Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 36 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021764-3021801--17634-3042519- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rr. 86 Dr. Biocb 5 MocdenscbrlN. Seite 637 der Blick über den dunklen Wald, der sich bis zur Anstalt herandrängt, über die langgestreckten Berge des Erzgebirges; hier blauen die beiden Milleschauer herüber, dort blicken freundliche Dörfer. Herrliche Natur hat sich hier mit der Wissenschaft vereint, um den Menschen zu dienen und zu Helsen. Steigen wir in das Souterrain des Hauptgebäudes hinab, so finden wir die maschinelle Einrichtung für die 'Niederdruckheizung, , die das Gebäude in allen Teilen durchzieht, weiter die Beleuchtungsanlage, in der Bcnoidgas erzeugt wird. Nahe am Haupteingang befindet sich ein Raum, der dazu bestimmt ist, das Schuhwerk der Tagesgäste gleich nach ihrem Eintritt aufzunehmen, um so die Verschleppung von Schmutz in die gemeinsamen Räume zu vermeiden. Die Speise- und Wirtschaftsräume im Anbau bilden eine Musteranstalt für sich. Im Souterrain befindet sich die große, mit allem Komfort eingerichtete Küche mit den notwendigen Neben»äumen, von denen insbesondere der „Eisschrank" die Bewunderung des Laien, die Anerkennung des Fachmannes und den Neid einer jeden Hausfrau bilden dürfte. Zwei veritable Kühlräume, mit Kacheln ausgesetzt, für Nahrungsmittel und Milch, die bei dem Betrieb der Anstalt eine große Rolle spielt. Von der Küche führt ein Speisenaufzug in das Hochparterre direkt zur Speisenanrichte. Anschließend daran liegen die beiden Speisesäle, von denen der größere fast 500 Quadratmeter beträgt und mit seinen hohen doppelbreiten Fenstern, der fein abgestimmten geschmackvollen Malerei gewissermaßen den Repräsentationsraum der Anstalt bildet. So wird denn am morgigen Tage eine Anstalt der Oeffentlichkeit übergeben, die nicht allein der kranken Menschheit ein Segen sein, sondern auch für den Protektor und Errichter der Anstalt, Herrn I. Petschek, ein bleibendes Denkmal bilden wird. Seinem vornehmen, in aller Stille wirkenden Wohltätigkeitsfinn hat Aussig ein Musterinstitut zu verdanken, das berufen ist, für viele ein Segen zu werden. Und der Zweigverein Aussig des Landeshilfsvereines für Lungenkranke hat es verstanden, Männer mit der Durchführung des Baues zu betrauen, die sich mit einer Wärme der Aufgabe angenommen haben, deren sie vollkommen würdig ist. Herr I. P e t s ch e k hat anläßlich der morgigen Eröffnung des Genesungsheimes dem Zweigvereine Aussig des Landeshilfsvereines für Lungenkranke in Böhmen einen Betrag von 75.000 Kronen gespendet. Petersburg. Von der Durchführung seines eigentlichen Programms, alle Juden und nach ihnen alle anderen nicht echt-ruffischen Leute totzuschlagen, hat der Verband des Herrn Dubrowin endlich doch absehen müffen. Seine Führer versuchen jetzt, freilich wieder mit Unterstützung der Behörden, ihre Ziele auf einem anderen Wege zu erreichen. An Stelle der blutigen traten bis auf weiteres die unblutigen Pogroms, bei denen der ökonomische Ruin der Verfolgten durch politische Denunziationen und unerhörte administrative Schikanen erreicht wird. In Königsberg ist ein solcher Vorfall aus dem Gouvernement Tambow bekannt geworden, das mit dem Hauptfitz des ostpreußischen Getreideimportes lebhafte Beziehungen unterhält. Aus dem Exportzentrum Kirssanow in jenem Gouvernement wurden bisher jeden Herbst größere Hülsenfruchttransporte bezogen. Diesmal sandten die jüdischen Exporteure trotz der reichen Ernte statt der Ware bittere Klagen über Machenschaften der schwarzen Hundert, die den legitimen Handel dieser Kausleute durch fast teuflische politische Denunziationen völlig lahmgelegt haben — zum Besten ihres eigenen Geldbeutels. Die echt russischen Leute gehen so zu Werke, daß sie die bösartigsten Denunziationen gegen die jüdischen Kommissionäre loslaffen. Diese werden verhaftet. Dadurch find sie gezwungen, Ware, welche sie zu teuren Preisen früher abgeschlossen haben, trotz erheblicher Qualitätsmängel, zu vollen Preisen mit größtem Verlust abzunehmen. Die Verbändler aber treten auf dem infolge überaus starken Angebots flau gewordenen Markt als Käufer auf. Sie senden dann ihrerseits die billig erworbene Ware mit großem Gewinn ins Ausland. Das Verfahren