Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 36 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Llocb's Mocbenscbrttr. Seite 641 „Sagen Sie mir, meine Herren Talmudisten, wie kommt es, daß Sie während der Predigt des Hrrrn Dr. Seemann so gemütlich schliefen, aber bei einer oder der anderen Stelle, ich könnte Ihnen auch sagen, bei welchen Stellen alle drei die Augen öffneten und verständnisinnig einer auf den anderen schauten und höhnisch lächelten? Nun, ich werde Ihnen gleich die Antwort sagen, und zwar auch mit einem witzigen Worte, das ich von einem Rabbiner gehört habe, und zwar von dem gottseligen Neutraer Rabbiner Ezechiel Banet, der von den Talmudisten seiner Gemeinde angefeindet wurde; denn in der Regel waren es die talmudstudierenden Gemeindeglieder, welche an dem Rabbiner immer etwas zu nörgeln und zu bemängeln hatten. Wie so Mancher von ihnen hielt fich in seinem maßlosen Eigendünkel für gelehrter und frömmer als der Rabbiner, zumindest ihm ebenbürtig. Könnte nicht auch e r diese Ehrenstelle einnehmen? Und da soll er dem Rabbiner die gebührende Reverenz bezeigen? O, da macht er lieber Opposition und facht mit Hilfe der Malkontenten, deren es immer und überall gibt, einen kleinen, lustigen Kampf an, und die „M ac h 1 o k a“ (der Streit) ist fertig. Auf diese eigentümliche Erscheinung im Judentume wies einmal der Neutraer Rabbiner auf der Kanzel hin, indem er eine sehr schwierige Midraschstelle erläuterte. Im Midrasch-rabba (I. 58) wird erzählt: Rabbi Akiba hielt einst einen ögentlichen Vortrag und die Zuhörerschaft schlummerte (missuamnam). Da wollte er sie aufwecken und er begann: Womit hat Esther, die Königin von Persien und Medien, fich verdient gemacht, daß sie über ein Reich von hundertsiebenundzwanzig Provinzen herrschte? Nun, war die Antwort, sie war die Enkelin von Sarah, die ein Alter von hundertsiebenundzwanzig Jahren erreichte und darum hat Esther, ihre Enkelin, es dahin gebracht, Königin über hundertfiebenundzwanzig Provinzen zu sein." Und da fragte mit Recht der Rabbiner: Was ist das für eine absurde Antwort, welche Rabbi Akiba auf seine Frage gegeben? Welche Verbindung ist zwischen den Lebensjahren unserer Urmutter Sarah und den Provinzen von Persien und Medien? Und war es etwa ein Verdienst Esthers, daß Sarah 127 Jahre alt geworden? Und ferner: Ist es auch denkbar, daß der Vortrag Rabbi Akibas sein Publikum so wenig feffelte, daß es dabei einschlief?" Auf alle diese. Fragen antwortete Rabbi Ezekiel Banet in folgender geistreicher Weise. „Es gibt eine Art Zuhörer," sagte er, „welche mit lebhafter Aufmerksamkeit dem Vortrage des Rabbiners folgen, .diese Aufmerksamkeit aber dem Redner nicht zeigen wollen, ja sogar diese ostentativ dadurch verbergen, daß sie die Augen schließen, als wenn sie schlafen würden. Sie wollen damit zeigen, daß der Vortrag des Rabbiners nicht für sie sei, sie das alles längst schon wissen, sie daher gar nichts angehe und daß sie, ohne daß sie etwas versäumen würden, dem Schlafe und der Ruhe fich hingeben können." Kaum aber passiert es dem Rabbiner, daß er etwas sagt, was anfechtbar ist, was zum Widerspruch herausfordert — o, da öffnen'sich gar rasch die geschlossenen Augen, sie lachen einander höhnisch zu und üben in oft überlauter Weise unbarmherzige Kritik. Diesen Teil der Zuhörerschaft bilden — die Talmudisten. „Vor einer solchen Zuhörerschaft, die nicht „namnam", nicht wirklich schlummerte, sondern „mißnamna m", fich schlummernd stellte, mag Rabbi Akiba seinen Vortrag gehalten haben", sagte Rabbiner