Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ne. 36 Dr. Mocd s Mocdenscbrin. Kette 66$ von Schulen unter den Falaschas unmöglich." (!?) Die Häupter der Londoner und englischen Judenmisfion, welche nicht weniger eifrige und aufmerksame Leser des angesehenen und einflußreichen „Jewish Chronicle" find als der Artikelschreiber, dürften fich beim Lesen dieser Nachricht, wenn fie wirklich auf Wahrheit beruhen sollte, ebenso gefreut und fich in die Faust gelacht haben, als fie den Unterzeichneten, die allgemeine jüdische Oeffentlichkeit und jeden gerade, aufrichtig liberal und fortschrittlich gesinnten Leser enttäuschen und betrüben muß. Wenn die Alliance nach all den wegen der Falaschas hervorgerufenen Debatten in dem Schoße verschiedener jüdischer Organisationen und Komitees und im allgemeinen jüdischen Blätterwald und nach dem allenthalben geweckten lebhaften Interesse für diesen bisher verwahrlosten zersprengten jüdischen Volksteil ihre Aufgabe mit der Entsendung einer mehr ethnographischen, geographischen und politischen als religiösen und kulturellen, speziell dem Wohle der Falaschas gewidmeten Mission für erledigt halten wollte, so wäre ja das Resultat nach all den vorausgegangenen Erregungen und Erwartungen noch geringer als das, was in den bekannten lateinischen Worten ausgedrückt ist: „Partnrinnt montes nascitur ridiculus mus.“ Nachdem der vorliegende Artikel schon geschrieben war und auf die Post gegeben werden sollte, erhielt der Unterzeichnete die neueste Nummer des „Jewish Chronicle" vom 21. August und war erfreut, in einem Briefe des Herrn Rabbiner Dr. Margulies in Florenz und des Herrn Israel Cohen in London an das genannte Blatt sein Urteil über die Behauptung des Herrn Nahum bezüglich der von jüdischer Seite unter den Falaschas zu entfaltenden Tätigkeit geteilt zu sehen. Dr. Margulies schreibt u. a.: „Ich denke, daß diese Ansicht (nämlich nichts zu tun für die Falaschas) manchen Leuten passend erscheinen mag, besonders den Anhängern der laisser aller Politik, aber ich hoffe, daß fie nicht geteilt wird von unseren Glaubensgenossen. Selbst wenn es nur wenige tausend Falaschas gäbe, welche wir dem Judentum erhalten könnten, wäre es unsere Pflicht, es zu tun unter allen Umständen. Sonst würdet! die christlichen Misfionsgesellschaften diesen Rest aufzehren und berechtigterweise mit Verachtung auf uns herabblicken." Herr Cohen fügt diesen Worten bei: „Ich kann auch meinerseits nur der Hoffnung Ausdruck geben, daß die Ansicht des Herrn Nahum bezüglich der Zukunft der Falaschas von allen warmherzigen Juden zurückgewiesen wird." Herr Nahum meint, wenn seine Aussage durch den Pariser Korrespondenten des „Jewish Chronicle" richtig wiedergegeben ist, sei es unmöglich, ohne Erfolg und ohne Nutzen unter den Falaschas Schulen zu gründen. Aber das Beispiel und Vorgehen der Mission, welche wie so oft und an so manchen Orten so auch hier die besser gestellten Juden erst auf ihre Pflichten und Aufgaben gegenüber ihren sozial und kulturell weniger bevorzugten Glaubens- und Volksgenossen aufmerksam machen mußte, beweist, daß die von Herrn Nahum gegebenen Argumente nicht stichhaltig find. Die Mission unterhält unter den Falaschas in Abessynien vier Stationen, nämlich Genda, Maskala Krestos, Tscherkaw und Tschanker und auf jeder dieser Stationen befindet sich auch eine Schule, welche regelmäßig von den Kindern bekehrter Falaschas und eingeborener Christen besucht wird. So heißt es z. B. in derselben Nummer der „Jewish Missionary Intelligence“, welche zu dem vorliegenden Artikel Veranlaffung gab, in einem Berichte über die Misfionsstation Tschanker: „Debtera Ain Alem und Asressa verrichten gute Arbeit auf ihrer neuen Station in Tschanker. Ihre Schule ist gut besucht, nicht allein von den Kindern unserer Bekehrten, sondern auch der eingebornen Christen. Da Tschanker ein ansehnlicher Ort und Marktplatz ist, so kommt daselbst immer viel Volk zusammen, Falaschas sowohl als Christen. Es ist darum hier reichlich Gelegenheit geboten, das Evangelium zu verkünden und unsere Missionsliteratur zu verbreiten." Gerade in bezug auf ihre Schultätigkeit darf man auch der Judenmisfion unter den Falaschas die Anerkennung nicht versagen, wie denn die Mission überhaupt nur vom kulturellen und zivilisatorischen Gesichtspunkt