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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-09-11 · 37 (11.9.1908) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
37 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 37 Sr. Mocb's Mocbenscdrirr. Seite 651 empfinden über die verringerte Zahl der schwer Kämpfenden. Zudem bilden Rußland und Galizien ein so großes Reservoir, daß die Austretenden — deren Zahl möge noch so groß sein — nicht in Betracht kommen, der Abgang wird reichlich ersetzt. Zu dieser kaufmännischen Betrachtung werden wir uns nie erheben können. Wir verzeihen es unseren Volksgenossen nie, daß sie uns zur Zeit der Not verlassen, daß sie in ein Lager übergehen, wo man nur Verachtung und Geringschätzung für sie empfindet. Ist dem so, so müssen wir uns auch die Frage vorlegen, ob wir nicht auch teilweise Mitschuldige an dieser Fahnenflucht sind, ob wir auch alles getan haben, diese Ausgetretenen in unseren Reihen festzuhalten. Und da werden wir manches gewahr, was wir bisher übersehen haben. Religion, Volkstum, darüber wurde in früheren Zeiten nicht gesprochen. Im jüdischen Hause, in der jüdischen Gemeinde lebten Religion und Volkstum, der vormärzliche Jude kannte den Wert derselben, schätzte dieselben und Austritte kamen nur selten vor. Sehr bezeichnend ist ein Bauernspruch aus jener Zeit, der den Ausgetretenen galt: Ihr habt einen Lumpen weniger, wir haben einen Lumpen mehr. Das galt für die damalige Zeit. Wir müssen gestehen, daß heute viele der Ausgetretenen nicht als Lumpen bezeichnet werden können und doch erscheinen allwöchentlich ganzen Reihen solcher „Judenmüden". Ja, wissen dieselben heute wirklich, was fie von fich werfen, was jüdische Religion, jüdisches Volkstum und Geschichte heißt? Woher denn? In vielen Häusern gibt es kein jüdisches Leben mehr, der Religionsunterricht kann in zweiwöchentlichen Stunden unmöglich ersetzen, was im Hause und in der Gemeinde früher in der Praxis getan wurde. Unsere Jugend kennt die griechische und römische Geschichte, weiß von Hannibal, Napoleon rc. viel zu erzählen, die Geschichte des eigenen Volkes kennt fie nicht. Von Makkabäerkämpfen hat fie einmal etwas gehört, von einem heroischen Kampfe der Juden gegen Rom ist ihr anläßlich der Geschichte des römischen Kaisers Titus etwas mitgeteilt worden, es ist aber nicht viel haften geblieben. Was man nicht kennt, das liebt man auch nicht. Jüdische Tempel schießen zwar wie Pilze aus der Erde, sie stehen aber fast das ganze Jahr leer. Man baut dieselben oft mit großen Kosten, besucht sie aber nicht viel. Unwillkürlich erinnert man sich des Prophetenwortes: „Wozu soll mir die Menge eurer Opfer?" Juden sieht man gelegentlich bei Hochzeiten oder Leichenbegängnissen, am häufigsten in Witzblättern oder antisemitischen Zeitungen. Der Austritt aus dem Judentum kostet also heute vielen Juden gar kein Opfer, ist für dieselben tatsächlich eine reine Formsache. Das Bischen Eid beim Uebertritt ist zwar unangenehm, ist aber nicht zu vermeiden und wird von beiden Seiten nicht so heiß genommen. Unsere Pflicht wäre es also, unseren Volksgenossen die Kenntnis der jüdischen Geschichte, Kultur und Literatur zu vermitteln. Wir würden dadurch nicht alle Austritte verhindern. Wem Geschichte und Kultur gleichgültige Dinge find, wer sein Volk ohne Augenzucken verläßt, der möge gehen. Wo jeder Idealismus erstorben, dort haben wir nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren. Unser Augenmerk habe sich auf jene zu richten, die den Wert des Judentums nicht kennen. Die Wiener Kultusgemeinde hat diesen wunden Punkt schon längst erkannt. Es werden alljährlich einige Vorträge aus der jüdischen Geschichte von bedeutenden Fachmännern abgehalten, aber eine Schwalbe macht keinen Sommer. In jedem Bezirke müssen solche Stationen errichtet werden. Ueberall, wo ein Tempel ist, gibt es Juden, die dem Judentume noch angehören wollen. Deren Kinder find festzuhalten. Jeder Tempel wird von einem Kollegium verwaltet. Dieselben Männer, die Zeit und Mühe der Tempelverwaltung widmen, werden auch Mitwirken im Dienste einer jüdischen Volksbildung. Unsere Stammesgenossen find keine