Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Dr. Llocb's MoebensLbrttt. Sette 647 „Ich erhielt Ihre lieben Zeilen nebst Beilage in Witkowitz und bin ungemein erfreut, daß Sie dem Sittenlehrbüchlein so große Aufmerksamkeit zuwenden; es ist dies gewiß eine unserer wichtigsten Aufgaben. Die schrecklichen Vorkommnisse in der letzten Zeit in Ungarn veranlassen mich, Ihnen nahe zu legen, daß es Pflicht der vier Hauptgemeinden sei, diesem wüsten und unmenschlichen Treiben gegenüber nicht zu schweigen, sondern einen Protest gegen unsere Gegner und einen Mahnruf an unsere Glaubensgenossen zu veröffentlichen. Beides sollte meiner Ansicht nach in einem offenen Schreiben enthalten sein, in welchem wir unsere ganze Entrüstung nach der einen Seite und unsere vielbesprochenen Mahnungen nach innen aussprechen sollten. Ob dieses Schreiben bloß von den vier Kultusgemeinden oder noch von anderen Gemeindevorständen, ob dasselbe ferner auch von den Rabbinaten unterschrieben werden soll, alles das wäre Gegenstand einer Beratung. Seit Jahren werden wir in der empörendsten Weise angegriffen, eine ganze Literatur wird gegen uns entwickelt, in Ungarn tagte sogar ein Gerichtshof, um einen rituellen Mord zu beurteilen, und wir haben es bisher ausschließlich einzelnen Freunden überlassen, für unsere Sache einzutreten. Ich glaube, daß das V o g el-S t. r auß-S p i e l e n viel zu lange gewährt hat und daß wir endlich einmal offiziell auftreten müssen, um unser gutes Recht zu verteidigen, und hierzu scheinen mir in erster Reihe die Kultusvorstände berufen zu sein. Wenn Sie daher mit Herrn Ludwig Löwe, den Sie in dieser Angelegenheit wahrscheinlich vorher sprechen werden, und mit mir einverstanden sind, so bitte ich Sie, hochverehrter Freund, ein solches Aktenstück zu entwerfen, und um keine Zeit zu verlieren, dasselbe auch an unsere Freunde nach London und Paris zu senden und dieselben um schleunige Antwort zu ersuchen." Der für das Wohl seiner Mitmenschen so warm fühlende, großherzige Mann hat wohl nie daran gedacht, daß er den bereits übermäßig mit humanitären Pflichten überlasteten Freund zur Ueberspannung seiner Kräfte anspornte. Lazarus war leidend, aber Gutmann wurde nur von Uebermüdung berichtet. Voll Teilnahme schreibt er: „Mein hochverehrter Freund! Ich bedauere unendlich, daß Sie sich überarbeitet haben. Sie müssen sich, mein hochverehrter Freund, schonen! Ihr heiliger Eifer darf Sie nicht weiter drängen, als die körperliche Gesundheit erlaubt!" Aber am Schluß desselben Briefes hat er wieder Wünsche in Fülle! Es ist etwas Herzerquickendes, aus den Briefen das Bild dieses echten, lauteren, für alles Gute und Edle erglühenden Mannes zu erkennen. Diese beiden Männer sind eins in ihrer Liebe zur Menschheit, in ihrer Verehrung des Judentums, in ihrer unermüdlichen, religiösen Sorge für ihre Glaubensgenossen. Aber damit dem harmonischen Bunde doch das dramatische Element nicht fehle — nahte die Gefahr der Uneinigkeit,... die Gefahr ging vorüber, aber sie war plötzlich dagewesen. Die Quängler und Quäler, die Nörgler und Neinsager, die Lichtscheuen und Leisetreter müssen am Werke gewesen sein, denn Lazarus sah sich am 19. März 1884 zu folgendem Briefe veranlaßt*); nach einem mehrseitigen Bericht über die Abfassung der „Ethischen Sätze" fährt er fort: „Und nun, mein hochverehrter Freund, will ich auch Ihre Zuschrift vom 12.Februar beantworten. Ich habe es unterlassen, weil mich, offen gestanden, der Inhalt derselben ungemein geschmerzt hat. Sie sind wieder einmal auf den Gedanken zurückgekommen, ob ich nicht das große Werk fallen lassen wollte, weil hie und da Stimmen dagegen sind. Ich lege kein Gewicht *) Ich fand die Kopie in seinem Briefbuch. Ob Lazarus' Briefe an Gutmann erhalten sind, habe ich noch nicht in Erfahrung bringen können. darauf, daß Sie selbst mir am 31. Jänner geschrieben, daß