Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 650 Dr» Bloch's WocheMtzrM Nr. 37 te, zsidö. Eredj pokolba“. (Mach, daß du fortkommst, Jude, geh' zum Teufel.) Das waren die ersten Spaziergänge eines Lovas-Berenyer Poeten. . . . Ich muß bei meinem Großvater anfangen und damt verbindet sich sonderbarerweise der Name Kaiser Josefs. Den Namen Saphir hat mein Großvater angenommen, als auf Befehl dieses Kaisers die Israeliten Familiennamen annehmen mußten. Mein Großvater hieß Israel. Als die Verordnung der Familiennamen ins Werk gesetzt wurde, berief ihn zu diesem Behufe der damalige Stuhlrichter, dem dieses Geschäft oblag, zu sich und fragte ihn, wie er heißen wolle. Mein Großvater wußte es anfangs selbst nicht, doch da er einen Siegelring als Erbstück an seinem Zeigefinger trug, in dem ein Saphir saß, so sagte der Stuhlrichter: „Heißen Sie sich Saphir." Und so geschah es. Mein noch in interesianterer Beziehung verknüpft sich das Andenken an meinen Großvater bei mir mit Kaiser Joseph. Es war ein großer, stattlicher, Ansehen gebietender Mann. Noch steht er im Geiste vor mir. Haar und schneeiger Bart gabensihm ein ehrwürdiges, eine Adlernase und zwei feurige, blitzende Augen ein patriarchalisches Ansehen. Er trug einen großen breitkrempigen Hut und einen großen Stock mit silbernem Knopf, so daß er einem französischen Maire nicht ganz unähnlich war. Er lebte früher in Scor, einem ganz kleinen Ort, ebenfalls jenseits Stuhlweißenburgs. Er lebte, wie die Jsraeliten-Lilien jener Zeit lebten, die nichts saeten, nichts spinnen und die der liebe Gott Merkur doch nährte. Er war reich, sehr reich. Ursache genug, daß ihn die Bauern seines Ortes haßten. Denn heute kam Ferencz und hatte kein Geld und ließ sich von ihm Geld auf seine nächste Weinfechsung geben. Morgen kam Jü;si und ließ sich von ihm Geld auf seine nächste Schafwolle geben, übermorgen kam Miska und ließ sich von ihm Geld auf seine nächste Kornernte geben usw. Wenn aber die Zeit kam, wo der Wein gekeltert, die Wolle geschoren und das Korn eingeführt ward, da wollten Ferencz und Jozsi und Miska kein Geld bezahlen, aber auch keinen Wein, keine Wolle und kein Korn an den „zsidö“ geben, sondern dasselbe an andere für bares Geld verkaufen, und da wurde der „zsidö“ geflucht und beschimpft und verlästert und so kams, daß in einer schonen Nacht das Haus meines Großvaters brannte und niemand löschte und niemand löschen durfte. Und Ferencz und Miska glaubten, das Schuldenbuch des „zsidö“ wäre auch verbrannt, es war aber nicht so. Mein Großvater baute das Haus am Csörer Bache wieder auf und siehe da, es brannte wieder, zufällig, ganz zufällig, und alle, die löschten sollten, lachten zufällig, ganz zufällig. Und meine Großmutter nahm ihre zwei Kinder auf den Rücken und mein Großvater nahm etwas Solideres, nämlich einen großen Sack voll Dukaten und Edelsteinen, und warf ihn heimlich in einen tiefen verfallenen Brunnen, der in seinem Garten war, und sie ließen Haus und Hof brennen. Sie bekamen in ganz CsÖr kein Obdach und sie wanderten in finsterer Nacht, nur schwach von der Helle ihres brennenden Häuschens beleuchtet, sie wanderten die Nacht durch, abgebrannt mit zwei kleinen Kindern und sie wanderten bis Stuhlweißenburg und sie pochten ans Tor und jammerten und die Kinder winselten und sie erhielten zur Antwort: „Ein zsidö darf