Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 646 Dr. Llocb's Mocbenscbrtrr. Nr. 37 dem prächtig und idyllisch am Fuß des Rügens gelegenen Hotel „Jungfrauenblick" seinen Schlaf wieder. „Mein hochverehrter Herr und Freund," schreibt er am 26. Juni 1883, „wie Sie sehen, habe ich Ihren weisen und wohlmeinenden Rat befolgt. Es war aber auch die höchste Zeit! Ich bin nun mit meiner Familie seit drei Wochen in der Schweiz. Mit dem Schlaf kam auch mein altes Wohlbefinden wieder und jetzt kann ich kaum den Moment erwarten, um in unserer gemeinsamen Angelegenheit tätig zu sein. Ich stehe mit unseren Wiener Freunden in Briefwechsel und zweifle nicht, daß wir in Ordnung kommen." Er kündigt zu diesem Zweck seinen Besuch in Berlin an und schließt: „Tausend herzliche Grüße hochverehrter Freund von Ihrem Ihnen ganz ergebenen Wilhelm v. Gutmann." Die Anrede und der Schluß kehren stereotyp wieder, oft noch durch ein inniges Beiwort verstärkt. „Die gemeinsame Angelegenheit" war die Berufung einer Konferenz von Delegierten aus Paris, Wien, London, Berlin behufs Beratung wegen der Schöpfung einer „Ethik des Judentums". Eine ungeheuere, umständliche, vielseitige und eingehende Korrespondenz ging dieser Konferenz voraus. Die Feststellung des Ortes der Zusammenkunft, des Termins, der Personen u. s. w. erforderte die höchste Umsicht und — Geduld. Von den beiden Nächstbeteiligten: Gutmann und Lazarus — elfterer als ursprünglicher Anreger des Gedankens, der zweite als Ausführer und Vollender des Plaues — war offenbar Gutmanu der Temperamentvollere und deshalb der Ungeduldigere. Das Dutzend Briefe vom Juni bis August 1863 an Lazarus betreffen lediglich die Vorbereitung zur Konferenz; sie sind von einem Eifer erfüllt, der kaum von Lazarus' eigener Hingabe an die Sache übertroffen wird. Mit einer Art Leidenschaftlichkeit widmet sich Gutmann dem immer wieder nach allen Seiten erwogenen Plan. Ein fünfzehn Seiten langer Brief aus London vom 4. Juli (83) enthält mancherlei Interessantes: „Mein hochverehrter Herr und Freund! Baron Albert v. Rothschild ist begeistert für Ihre und meine Bestrebungen und wird uns in jeder Richtung tätigst unter st ützen. Er würde zu jeder Zeit wie bisher gern bereit sein, sich an unserer Konferenz zu beteiligen, wenn dieselbe während seiner Anwesenheit hier, iu Paris oder in Wien stattfindet; in einer fremden, besonders kleineren Stadt, wo er sonst nie verkehrt, da können, oder vielmehr da dürfen wir seine Anwesenheit nicht wünschen, weil wir unter allen Umständen unsere Tätigkeit ganz unauffällig beginnen müssen. Wir müssen vorerst unsere Taten sprechen lassen und dazu ist, wie Sie richtig bemerken, große Energie, Fleiß und Umsicht nötig. Es handelt sich darum, eine Körperschaft zu schaffen, die als Mittelpunkt dienen soll, in welchem sich die Vorstände der größten Gemeinden von Europa einigen und verbinden, die Juden zu Mosaisten zu machen. Die Prediger und die Syuagogeu reichen nicht aus und ihr Einfluß wird in Zukunft stcher nicht stärker werden, im Gegenteil, der Synagogenbesuch vermindert sich zusehends und die Motive sind schwer zu bekämpfen; es müssen daher die Spitzen der Juden zusammentreten, um das Gottesbewußtsein in die Familien und in die gewerbliche Tätigkeit unserer Glaubensgenossen zu bringen, um die Selbstachtung zu fördern. Dann wird auch die Sympathie der Andersgläubigen gewiß nicht fehlen! — lieber die hiezu erforderlichen Mittel wollen wir beraten. Ich werde mir erlauben, Ihnen mit einigen Vorschlägen unmaßgeblicherweise betreffs der Abfassung der Ethik zu kommen. Eine solche Assoziation benötigt einen tüchtigen Führer, der sich unserer Aufgabe ganz widmet und der vielseitige hervorragende Eigenschaften besitzt, mit denen der Allmächtige und ein eiserner Fleiß Sie, mein hochverehrter Freund, ausgestattet