Banet. „Da wollte er sie aufrütteln. Und welches Mittel wendete er dazu an? Nun, er sagte eine Ungeheuerlichkeit, ein Absurdum; er warf die Frage auf, durch welches Verdienst Königin Esther dazu gelangte, über 127 Provinzen zu herrschen, und die Antwort war — eine Ungereimtheit, ein Unsinn. Weil Sarah 127 Jahre alt geworden, darum wurde ihre Ururenkelin Königin über 127 Provinzen, als wenn Sarah nicht Millionen Enkelinnen gehabt hätte, die nicht Königinnen geworden find. Rabbi Akiba wußte, daß sie sofort die Augen öffnen und ihn auslachen werden. Das war das beste Mittel, sie aufzuwecken." Und Dr. Schwarz setzte hinzu: „Sie haben nun, meine Herren, die Antwort auf die Frage, die ich an Sie gerichtet hatte. Uebrigens muß ich schon gehen, man erwartet mich zuhause." Und so ging er, ohne eine Bemerkung von Seiten der Talmudisten abzuwarten. Dr. Seemann begleitete ihn hinaus, und da lud ihn Dr. Schwarz für den Abend zum Tee ein. Da die Zeit des Gebetes gekommen war, ging die ganze Gesellschaft ins Gotteshaus. (Fortsetzung folgt.) gitawtav. „Einsames Land in — Addisch. Das Buch von Wilhelm Münz „Einsames Land", Erzählungen und Stimmungsbilder (I. Kauffmann, Frankfurt a. M.), das wir auch in unserem Blatte gewürdigt haben, wird von dem bekannten New-Aorker Dichter Morris Rosenfeld ins Addisch übertragen und so weiten Kreisen der anderen Hemisphäre zugänglich gemacht. Neue Bücher. Illustrierter Jüdischer Familien-Kalender für das Jahr 5669 (1908/9). Modernes Verlagsbureau Kurt Wigand, Berlin-Leipzig. Aus dem Inhalte: Das letzte Wort von Ch. N. B i a l i k. — Vom jüdischen Witz von Dr. A. Coralnik. — E. M. Lilien. — Die jüdische Kultus-Kunst-Ausstellung in Düsseldorf im Jahre 1908 von E. Rhenanus. — Eine Reise nach Jerusalem. — Bemerkungen über die Jargonliteratur von P. A l m o g Y. — Armenlieder von Abraham Reisen. — Der Scheidebrief, ein Akt in drei Bildern von Scholem Aleichem. — Zwischen Vater und Mutter, die Geschichte eines Kindes von H. D. Naumberg. — Der alte Judenfriedhof in Prag von Heinr. Teweles. — Die beiden Brüderchen von A. Reisen. — Der Sängerknabe von Hermann Blumenthal. — Revuen der Politik, Presse und Literatur. — Die Toten des Jahres rc. Generalvertrieb: Adolf Wruck, Berlin N. 58, Dänenstraße 5. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden. Redaktion: Dr. Arthur R upp i n und Dr. Bruno Blau. Berlin-Halensee, Johann Sigmundsstraße 3. 4. Jahrgang. August 1908. Heft Nr. 8. Inhalt: I. Abhandlungen: 1. Norbert W e l d l er, Berlin: Die Bewegung der nichtorthodoxen Bevölkerung in Serbien während der Jahre 1896—1905. 2. Dr. S. W e i ß e n b e r g, Elisabethgrad: Jüdische Krankenhäuser in Rußland. 3. Dr. Bruno Blau, Rechtsanwalt in Berlin: Die Juden auf den preußischen Universitäten im Jahre 1905—1906. II. Statistisches Archiv: Jüdische Fürsorgezöglinge in Preußen im Jahre 1906. Der Schulbesuch jüdischer Kinder in Frankfurt a. M.. im Jahre 1906. Der israelitische Kultus in Frankfurt a. M. im Jahre 1906. Die Zahl der Juden in Dresden von 1832—1905. Die Erziehung der Kinder in Mischehen in Dresden. Krebskranke unter den Juden in Ungarn. Auswanderung aus dem Gouvernement Wilna. Die Umgangssprache der Juden in Palästina. Die Juden in Viktoria. III. Literatur. Philippson Martin: Neueste Geschichte des jüdischen Volkes. Bergmann I.: Jüdische Apologetik im neutestamentlichen Zeitalter. Oskar Goldberg. Die fünf Bücher Mosis, ein Zahlengebäude. Die Feststellung einer einheitlich durchgeführten Zahlenschrift. Selbstverlag des Verfassers. Berlin 0. 2. Königsstraße 55.