in der Nacht nicht in dieser königlichen Freistadt sein." Da ließ mein Großvater sein Weib und seine Kinder in dem Hause seines Fischers vor der Stadt, bei dem er stets Fische kaufte und sagte zu ihr: Ich gehe gegen Wien. Sie fragte: Zu wem willst Du da gehen in Wien? Und er sagte: Ich weiß schon, zu wem ich gehen werde, ich werde gehen zum Kaiser Joseph. Und er kam nach Wien und er kam bis zum Kaiser Joseph. Die Persönlichkeit meines Großvaters war gewinnend und imposant, sein Wesen gerade und offen und er mußte sich wohl Verdienste erworben haben. Der Kaiser Joseph kannte ihn. Er hatte wohl bei Rekrutierungen, bei Militärspitälern, bei Regulierung der sogenannten Toleranzgelder (er war Steuereinnehmer im Komitat) sich Verdienste gesammelt. Ich weiß es nicht mehr so genau, aber es genügt, daß er zurückkam und vom Kaiser Joseph die dazumal kaum glaubliche gnädige Auszeichnung bekam, sich in der königlichen Freistadt ansässig zu machen. Mein Großvater kehrte mir diesem Gnadenbriefe Kaiser Josephs zurück. Allein jetzt, wo es ihm freistand, da zu wohnen, sagte er: „Ich will nicht da wohnen" und er zog nach Lovas-Bereny, nachdem er in einer günstigen Nacht seine Dukaten holte und in Lovas- Beröny ein neues Haus zu gründen begann. Die Sprache der Spaniolen. Man schreibt der „Frankfurter Zeitung": Es gehört auch zu den Fällen der Ironie der Weltgeschichte, daß die aus Spanien vertriebenen Juden die Sprache der alten Heimat, die sich so grausam gegen sie gezeigt hatte, bewahrt haben, so daß das Castilianische Ferdinands und Jsabellas noch heute bei den spanischen Juden des Orients fortlebt; allerdings hat die alte spanische Sprache den vielfachen Einflüffen, die von rechts und links im Osten auf sie einsrürmten, nicht durchaus standhatten können. In einem Aufsatze im Lnlletin d'lin-ritnt ögvptien beschäftigt sich Abraham Galante mit den Deformationen der spanischen Sprache im näheren und ferneren Osten. Wir entnehmen einiges darüber einem in das Lullstiu Hispanique (Juli-September 1908) Lbergegangenen Auszug. Die spanischen Juden, die im Jahre 1492 aus der pyrenäischen Halbinsel vertrieben worden sind, haben den Gebrauch der alten Sprache in b.r Türkei, in Serbien, in Wien, in Egypten, Tunis, Algerien und Marokko bewahrt, allerdings mit zahlreichen Veränderungen. In Salonik z. B., wo zur Zeit ungefähr 70.000 Spaniolen wohnen, zeigt ihre Sprache die Einflüsse der aus Portugal vertriebenen und vieler italienischer Juden, die sich in Salonik niederließen. Während man also in Konstantinopel für Sohn und Tochter „hijo, hija“ sagt, sagt man in Salonik „fijo“ und „fija“, ferner „facer“ statt „hacer“, ebenso werden alle Wörter auf „ei" italienisch ausgesprochen. Das jüdische Spanisch hat auch eine Anzahl hebräischer Worte ausgenommen, die es auf spanische Weise konjugiert und dekliniert, ähnlich wie die deutschen jargonisierenden Juden z. B. „akal, satah“ (essen, trinken) deutsch konjugieren und an deutsche Substantive im Plural die männliche oder weibliche Endung aus dem Hebräischen mit „im" oder „es" anhängen. Das spanisch-jüdische „ladronim" ist daher nichts besonders Auffallendes. Dadurch, daß die rabbinischen Tribunale im Orient ihre Urteile oft in aramäischer Sprache ausfertigtcn, sind zahlreiche aramäische Ausdrücke aus dem Gerichts- und Handelsgebrauch in das jüdische