsfreunde des Herrn Spitzer, das sei ein Kniff von dem Advokaten und biete ihm keine Genugtuung. Als aber der Beklagtevertreter Dr. Eben erklärte: „Herr Dr. Sommer, wenn Sie mir sagen, daß ich von Kniffen Gebrauch mache, so kann ich nicht weiter mit Ihnen unterhandeln," gab sich Herr Doktor Sommer mit dieser Erklärung zufrieden, aus der hervorgeht, daß Herr Spitzer nur die Form und nicht den Inhalt der Resolution mißbilligt. Die Resolution der Kultusgemeinde bleibt, wie man der Erklärung entnehmen kann, nach wie vor aufrecht, da diese nur als eine rein persönliche von Herrn Spitzer anzusehen ist, und Herr Professor Sommer wird sich, so unangenehm es ihm auch sein mag, auch weiterhin eine Kritik seiner Tätigkeit gefallen lassen müssen. Erklärung. „Ich, David Spitzer, erkläre, daß ich persönlich die beleidigenden Aeußerungen, welche in dem von der Kultusgemeinde Leipnik am 3. Juli d. I. an das Kuratorium der Olmützer Handelsakademie gerichteten, den Professor dieser Anstalt, Herrn Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Dr. Rudolf Sommer, betreffenden Schreiben enthalten waren, insbesonders aber die Aeußerung, daß dessen Abstimmung über den bekannten Resolutionsantrag Schmidt im Abgeordnetenhause „gegen alle Begriffe von Sitte und Anstand, Treue und Glauben gerichtet sei", bedauere und Herrn Abgeordneten T r. Sommer, der darin eine Beleidigung erblickt, wegen derselben um Entschuldigung bitte, da ich keine Absicht hatte, Herrn Professor Sommer persönlich zu beleidigen." Herr Dr. Sommer zog auf diese Erklärung hin seinen Strafantrag zurück, worauf der Richter mit einem Freispruch vorging. Kostenansprüche wurden von keiner der beiden Parteien gestellt. Wiener Nenftädter Herbstmesse. Im vorigen Jahre kamen einige bedeutende Kapazitäten auf handelspolitischem Gebiete auf die Idee, dem schon lange brach darniederliegenden Geschäfts- und Gesellschaftsleben in Wiener-Neustadt durch eine Herbstmesse, verbunden mit Festen, auf die Beine zu helfen. Auf dem großen Areale des ehemaligen Schweinemarktes wurde ein „Festplatz" mit Verkaufsständen und Unterhaltungsbuden errichtet, wo acht Tage lang Speisen und Getränke in horrender Masse, aber keine Waren abgesetzt wurden. Ein Herr, in dessen Gasthaus gar viele Juden Märzenbier trinken un^>Gulyas essen, hatte die Marktbuden zu vermieten; aber siehe da — trotzdem einige Stände leer waren, wurden die Juden, die sich um einen Platz bewarben, mit dem Bescheide abgewiesen, daß schon alles vergeben sei! Das löbliche Komitee hatte im Voraus beschlossen, die „jüdische Konkurrenz" nicht zuzulassen. Wahrscheinlich mußte es dieselben fürchten, denn die hiesigen Juden find ausnahmslos kulante Geschäftsleute, die sich überall eines ausgezeichneten Rufes erfreuen; und es ist in der Tat keine Kleinigkeit, sich auf dem hiesigen heißen Boden, wo die „Neustädter Zeitung" stets zum Boykott auffordert, behaupten zu können. Im vorigen Jahre hatte sich überdies ein empörender Vorfall ereignet. Der wegen seines antisemitischen Treibens auch in Wien bestbekannte Inhaber eines hiesigen Hotels, wo jüdische Reisende mit Vorliebe logieren und speisen und dessen Konzerte von Juden sehr stark besucht werden, hatte eine jüdische Kellnerin vom „Festplatz" gewiesen, weil sie angeblich das Fest „verschandle"!! Nichtsdestoweniger wurden diese arischen Feste von Juden massenhaft besucht. Heuer wurden diese erhebenden Feste, wo deutsche Zucht und Sitte wahre Orgien feierten, vom 5. bis, 13. d. M. wieder abgehalten. Wieder wurden die Arbeiten nur an christliche Gewerbetreibende vergeben, wieder wurden die Verkaufsbuden nur an Christen vermietet, aber wieder zogen die Juden mit KindundKegel auf den Platz des ehemaligenSchweinemarkteszurarischenHerbstmesse! Die Christen wichen den Juden überall aus, diese gingen aber doch wieder hin! Mag es immerhin empörend sein, daß die Veranstalter der Messe, die unter dem Protektorate des Statthalters Grafen Kielmansegg und des hiesigen Bürgermeisters steht, die hiesige Judenheit, wenn sie auch nur zwei Perzent der Bevölkerung bildet, ausschließen, so ist es ebenso empörend, daß die Juden dorthin kriechen, wohin sie nicht

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