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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-09-11 · 37 (11.9.1908) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
37 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 37 Vr. Llocd's Moedenscvrrn. Seite 653 Übung des Advokatenberufes gestattet. Die betreffende Mitteilung der „Pest-Ofner-Zeitung" hatte folgenden Wortlaut: „Zur provisorischen Ausübung der Advokatur wurde mit allerhöchster Entschließung am 19. Februar 1852 Doktor Simon Goldstein mit dem Gerichtssitze Ofen zugelassen." Diese amtliche Verlautbarung hat damals mit Recht große Freude unter den ungarländischen Juden hervorgerufen, denn es geschah zum ersten Male, daß ein Jude ungarischer Advokat werden konnte. Dr. Simon Goldstein hatte gegen eine ganze Welt von Vorurteilen anzukämpfen, bis er ans Ziel gelangte. Für jedes Rigorosum mußte er sich die vorherige Bewilligung des Kaisers verschaffen und die wiederholten, immer von neuem geforderten kaiserlichen Bewilligungen war er nur dadurch im stände zu erlangen, daß er seine Prüfungen und Rigorosen mit Vorzug ablegte. Das war damals keine Kleinigkeit an der deutschsprachigen Universität von Pest und der juristischen Akademie von Preßburg, wo Goldstein seine Studien begonnen hatte. In Preßburg, in der alten Krönungsstadt absolvierte er auch das Obergymnasium der Piaristen, mit deren Vorzugszeugniffe er in die juristische Akademie ausgenommen wurde. Dr. Goldstein, der am 6. Oktober 1830 geboren wurde und dennoch das 78. Lebensjahr erreichte, zeichnete sich nicht nur als Jurist, sondern auch als Gelehrter aus verschiedenen anderen Gebieten aus. Außer der ungarischen Landessprache beherrschte er auch vorzüglich die deutsche, französische und italienische Sprache, besaß auch vorzügliche Kenntnis der klassischen Sprachen und überraschte als 13 jähriger Knabe seinen Vater damit, daß er de Foes Jugendroman, „Robinson Crusoe", ins Hebräische übersetzte. Diese Uebersetzung ist später in Preßburg erschienen. Auch als Advokat war Dr. Goldstein schriftstellerisch tätig und seine juristischen Arbeiten fanden in Fachkreisen stets große Beachtung. Sein Leichenbegängnis fand unter überaus zahlreicher Beteiligung aller Kreise statt. Lazarus Geiger: Mährisch.Weißkirchen. In einer Notiz der „Oesterreichischen Wochenschrift" - vom 4. September 1908 wird unter dem Titet „Lazarus Geiger und Charles Darwin" die Bedeutung Geigers für die Wissenschaft und seine Stellung zum Judentume mit knappen Worten skizziert. Im Anschluß daran möchte ich mir erlauben, eine in Frankfurt a. M. über Lazarus Geiger kursierende Anekdote, welche Zeugnis von seiner Frömmigkeit ablegt, mitzuteilen. Der berühmte Sprachforscher Geiger, dessen Denkmal nebenbei bemerkt in der Stadtbibliothek zu Frankfurt a. M. sich befindet, war außerordentlich konservativ und pflegte die Gesetze der Religion auf's Gewissenhafteste zu befolgen. Eines Tages mußte er aus gesellschaftlichen Rücksichten an einem Festmahle teilnehmen, bei dem es nicht ganz nach den Vorschriften der Religion zuging. Der Gelehrte wies die servierenden Personen immer mit einer Handbewegung ab und sie gingen weiter. Die Dame des Hauses, welche Geigers Gesinnung in religiösen Fragen nicht kannte, sprach zu ihm, indem sie auf ein Gericht deutete: „Aber von dieser Speise, Herr Geiger, müssen Sie sich bedienen, sie ist vorzüglich!" „Desto mehr, meme Verehrteste," erwiderte der fromme Gelehrte, „muß ich mich beherrschen! Freilich, fügte er mit feinem Lächeln hinzu, wäre das „Sichbedienen" in diesem Falle angenehmer als das „Sichbeherrschen. Dr. I. Rabbinowicz. Jüdische Kunst im Fürstenschlosse. In Teplitz wurde der in hohem Ansehen stehende Badearzt Geheimrat.Dr. Hirsch zu Grabe getragen und unter den Nobilitäten, die am Leichenbegängnisse teilnahmen, befand sich auch Se. Durchlaucht Fürst Clary. Die traditionelle Art der jüdischen Gesänge, die er bei dieser Gelegenheit vernahm, erweckten so sehr sein musikhistorisches Interesse, daß er sich an den Herrn Kultusvorsteher Dr. med. Stein mit dem Ersuchen wandte, den Oberkantor der Teplitzer Gemeinde, Herrn Eugen Dawison zu einem Besuche im Schlosse zu veranlaffen, um Ihre Durchlaucht die Fürstin mit den Klängen altjüdischer Gesänge bekannt zu machen. Zu einem fast zweistündigen Vortrage wurde Oberkantor Eugen Dawison im großen Musiksaale des Schlosses von dem Fürsten, der Fürstin und der Prinzeffin Radziwill empfangen. Vor den mitanwesenden Univerfitätsprofessoren und Prälaten entwickelte er zunächst die grundlegende Art der Jntervallenfolge, die zur Steigertheorie von Weintraub, Deutsch und Singer führte. Im Anschlüsse daran trug er die Melodie des Wajihullu vor und setzte nach den bewundernden Ausdrücken das Recitativ fort bis zum mögen owoss. Von jedem neu besprochenen jüdischen Tonsystem ließen sich die Herrschaften als Ergänzung die entsprechende Stelle aus dem Gebetbuch vortragen. So sang Oberkantor Dawison als Beleg für den 0r eboäoseb-Steiger den B-moll w'schomra von Kirschner, wo namentlich die Uebereinstimmung des chasonischen Styles zwischen der Begleitung und der Solostimme höchstes Interesse erregte. Aber nicht bloß den Vorträgen von Kol nidrei, b’rosch haschonoh, horem ma homern erkannte die kunstsinnige Fürstin das Prädikat „wunderbar" zu. Auch als Oberkantor Dawison von den Neginoth zu der Vortragsart der Klagelieder Jeremiä kam, erfuhr auch diese Art jüdischer Singweise dieselbe Beurteilung. Und als man die auffallende Aehnlichkeit verschiedener Responsorien am hoschano rabbo und anderen Tagen mit Benediktionen aus dem Brevier verglich, da pflichteten auch die Professoren der katholischen Liturgie dem jüdischen Kantor bei, daß beide Riten aus denselben Quellen schöpfen. In diesem Falle gelang es dem jüdischen Kantor, den Kunstwert der jüdischen Gesänge zu demonstrieren und damit diente er der jüdischen Sache. Selbst im konservativstem jüdischen Ritus läßt sich ein geregelter, auch auf Kunstgesetze bedachter musikalischer Gottesdienst durchführen, denn man vergeffe nicht, daß Richard Wagner mit von den verstimmenden Eindrücken, die er von einem wilden Durcheinander bei einem jüdischen Gottesdienste empfing, stark beeinflußt wurde für das absprechende Urteil in der Broschüre „Das Judentum in der Musik". Landwirtschaftliche Ausbildnngsgelegenheit für jüdische Schulentlassene und junge Leute. Es gibt viele Glaubensgen offen in Deutschland, die ihre jungen Söhne gern der Landwirtschaft zuführen möchten, wenn sie die passende Gelegenheit dafür finden könnten. Biele wagen diesen Schritt nicht, weil sie keine geeignete Lehrstelle auszumitteln vermögen. Sind doch die antisemitischen Vorurteile in der agrarischen Bevölkerung besonders stark. Die Alexander und Fanny Simon's che Stiftung in Hannover kennt eine Anzahl landwirtschaftlicherBetriebe, insbesonderein Süddeutschland, wo jüdische junge Leute gut untergebracht werden und tüchtiges lernen können. Handelt es sich um junge Leute, die zur Landwirtschaft besonders befähigt find, so ist die Stiftung auch in der Lage, einen Zuschuß zur Ausbildung beitragen zu können. Von dem Ankauf eines eigenen Lehrgutes hat die Stiftung zunächst abgesehen, einmal, weil landwirtschaftliche individuelle Berusserziehung immer besser ist. als Anstaltserziehung — anders wie bei der Gärtnerei — und dann weil es nur für solche, die später in der Lage find, sich ein eigenes großes Gut zuzulegen oder zu pachten, Zweck hat, in einem landwirtschaftlichen Großbetriebe ausgebildet zu werden. Ein kleinerer gut geleiteter Betrieb verdient in jedem Falle den Vorzug, weil hier der junge Mann beffer alle Arbeiten kennen lernt und leichter dazu kommt, mit eigener Verantwortung in jedem Augenblick selbständig handeln zu können. Ist erst ein tüchtiger Stamm junger ausgebildeter Landwirte vorhanden, so ist die Stiftung leicht in der Lage, allen, die dazu geeignet find, zur Selbständigmachung unter aussichtsreichen Verhältnissen zu verhelfen. Bewerbungen von solchen jungen Leuten, die sich nur dann zur Landwirtschaft melden, weil sie für einen anderen Beruf nichts taugen, find zwecklos. Da die Stiftung sich bis zu einem gewiffen Grade für den Erfolg der Ausbildung mit verantwortlich fühlt, können nur körperlich taugliche und geistig gut entwickelte Petenten mit einwandfreien Führungszeugnissen berücksichtigt werden. Erwünscht ist der Nachweis einiger Mittel für die Gegenwart oder Zukunft. Alle Anfragen werden umgehend erledigt, durch das Bureau der Alexander und Fanny Simonffchen Stiftung, Hannover, Hansahaus, Aegidientorplatz.

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