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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-09-11 · 37 (11.9.1908) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
37 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite €52 Dr. Llocb's Mocdenscdrlrr. Nr. 37 gegeben wurde. Zum provisorischen Leiter der Schule wurde der christliche Lehrer Herr Franz Matzenauer ernannt. Man würde aber sehr fehlgehen, wenn man glaubt, daß dies die fähigste oder älteste Lehrkraft der Anstalt sei. Keines von beiden; drei tüchtige, ältere Lehrer wurden Präteriert, weil die Herren christlichsozialen Ehrenmänner überzeugt waren, daß nur Herr Mtcheuauer jenes Werkzeug sei, das skrupellos alles daran setzen werde, die jüdische Majorität der Schule in eine christliche umzugestalten. Sie sollten sich in ihren Voraussetzungen nicht getäuscht haben. Das würdige Werkzeug der Herren Antisemiten ging gleich scharf ins Zeug. Vorerst errichtete er konfessionelle Klassen. Die Mischen Abteilungen wurden dadurch überfüllt und es sollten hiedurch neue Einschulungen jüdischer Schüler unmöglich werden; die christlichen Schulzimmer waren halb leer und in diese konnten somit katholische Schüler Aufnahme finden. Als auch dies noch nicht den erwünschten Erfolg hatte, wurden jüdische Schüler ohne schulbehördliche Bewilligung, ohne Befragen der Eltern und ohne jeden zwingenden Grund einfach anderen benachbarten Schulen zugewiesen. Nun beginnt das neue Schuljahr und wir sind überzeugt, Herr Matzenauer wird bei den Einschreibungen noch manches Mittelchen anwenden, um eine christliche Majorität an der Schule zu schaffen und sich so seinem Herrn und Meister als vollwertiger Christlich-Sozialer zu erweisen, der würdig sei, die definitive Stelle eineö Oberlehrers zu bekleiden. Es gibt nämlich noch immer sehr viele maßgebende Faktoren unter den antisemitischen Machthabern, die dem neuesten Protektionskinde der Leopoldstädter Kapläne nicht recht trauen mögen. Herr Matzenauer hat nämlich eine nicht ganz einwandfieie Vergangenheit hinter sich. Er war noch vor Kurzem einer der enragiertesten Anhänger Schönerers und Obmann des Vereines „Südmark". Was ein echter Germane ist, darf aber nicht mit seiner Gattin in treuer Ehe leben. Tatsächlich veranlaßte die Gattin des braven Mannes die Ehescheidung und das Gericht sprach der Mutter beide Knaben zu. Herr Matzenauer aber tröstete sich in den Armen der verwitweten Tochter seines Oberlehrers, mit der er nun ganz ungeniert in gemeinschaftlichem Haushalt lebt. Hiebei schillerte er wieder ein wenig judenfreundlich, da er in jüdischen Häusern sehr gute Lektionen fand, de facto war er aber noch immer Schönerianer von echtem Schrott und Korn und schimpfte weidlich über die Verderbtheit der Christlich-Sozialen. Als aber der brave Mann die Ueberzeugung gewann, daß sein Oberlehrer, der Vater seiner — wie sollen wir nur sagen. — nun, seiner Haushälterin, in Pension gehen wolle, da wurde der enragierte Schönerianer urplötzlich ein wütender Christlich-Sozialer. Was nur dazu dienen konnte, seine treue Zugehörigkeit zu seinen neuen Parteiftennden zu beweisen, wurde angewendet. Er wurde einer der rührigsten Streber und erfteute sich bald der Protektion der P. T. Kapläne und hiedurch auch des Vertrauens des allmächtigen Leopoldstädter Lueger, des Herrn Wenzel Oppenberger. Dies alles und noch viel mehr wiffen die maßgebenden politischen Freunde, weiß die Lehrerschaft und naturgemäß glauben viele nicht an die plötzliche Bekehrung des Strebers und bringen chm das größte Mißtrauen entgegen. Herr Matzenauer wird also beim Schulbeginn kein Mittel, erlaubt oder unerlaubt, außer acht lassen, seinen Auftraggebern den Beweis zu liefern, daß er der rechte Mann am rechten Platze sei und daß seine Schlauheit es zuwege brachte, die jüdische Majorität