aus eine gewisse Berechtigung hat. Es klingt ein berechtigter Stolz und eine lobenswerte Selbstbefriedigung aus den Worten, mit denen der Bericht weiterfährt: „Ein Resultat unserer Misfionsbestrebungen besteht auch darin, daß es jetzt in jedem Dorfe eine Anzahl von Leuten gibt, welche lesen und schreiben können, während das vor der Gründung unserer Misfionsstation nur die Priester zu tun imstande waren." Aus dem Gesagten geht wohl klar und bestimmt genug hervor, daß entgegen der bekanntgewordenen Ansicht des Herrn Nahum als das Nächste und Wichtigste, was für die Falaschas zu geschehen hat, die Gründung von Schulen in Angriff genommen werden muß, besonders da, wo dieselben in größerer Anzahl beisammen wohnen, zumal nach dem Bericht aus Abeffynien an das Komitee der Judenmisfion die Falaschas, welche fich der Mission nicht zugänglich zeigen, auch ihre Kinder von den Missionsschulen fernhalten, was z. B. nicht einmal bei den Juden in Jerusalem allgemein der Fall ist. Diese Schulen könnten auf möglichst billige und vorteilhafte Weise von vorgebildeten eingeborenen Lehrern und Helfern geleitet werden, welche zudem von Zeit zu Zeit nach dem Vorbild der Misfionssendboten in ihrem Distrikte eine Rundreise zu machen hätten, um dem Einfluß der Mission entgegen zu arbeiten und ihre Glaubensgenoffen zu belehren und zu beraten, zu sammeln und zu stärken und so in geistiger und materieller Hinsicht ihre kulturelle, ökonomische und soziale Lage zu heben und zu beffern. Wenn dieses Kultur- und Zivilisationswerk von der Alliance, welche fich mit ihrer nach Abeffynien gesendeten Expedition bei dem Negus, deffen Beratern und Vertretern sowie bei dem Volke aufs Beste eingeführt hat, in die Hand genommen wird, so ist kein Zweifel, daß namentlich die Schulen der Allianz weit mehr als die der Mission nicht nur von den Falaschas, sondern auch von der nichtjüdischen Bevölkerung mit Freuden benützt und besucht würden, wodurch auch für den allgemeinen Fortschritt dem Lande überhaupt eine große Wohltat erwiesen werden könnte. Der Misfionsbericht gibt als Durchschnittsziffer der Schülerzahl 14—24 auf jeder einzelnen Station; das ist ja wenig im Vergleich zu dem Besuch anderer Anstalten der Alliance, aber wie gesagt, die Bemühungen der Alliance hätten alle Aussicht auf größeren Erfolg, und wenn auch nicht, so sollte der Eifer der Mission doch immer anspornend wirken, welche die ungezählten Millionen, welche fie Jahr für Jahr verschlingt, nicht als verloren betrachtet, wenn durch fie auch nur eine einzige Menschenseele „bekehrt und gerettet" wird. Aber es muß wiederholt und besonders betont werden, daß von allen bestehenden jüdischen Organisationen die Alliance in erster Linie berufen und geeignet ist, das Kulturwerk in Abeffynien in Angriff zu nehmen und durchzusühren. Herr Faitlowitsch hat unzweifelhaft das Verdienst, die jüdische Oeffentlichkeit zuerst in eifriger und energischer Weise auf ihre Verpflichtung gegenüber den Falaschas hingewiesen zu haben, aber es ist im höchsten Grade zu bedauern, daß fich sein Verhältnis zu der Alliance aus unbekannten Gründen gelöst hat und er jetzt unter den Auspizien eines italienischen Komitees seine wohlgemeinten Absichten und Bestrebungen unter den Falaschas zu erreichen und zu verwirklichen sucht. Nach der politischen Konstellation wird eine Protektion seitens Italiens, selbst wenn der Hilfsverein der deutschen Juden den Rücken deckt, für Herrn Faitlowitsch immer eine schlechte Empfehlung bei dem Negus bleiben, wenn er ihm auch äußerlich ein freundliches Gesicht zeigen wird. Es fehlt aber überhaupt dem neugegründeten, auch von dem Hilfsverein der deutschen Juden subventionierten italienischen Falascha-Komitee das gewaltige Prestige, welches fich die Alliance in ihrem großzügigen, weltumspannenden, jahrzehntelangen Wirken nicht nur unter den Juden, sondern unter allen Konfessionen und Nationen zu erringen verstanden hat und welches in immer wachsendem und stärkerem Maße als ein höchst einflußreicher Faktor der allgemeinen Wektpolitik betrachtet werden muß, mit dem auch die Regierungen und Kabinette zu rechnen haben. Es wäre darum als Erfolg der vorstehenden Ausführungen im höchsten Grade wünschenswert und aufs freudigste zu begrüßen, wenn die besonders dazu berufene Alliance auf ihrem großen,