Spanisch übergegangen. Der größte Einfluß aber wurde durch das Türkische ausgeübt. Die Mischung ist so bedeutend, daß die Spaniolen, die eine andere europäische Sprache nicht kennen, sich kaum verständlich machen können, ohne sich türkischer Worte zu bedienen. Zweifelhaft bleibt es, ob arabische Worte, die sich in der Umgangssprache der Spaniolen vorfinden, noch aus der Zeit. der arabischen Herrschaft auf der pyrenäischen Halbinsel herrühren oder durch das Türkische eingeflossen sind. Auch das Haupthandelsvolk des Orients, die Griechen, haben Ausdrücke für die Sprache der Spaniolen geliefert, die dann der spanischen Grammatik unterworfen wurden. Und seitdem die ^.lliauee Israelits durch ihre Schulen ihren großen Einfluß auf die östlichen Juden ausübt, kann man auch französische Worte finden, wie z. B. statt des alten spanischen „sentido“ „senso“ und statt „porvenir“ „avenir“ gesagt wird. Auch die hebräische Schrift, die nicht imstande ist, die spanische Aussprache genau wiederzugeben, hat zu der Deformation des alten castilianischen Spanisch viel beigetragen. Alle Veränderungen, die das Spanische in den vier Jahrhunderten seit der Vertreibung der Juden aus diesem Lande hat ertragen müssen, finden sich in dem Idiom vereinigt, das die Spaniolen in Egypten sprechen, deren Anzahl ungefähr 20.000 beträgt. Zur Zeit ist ein Gelehrter in Smyrna, Nessim de Juda Pardo, damit beschäftigt, ein Wörterbuch des jüdischen Spanisch herzustellen. In zehnjähriger Arbeit hat er bereits 16.000 Wörter zusammengetragen, von denen nicht weniger als 10.000 aus fremden Sprachen in die Sprache der Spaniolen übergegangen sind. M. Korrespondenzen. Zum Kapitel „Austritt aus dem Judentums". Von L. Riesenfeld, Oberlehrer i. R. Wir bleiben ewig die Wehleidigen und Unverbesserlichen; wir lesen allwöchentlich die Namen derer, die unsere Reihen verlassen, Namen von Leuten, die wir nicht kennen und die uns ganz gleichgiltig sein könnten, und doch — gestehen wir es nur offen — schmerzt es uns, daß sie unsere Fahne verlassen, uns die Gemeinschaft kündigen. Warum lernen wir nicht von unserer Tochterreligion, die unsere Ideen und Traditionen sich angeeignet, dabei groß und mächtig geworden und uns dafür mit Fußtritten regaliert? Sie gibt sich die größte Mühe und scheut auch nicht Kosten, jüdische Seelen zu erobern, bleibt aber ganz gleichgiltig, wenn einzelne aus ihren Reihen treten. Solange es möglich war, hat sie diese Ausgetretenen ein bischen verbrannt, den Frieden der Seele ließ sie sich dadurch aber nicht trüben. Die „Los von Rom"-Bewegung verschnupft' sie zwar, weil man eben nicht wissen kann, welche Folgen es haben kann, wenn ganze Gemeinden oder Bezirke sich lossagen. Gibt es doch Kirchenvermögen, das dann beansprucht werden könnte! War es doch hauptsächlich die Einziehung der Kirchengüter, welche deutsche Fürsten an die Seite Luthers gebracht und dem Protestantismus zum Siege verholfen hat. Wir stecken noch in vormärzlicher Zeit, wo Eltern und Geschwister den Ausgetretenen gleich einem Verstorbenen betrachteten, einen Riß in die Kleider machen ließen und eine regelrechte Schiwoh abhielten. Wir sollten doch schon nüchtern sein, es dem lieben Gott überlassen, mit den Ausgetretenen allein fertig zu werden, das Gefühlsmoment aus unserem Denken ausschalten und, im Gegenteile, eine gewisse Befriedigung