Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 36 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36 2)c* Dlocb's Mocbenscbrin. Sette 631 ganz aufgäben. Welch ein trauriger Tag wäre dies für das jüdische Volk! Vor Jahren sprachen die Zionisten so, als wäre die Erlangung politischer Konzessionen vom Sultan nur eine Frage von Monaten,, aber aus den Monaten wurden Jahre und noch immer ist keine Spur davon zu sehen. Sie wissen, daß sie nur zu uns. zu kommen und uns zu sagen brauchen, daß sie die leiseste Hoffnung haben, um unserer Mitwirkung sicher zu sein. Warum also hören wir nie etwas von ihnen? Weil sie uns nichts zu sagen haben. Ihre Anhänger können sie mit prophetischem Kopfschütteln und nichtssagenden Worten Hinhalten. Sie treten in Kompagnie mit einem kleinen Bankier in Konstantinopel, verbergen bis zum Namen des Trusts sogar, daß es ein jüdischer ist und dann haben sie die Frechheit, ihren Anhängern zu sagen, daß sie eine Zweigverbindung in Konstantinopel gegründet haben und daß dies ein sicheres Zeichen dafür sei, daß der Sultan mit den Zielen des Zionismus sympathisiere. Aber die „Jto" kann durch solche kindische Vorwände nicht getäuscht werden. Wir verlangen Tatsachen. Und die Tatsache, daß sie nicht zu uns kommen, um unsere Mithilfe in Anspruch zu nehmen, ist die bezeichnendste Tatsache für uns. Und weil sich die Situation ebenso rasch verändern könnte, als sich die Lage in der Türkei durch die Konstitution verändert hat, wäre es Verrat am jüdischen Volk, wollte die „Jto", ehe sie Palästinas sicher ist, ihre Suche nach einem anderen Territorium aufgeben. Und sollten wir ein solches Territorium finden, so wäre es ein noch größerer Verrat am jüdischen Volke, wenn die Zionisten uns nicht beistehen würden. Wenn die Zionisten dann nicht zu uns stünden, wäre das Wort Verrat noch viel zu milde. Es wäre eine nationale Infamie, Zwecklose Fonds zur Unterstützung der Juden. Als ich zum erstenmal auf dem zionistischen Kongreß sprach, hob ich hervor, daß zwei bedeutende Summen zugunsten der Juden gegeben wurden, daß aber diese beiden Summen nichts bedeuteten für die Lösung der jüdischen Tragödie und von diesem Standpunkt aus ebenso gut hätten nicht gespendet werden können. Eine dieser Summen ist die von Baron Hirsch der „Jca" vermachte, die andere ist der Fonds der Gesellschaft zur Bekehrung der Juden zum Christentum- Da wurden zwei große Feuer angezündet, an welchen sich die Juden erwärmen sollten, und dennoch froren die armen Juden nach wie vor. Ich dachte damals nicht, daß zu diesen falschen Schätzen bald noch eine dritte Summe kommen sollte und daß zu diesen Feuern, die nur Rauch erzeugen, auch die Gelder der zionistischen Bewegung gerechnet werden müßten. Diese mit solchen Trompetenstößen eingeleitete Bewegung ist nunmehr ebenso, zwecklos, wie die Gesellschaft für die Bekehrung der Juden zum Christentum. Der Prospekt des jüdischen Kolonialtrust bringt nach der Erwähnung von Palästina und Syrien, in gesperrten Lettern, um Gründer anzulocken: „Die Operationen des Aufsichtsrates werden nicht unbedingt auf diese Länder beschränkt bleiben, er hat vielmehr die Macht, Industrien, Unternehmungen und Kolonisationspläne sowohl als damit verknüpfte Bankgeschäfte in jedem anderen Weltteil zu gründen und zu fördern, wenn sie im Interesse des jüdischen Volkes liegen." Sie sehen, der Zionismus wandte sich an das Publikum mit der Bitte um finanzielle Unterstützung zum Zweck der Förderung von Kolonisationsplänen in allen Weltteilen. Ist es demnach nicht selbstverständlich, daß einige von uns, die den Trust unterstützt und Beträge gezeichnet haben, erwarten, daß ein Teil des Geldes und die ganze Organisation zur Durchführung eines etwa auftauchenden Kolonisationsplanes iy irgend einem Lande zur Verfügung gestellt werde. Die zionistische Appellation an das Kanzleigericht. Aber nein! Die Zionisten, die uns unter falschen Vor* wänden Geld entlockt haben, haben die chutzpeh, uns so hinzustellen, als wollten wir sie berauben. Und sie zogen es vor, Tausende und Tausende