Wirtshausmenschen, haben Sinn für geistige Anregungen und find recht dankbar für eine gute, geistige Nahrung, die ihnen in populärer Form geboten wird. Natürlich kann man nicht verlangen, daß langweilige Redner Leuten, die tags über fich geplagt, zusagen. Populäre Redner, die interessant vortragen, feffeln ihr Auditorium. Das kostet Geld. Lokal, Beheizung, Beleuchtung und, wenn nötig, Honorar für die Vorträge erfordern Kosten. Wer diese Kosten tragen soll? Wer für Erhaltung des Judentums zu sorgen hat, wer dem Antisemitismus im eigenen Lager entgegenarbeiten soll, wen die Austritte aus dem Judentume schmerzen. In erster Linie ist es die Gemeinde, die für den Religionsunterricht viele Tausende ins Budget einstellt. Vorträge aus jüdischer Geschichte, Kultur und Geschichte sind nichts anderes als ein erweiterter Religionsunterricht, erteilt an der Schule bereits entwachsene Leute. Es könnte die Zentralstelle (Bne Briß-Loge), die bereits besteht, offiziell mit dem Bortragswesen in allen Bezirken betraut, eine Organisation einheitlich durchführen und große Erfolge würden erhielt werden. Das Beispiel der Refidenzgemeinde würde überall anregend wirken und der heutige Jude wäre nicht mehr fremd auf heimatlichem Boden. Zum Schulbeginn. In wenigen Tagen werden fich wieder die Pforten aller Schulen öffnen und auch der jüdischen Schuljugend Einlaß gewähren. Trotz des immer noch bestehenden Reichsvolksschulgesetzes, trotz aller verbrieften Rechte der Gleichberechtigung und zum Hohne aller Gesetzesbestimmungen werden es auch unsere Kinder schon auf der Schulbank zu fühlen bekommen, daß fie jener Volksklasse angehören, für die alle Gesetze nur noch papierenen Wert haben und daß ihnen gegenüber fich Niemand zu scheuen braucht, jede gesetzliche Bestimmung außer Kraft zu setzen. Es liegt nicht heute in unserer Absicht, alle jene Fälle zu besprechen, die unsere Behauptung illustrieren könnten; das wollen wir für einen nächsten Artikel zurücklegen. Heute wollen wir auf einen bestimmten Fall Hinweisen, um unsere Glaubensgenofien im II. Wiener Gemeindebezirke rechtzeitig zu warnen und zu belehren. Es dürfte noch in allgemeiner Erinnerung stehen, daß vor etwa zwölf Jahren in der Mädchenschule in der Gperlgaffe trotz chrer 90perzentigen jüdischen Schülerinnen-Majorität so erfolgreich gemogelt wurde, daß die Schule, entgegen dem klaren Wortlaute der Schulnovelle, doch unter christliche Leitung kam und daß also kein jüdischer Schulleiter, wie es die Schulnovelle vorschreibt, sondern ein christlicher Direktor ernannt wurde. Da schrie Herr Oppenberger in allen Versammlungen mit dem Brustton der lleberzeugung eines Eierhändlers: „Wir lassen uns unseren Besitzstand nicht von den Juden verkürzen!" Einige Jahre später starb der jüdische Oberlehrer an der Mädchenschule in der Werderthorgasse. Hier gab es sonach keine „Verkürzung des Besitzstandes" und doch geschah das Unglaubliche! Die Schulleitung wurde einem christlichen Lehrer übertragen und dieser leitet noch heute nach sechs Jahren die Anstalt, trotz aller Proteste und Rekurse, zum Hohne der immer noch zu Recht bestehenden Schulnovelle, zum Spotte aller gesetzlichen Bestimmungen. Ja, wo es fich um jüdische Jntereffen, um das Recht der Juden handelt, da gibt es keinen „Besitzstand", kein Recht, keine gesetzlichen Bestimmungen. Wir haben diese beiden Fälle christlichsozialer Willkür und Brutalität in Erinnerung gebracht, weil fich in der Leopoldstadt seit zwei Jahren der dritte Fall vorbereitet, der würdig den vorerwähnten zwei Gewalttaten an die Seite gestellt werden kann. Der in jeder Richtung merkwürdige Fall ist folgender: Vor zwei Jahren reichte der Direktor der Knabenschule in der Blumauergaffe um seine Pensionierung ein. Er hatte mehr als fünfzig Dienstjahre und das 70. Lebensjahr weit überschritten. Da diese Anstalt starke jüdische Majorität hatte, war zu befürchten, daß ein jüdischer Schulleiter bestellt und ernannt werden müßte. Das mußte natürlich wieder hintertrieben werden. Herr Schwab! wurde also veranlaßt, sein Penfionsgesuch zurückzuziehen, wogegen ihm ein unbestimmter Urlaub

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