Herr Baron Worms alle energische Unterstützung zugesagt, auch darauf nicht, daß mir Herr Mocatta in seinem Brief vom 29. Februar kein Wort gegen das Werk schreibt, sondern nur klagt, daß er erst zirka 10.000 Mark für dasselbe zur Verfügung stellen kann, aber zugleich hofft, daß der Jndifferentismus später werde überwunden werden. Ich sage, daß ich kein Gewicht darauf lege, weil ich es von den Männern, die den Beratungen beigewohnt und so lebhaft zugestimmt haben, bestimmt erwarte, daß sie dafür eintreten?) Dahingegen will ich Ihnen, mein teurer Freund, einige von den Gründen anführen, welche meinen Entschluß, die große Sache durchzusetzen, zu einem unerschütterlichen machen, dergestalt, daß es nur Einen gibt, der ihn umstoßen kann, und das ist der liebe Gott selbst. Nur wenn Er mich abruft oder meine Kräfte lähmt, wird meine Arbeit ungetan bleiben; sonst aber werde ich au dem Werke festhalten, meine Schuldigkeit tun und mit aller Seelenruhe erwarte ich, daß auch alle anderen, die dabei beteiligt sind, ihre Schuldigkeit tun werden. Und nun einige von den zahlreichen Gründen für meinen unabänderlichen Entschluß. Ich beginne mit dem Geringsten. Jetzt, nachdem durch alle Zeitungen Deutschlands, Oesterreichs und selbst des übrigen Europa die Kunde verbreitet ist, daß eine Konferenz von Notablen aus den vier Kulturländern die Schöpfung einer Ethik beschlossen und mich damit beauftragt hat, nachdem die Grundgedanken des Exposes über die Notwendigkeit ebenfalls in die Welt gegangen, würden sich die Juden Europas geradezu schämen müssen, wenn das Werk nicht zustande käme. Glauben Sie mir, daß vielleicht eifriger als die Juden, welche auf solche Dinge leider nur mit mattem Auge blicken, die Nichtjuden der ganzen wissenschaftlichen Welt ihre Erwartung auf dieses Werk spannen. Ich meine nicht bloß die Feinde, sondern auch die Freunde des Judentums. Uno dies ist der zweite Grund. Hätten sie, mein Freund, die Worte gehört oder gelesen, die Mienen gesehen, mit denen ein Döllinger und von Holtzendorff, ein Delitzsch und Wünsche oder N i p p o l d die Kunde von der Schöpfung einer jüdischen Ethik ausgenommen! Ich scheue mich vor jedem Wort der Uebertreibung und hasse es. Darum will ich nichts davon beschreiben, weil alles wie Uebertreibung klingen muß; kurz zusammengefaßt ist der mit größter Energie ausgesprochene Satz: nun endlich!! rafft ihr Juden euch zusammen, das Einzige zu tun, was eine absolute Notwendigkeit ist. Hätten Sie nur die eine Stunde in München mit mir erlebt, die ich bei Döllinger und von Holtzendorff anfangs November vorigen Jahres erlebte, Sie würden wohl begreifen, daß die Zeit der Beratung einfür allemal und unbedingt vorüber ist nnd ich nur noch auf die Tat der Ausführung meinen Sinn zu richten habe. Vorüber war drittens die Zeit der Beratung, seit ich mich überhaupt zur Uebernahme des großen Werkes entschlossen hatte. Nach jahrelangem Beraten und Erwägen, nach so vielem Bitten und Bewegen, nachdem auch die Gesellschaft bei Herrn Justizrat Meyer darüber einig war, daß alles nur eine Personenfrage sei, daß nur i ch mich entschließen müßte zur Ausführung, wenn dieselbe überhaupt erwünscht und möglich sein sollte — in jener Nacht faßte ich den Entschluß, das Werk zu übernehmen, und mit dem Entschluß hörte die Beratung auf. Nun hätte der Entschluß, obgleich ein Erfolg vielmonatlicher Ueberlegung, vielleicht doch ein voreiliger sein können. Da bitte ich Sie aber, mein verehrter Freund, sich wohl zu erinnern: um Pfingsten hat in Wien das Komitee nach meinen Darlegungen des *) Die „Geschichte der Ethik der Juden" wird aktenmäßig zur Darstellung bringen, wie Lazarus später — nach dem Tode des Freundes — ganz auf sich allein angewiesen blieb und nur durch die Güte des Baron Albert von Rothschild wenigstens die Druckkosten bei Drugulin in Leipzig bezahlen konnte.