ist höchst einfach: Die dem Verband gehorchende Polizei zitiert die jüdischen Kaufleute ins Polizeibureau, wo sie während der ganzen Marktzeit festgehalten wurden, um dann mit der Erklärung entlassen zu werden, man würde sie zu geeigneter Zeit wiederum vorladeu. Ein besonders krasser Fall ist folgender: Sechs jüdische Kommissionäre wurden als angebliche Verschwörer ins Gefängnis geworfen, wo sie einige Wochen verbleiben mußten, um dann den Ausweisungsbefehl aus dem ganzen Tambower Gouvernement zu erhalten. Trotz dieser Zustände ist es den Verdächtigten bei ihrer traurigen Lage unmöglich, Kirssanow zu verlaffen, - da sie als vermeintliche Revolutionäre nirgendwo Aufenthalt und Existenzmöglichkeit finden werden. In einem Briefe an einen Freund in Deutschland schildert einer der schwer Betroffenen jenen Vorgang: „Der Verband der echt russischen Leute, heißt es darin, hat seinen Zweck, uns zu vertreiben und auszunutzen, erreicht. Mau vertreibt uns nicht offen; da wir das Recht haben, hier zu wohnen, so erklärt man uns für Revolutionäre und denunziert uns. Die Folge ist, daß die Polizei uns ins Gefängnis setzt und erst nach längerer Marter entläßt. Dann bleibt man unter Polizeiaufsicht wie ein Verbrecher, wohin man auch kommt. Von den sechs zuletzt D enunzierlen ist keiner e»n Revolutionär. Vier von ihnen sitzen jetzt zu Hause, haben keine Pässe, ihre Angehörigen sterben vor Hunger. Man hat bei vielen Familien Haussuchungen vorgenommen. Obwohl man nun gar nichts gefunden hat, hat man doch zwei Männer ins Gefängnis geworfen. Man sagt, es werden noch mehr Verhaftungen vorgenommen werden. An der Börse muß man tun, was der Verkäufer verlangt. Einem, der sich nicht gleich fügte, hat man auf der Polizei gedroht, er würde binnen 34 Stunden ausgewiesen werden. Von hier fliehen kann man nicht. Wer abreist, gilt für „geflüchtet". Das ist hinreichender Beweis, daß er ein Verbrecher ist. Er kann überall, wo er sich aufhält, verhaftet werden. Der Gouverneur soll ein gewissenhafter Mensch sein, doch vertraut er dem Jsprawnik zu viel. Es ist ganz unmöglich, daß dieser nicht weiß, daß wir keine Revolutionäre sind. Es muß also eine Organisation auf ihn einwirken. die uns nach und nach ruinieren und erwürgen will. Unsere Lage ist verzweifelt. Wir wissen keinen Ausweg aus dieser Hölle." Das ist die neueste Form der Pogroms, mit welcher der von der Peterhofer Sonne beschienene Verband jetzt seine echt russischen Zwecke erreicht. Seine willfährigen Helfershelfer find die Behörden, für die alle Befehle Stolypins gegen die Hundert nur leere Fetzen Papier find. Täglich wird es klarer, daß trotz des vielgepriesenen Oktobermanifestes, trotz Berfaffung und Duma und neuer Aera die Willkür der Herrschenden und das Elend der unterdrückten Raffen in Rußland so schlimm wie je zuvor geblieben find. Verbot von Minjanim in Rußland. Dieser Tage erließ der Odesfaer Polizeimeister den Befehl, genau darauf zu achten, daß anläßlich der herannahenden jüdischen Feiertage keine Privatminjanim geduldet werden. Die Bezirkshauptleute sind ermächtigt, solche Minjanim samt und sonders zu verhaften und dem Gerichte zu übergeben. Juden in England. Einem in der Tagespreffe erschienenen Briefwechsel entnimmt man die bemerkenswerte Tatsache, daß im britischen Haus der Gemeinen 16 Abgeordnete fitzen, die dem jüdischen Stamm angehören, auch wenn nicht alle sich zum jüdischen Glauben bekennen, so daß in der volkstümlichen Kammer die Juden, die im Vereinigten Königreich nur 200.000 Seelen zählen, sehr gut vertreten find. Im Oberhause ist das Judentum mindestens ebensogut vertreten: jedenfalls zählt es mehr Lords als alle protestantischen Diffidenten zusammengerechnet. Fünf Juden haben es zur Würde eines Lord Mayor von London gebracht. Darunter befindet sich Sir Marcus Samuel, der nach seiner Wahl zum ersten Magistrat der City seinen Glaubensgenoffen große Dienste leistete und den Mut hatte, dem Gesandten derjenigen Großmacht, deren Regierung sich durch offenkundige Judenverfolgungen einen schlimmen Namen erworben haben, keine Einladung zu dem in der Guildhall stattfindenden Bankett zu schicken. Zu den Juden, die nach der Emanzipation zu großen Ehren gelangt find, gehört unter anderem Sir Moses Montefiore, dkffen Neffe, Sir Francis Montefiore, einer der