der Blumauer-Schule binnen zwei Jahren in eine kacholische Majorität umzuwandelu. Diesen so fein ausgehegten Plan wollen wir ihm nun ein wenig erschweren, indem wir hiemit unseren Glaubensgeuoffen die nötige Belehrung anläßlich der bevorstehenden Einschreibungen mit auf den Weg geben. Bekanntlich haben wir in Wien sogenannte Schulsprengel. Me Kinder, die ihren Wohnsitz in diesem Schulsprengel haben, müffeu in der betreffenden Schule ausgenommen werden, sie dürfen an anderen Schulen nur dann ausgenommen werden, wenn sie vom Ortsschulrate dahin zugewiesen werden. Wir wollen hier gleich zur genaueren Information den Schulsprengel der Knabenschule in der Blumauergasse beisetzen: Afrikanergasse (ganz), Blumauergasse (ganz), Cirkusgasse 9—47 und 12—50, Glockengasse 2—30 und 3—31, Komödiengasse 1—5, Große Mohrengaffe 20—44 und 17—39, Kleine Mohrengasse (ganz), Novaragaffe 3—33 und 4—50, Nepomukgasse (ganz), Odeongasse (ganz), Praterstraße 31—63, Pillersdorfgasse 1—5 und 2—6, Rothe Sterngasse 7 — 37 und 8—32, Schrottgießergasse (ganz), Schmelzgasse 1—15 und 8—14, Große Stadtgutgasse 8—38, Taborstraße 20—24, Weintraubengasse (ganz). Alle in o b e n b e z e i ch n e t e n Häusern wohnende Knaben müssen in der Knabenschule II., Blumauergasse 21 Aufnahme finden. Sollte ein Kind bei der Aufnahme zurückgewiesen werden, so wolle sich die Partei unverweilt zum Ortsschulrat begeben, der sicherlich die Aufnahme des Kindes veranlassen wird. Sollte jedoch das Unmögliche sich ereignen, daß der Ortsschulrat nicht mit Erfolg eingriffe, so bitten wir, den Fall zur Kenntnis des Sekretärs der „Union", Herrn Siegfried Fleischer*), zu bringen, der den Gegenstand durch das Rechtsschutzbureau an das k. k. Unterrichtsministerium leiten wird. Wir wollen noch zur Information des verehrlichen Ortsschulrates wie auch der „Union" hinzufügen, daß an der Knabenschule in der Blumauergasse von einer etwaigen Behauptung eines Platzmangels nicht die Rede sein kann, da an dieser Schule schon seit 20 Jahren mehrere Lehrzimmer unbenützt stehen und sonach Parallelklassen errichtet werden können, somit es auch nicht nötig ist, in ein Schulzimmer 60—70 Kinder zusammenzupferchen, bloß weil Herr Matzenauer Oberlehrer werden soll. Wir machen schließlich darauf aufmerksam, daß Kinder, die durch Uebersiedlung einem anderen Schulsprengel angehören, in der Schule, die sie vor der Uebersiedlung besuchten, verbleiben können; sie dürfen nur über ausdrücklichen Wunsch der Eltern ausgeschult und einer anderen Schule zugewiesen werden. Wir bitten unsere Glaubensgenossen in der Leopoldstadt, diesen Informationen Beachtung zu schenken, und hoffen, daß wir hiedurch im eigenen wie im eminenten Interesse der jüdischen Schuljugend dem eigenmächtigen Treiben gewisser Streber durch zielbewußtes, festes Einschreiten das unsaubere Handwerk, wenn auch nicht ganz lähmen, doch ein wenig erschweren dürften. So leicht soll es den Herrschaften nicht gemacht werden, schon in die zarten, unschuldigen Herzen der Kinder den konfessionellen und nationalen Haß zu pflanzen. X. X. X. Der erste jüdische Advokat in Ungarn gestorben. Vorige Woche starb in Budapest eine der geachtetsten Persönlichkeiten der Budapester Judenschaft Dr. Simon Goldstein, der in gewissem Sinne eine historische Persönlichkeit war, denn er war der erste, dem es als Juden gestattet wurde, in Ungarn advokatorische Praxis auszuüben. Alten Leuten, die sich noch der Tage nach der Revolution erinnern können, wird das für die Juden große Ereignis im Jahre 1852 gewiß noch in lebhafter Erinnerung sein. Am 19. Februar des genannten Jahres brachte das Amtsblatt die Mitteilung, der Kaiser habe einem jüdischen jungen Manne, Dr. Simon Goldstein, die Aus- *) IX., Universitätsstraße 8, 1. Stock.

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