auf Gerichtskosten hinauszuwerfen in ihrem Bemühen, den Kanzlei-Gerichtshof dazu zu bestimmen, ihnen jede Möglichkeit einer nützlichen Tätigkeit außerhalb Palästinas zu nehmen, als Gefahr zu laufen, uns auch nur den kleinsten Bruchteil ihres Geldes geben zu müssen. Sie wandten sich an Herrn Richter Eve und sagten: „Unsere rechte Hand ist durch den Sultan lahmgelegt, so daß wir keine Arbeit leisten können. Aber unsere linke Hand ist frei, und es besteht daher die Gefahr, daß wir mit dieser irgend etwas beginnen könnten; haben Sie die Güte, unsere linke Hand abzuschneiden." Es ist Ihnen bekannt, daß ich mich meinerseits erhob und seine Lordschaft bat, diese Narren vor der Gefahr, Krüppel zu werden, zu schützen. Und seine Lordschast, fern davon, verrückt zu sein, entschied zu meinen Gunsten. Es ist eigentümlich, daß diese leidenschaftlichen Nationalisten nur christliche Advokaten wählten. Vielleicht gelang es ihnen nicht, einen jüdischen Vertreter zu finden, der bereit gewesen wäre, so unverschämt und unloyal gegen sein eigenes Volk zu handeln! Selbst einer ihrer christlichen Rechtsbeistände erÜärte ihnen privatim, daß sie verrückt seien. Aber im Gerichtshof ereignete sich das Seltsame, daß Christen in beredter Weise für Palästina stimmten, während ich und andere Juden erklärten, daß in jedem Teil der Erde ein Zufluchtsland für die Juden gegründet werden könne. Einige Herren schrieben an ein jüdisches Blatt und meinten, es läge ein großer Vorwurf für uns Juden in der zionistischen Beredsamkeit jener christlichen Rechtsanwälte. Diese naiven Herren vergaßen aber, daß die christlichen Anwälte für ihre Beredsamkeit gut gezahlt wurden und daß sie, falls es mir eingefallen wäre, sie dafür ebenso gut zu bezahlen, meine Ansicht mit derselben Beredsamkeit vertreten hätten. Aber während der Trust das Geld seiner Gründer und Anteilbesitzer nach rechts und links wegwarf, war ich ängstlich bemüht, das Geld für das jüdische Volk zu ersparen. Während der Vorsitzende des Trusts dem letzten Kongreß erklärte, daß sie wahrscheinlich 2000 Pfund für Kosten an uns wieder bezahlen müssen, haben unsere Anwälte alles in allem nur 200 Pfund gerechnet. Der teuerste und beredteste ihrer Rechtsfreunde zitierte aus der Bibel: „Wir saßen an den Wassern von Babylon und weinten über Dich, oh Zion". Er vergaß, daß Babylon, das Land des Goliath, in welchem unsere Väter sich niederließen und wehklagten, eines jener Länder sei, für welche er zu plaidieren hatte. Aber all diese Beredsamkeit erwies sich als zwecklos gegenüber der Tatsache, daß von 130.000 Anteilbesitzern nur 16.000 die Beschränkung auf Palästina und Umgebung verlangten. Traurig verließen die Zionisten den Gerichtshof — gebrochenen Herzens, weil man ihnen die linke Hand nicht abgeschnitten hatte! Die Taktik des jüdischen Kolonialtrusts. Wenn ein Mensch in einer Rechtsfrage ein abschlägiges Urteil erhalten hat, so stehen ihm zwei Wege offen; entweder er beharrt auf seinem Recht und appelliert gegen das Urteil oder erklärt sich männlich als geschlagen, aber nicht gedemütigt. Der jüdische Kolonialtrust hat keinen dieser beiden Wege eingeschlagen und sich nicht so männlich ' benommen. Den Geist des Urteils ignorierend und nicht begreifen wollend, daß eine so eingreifende Umgestaltung nicht mit einer so geringen Anzahl für dieselbe stimmender Anteilbesitzer durchgeführt werden kann, verfällt der Trust auf ein Auskunftsmittel sehr fragwürdiger Natur. Nachdem der Richter sich geweigert hat, Deduktionen vom Memorandum anzuerkennen, versucht der Trust, durch Zufügungen an die Artikel des Memorandums, den angestrebten Zweck zu erreichen, und in einer für nächste Woche anberaumten Winkelversammlung in Köln, von welcher die große Majorität der Anteilbesitzer nie etwas erfahren wird, wird der Trust feierlich einen neuen Artikel in sein Memorandum aufnehmen, auf Grund dessen die Gesellschaft, trotz allem, nur in Palästina, Syrien, Sinai' und Cypern operieren soll. Abgesehen von diesem Umgehen des Urteilesdes Kanzleigerichtshofes und angenommen,