hat. Nicht für zwei Jahre, wie Sie geplant haben, sondern für immer sollten Sie sich unserer gemeinsamen Aufgaben widmen und die Führung übernehmen!" Mehrere Blattseiten sind rein praktischen Einzelheiten gewidmet, dann fährt er fort: „Möge der Allmächtige uns beistehen; ich vertraue Ihm von ganzer Seele und zweifle deshalb auch nicht, daß unser redliches Wollen, verständig und energisch durchgeführt, auch gute Resultate haben wird." Drei Tage später meldet er voller Freude: „Der Pariser Vorstand hat seinen Beitritt zu unseren Bestrebungen in der wärmsten Weise nach Wien mitgeteilt. Auch die hiesigen Herren sind mit uns sehr einverstanden" und am 13: „Herzlichen Dank für Ihre beiden werten Briese vom 8. und 11. und Ihre beiden Depeschen, mit welchen Sie die Güte hatten, meine Bitte zu erfüllen und die Konferenz für den 14. August den anderen Herren zu empfehlen". Schließlich berichteter: „Sir Moses Montefiore war nicht in London anwesend. Ich sprach die Herren Sir Julian Goldshmid, Dr. Adler, Mr. M o c a t t a und Baron Worms; sie waren oder vielmehr sind mit unseren Bestrebungen wärmstens einverstanden und haben in Aussicht genommen, Herrn Mocatta oder Magnus zu entsenden. — Daß Herr Ludwig Löwe teilnehmen will, freut mich sehr; ebenso gern werde ich mich zwei Tage früher einfinden, um mit Ihnen allein zu konferieren. Nachdem uns das wärmste Interesse für unsere Bestrebungen bei dem Herrn Baron von Rothschild gesichert ist. lege ich der persönlichen Anwesenheit namentlich bei der ersten Konferenz keine Bedeutung bei, da an den späteren Konferenzen in Wien, Paris, Berlin oder London die Herren ohnehin teilnehmen wollen." Nach mehreren Seiten sachlichen Inhalts schließt er: „Herzlichen Gruß von Haus zu Haus. In inniger Verehrung ganz der Ihrige Wilhelm von Gutmann." Je näher der Tag der Konferenz naht, desto eifriger fliegen seine Briefe zu Lazarus hin. Am 20. d. M. meldet er, daß er alle Einladungen ausgeschrieben und in Koblenz Hotel „zum Riesen" einen Salon gemietet habe, um dort, ehe die anderen Freunde kämen, mit Lazarus ungestört konferieren zu können. „Ich bin eben dabei, das Programm in großen Zügen niederzuschreiben und werde mir erlauben, es Ihnen vorher zu senden, ehe es an die anderen Freunde abgesendet wird, um Ihre maßgebende Ansicht darüber zu erbitten." Ehe noch Lazarus recht Zeit gewann, die eingesandten Schriftstücke eingehend zu prüfen, schreibt Gutmann wieder: „Mein ergebenes, rekommandiertes Schreiben nebst . Sitzungsprogramme haben Sie wohl erhalten. Letztere mögen nur als eine Vorlage dienen und werde ich das Vergnügen haben, mich am 13. d. M. früh zu einer Vorbesprechung bei Ihnen in Koblenz im Hotel „zum Riesen" einzufinden. Ich war so frei, daselbst für Sie und für mich Wohnung zu nehmen, so daß zwischen unseren Zimmern der Salon sein wird; — um ungestört konferieren zu können. Die Einladungen wurden am 30. v. M. ausgefertigt und werden Sie vom Herrn Grand Rabbin Z a d o k Kahn und Abgeordneten Ludwig Löwe so wie ich von unseren Londoner Herren keine weiteren Zusagen nötig haben, da deren Erscheinen von früher her gesichert ist." Die Konferenz fand statt. Sie bildet einen Glanzpunkt in Lazarus' und Gutmauns Leben. Doch darüber au anderer Stelle, wenn einmal die Geschichte der „Ethik des Judentums" geschrieben werden wird. Die nächsten Briefe Gutmanns handeln von den Stenogrammen und Protokollen. Er ist unermüdlich im Schüren des Feuers. Nichts geht ihm schnell genug und als die Abschrift der Stenogramme und dergleichen aus sich warten läßt, mahnt er: „Eine gute Sache darf nicht unnötigerweise aufgehalten werden!" Daneben war er eifrig tätig für Abfassung der „Ethischen Grundsätze der jüdischen Sittenlehre", die als kleines Heftchen herausgegeben werden sollten. Am 1. September schreibt er: