Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 36 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Lloed's Mocdenscdrtn. Seite 629 vor zwei Tagen noch völlig unbekannt war. Ich glaube jedoch, daß ein bloßes gelegentliches Komitee leicht zu einem Panik-Komitee herabsinken müßte, und in einer Panik ist eine gesunde und erfolgreiche Aktion ausgeschlossen. Ich schreibe gerade am 9. Ab der 1838ten Jahreswende des Falles von Jerusalem und da deuke ich an die inneren Zerwürfnisse, die mit zur Herbeiführung jener momentanen Katastrophe beitrugen, unter deren Wirkung 12 Millionen Juden in der einen oder anderen Form ncch heute zu leiden haben. Aehnliche Zerwürfnisse zersplittern die einzelnen Teile des Judentums auch heute noch, ja sie führen selbst die großen philanthropischen Organisationen zu nationalen Rivalitäten. Was Wunder, daß die Stellung der Juden in den meisten Ländern der Welt eine sehr untergeordnete ist und der Jude selbst von Zeit zu Zeit beispiellosen Verfolgungen ausgesetzt ist. Es ist bezeichnend, daß selbst, als infolge der russischen Pogroms die Unfehlbarkeit der Dinge in manchem Gehirn zu dämmern begann, die Vorschläge zum Frieden und zur Einigkeit zu gleicher Zeit von zwei miteinander rivalisierenden französischen und deutschen Organisationen ausgegangen sind, und ebenso bezeichnend, daß der weniger wirkungsvolle Plan zur Einigung derjenige ist, der am wärmsten begrüßt wurde. Ich freue mich natürlich auch dieses Minimums von Kooperation, kann aber nicht recht einsehen, warum es nicht zu einem Maximum anwachsen könnte. Es ist wahr, es wird darauf hingewiesen, daß ein ständiges nationales jüdisches Komitee die Existenz einer jüdischen Nation zur Voraussetzung haben müßte, was leicht politische Vorurteile zur Folge haben könnte. Die eine Hälfte dieses Arguments ist auf einer falschen Auffassung und die andere Hälfte aus einer falschen Rechnung aufgebaut. Was immer auch für den Fall, als jemals ein jüdisches Territorium wiederhergestellt werden sollte, geschehen mag, bilden die Juden heute in ihrer territorialen Zerstreuung feire Nation, sondern eine Religion oder Kirche. Ihre Gemeinschaft schließt wohl eine kleine, aber immerhin wesentliche Zahl von Konvertiten aller Rassen und Nationalitäten in sich. Dies nun angenommen, hat man jemals gehört, daß irgend eine andere Kirche nicht alle Maßnahmen zur Einigkeit und Selbsterhaltung treffen würde? Das Königreich des Katholizismus ist heute nicht von dieser Welt und dennoch ist er gezwungen, sich ein irdisches oder politisches Ansehen zu geben, sich mit gemeinsamen Fonds einer Zentralorganisation, mit internationalen Konzilien und einer machtvollen Solidarität gegen Angriffe zu versehen. Die Mitglieder der jüdischen Kirche sind unendlich mehr Gefahren ausgesetzt als diejenigen irgend einer anderen Kirche und entbehren dennoch auch der geringsten zentralisierenden oder vereinigenden Maschinerie. Vor einem halben Jahrhundert ward die Alliance Jsraälite Universelle als Ersatz dieses Mangels geplant und trotz genau derselben Vorwürfe einer angeblichen politischen Gefahr hat sie sich erfolgreich gegründet und erhalten. Unglücklicherweise kam der deutsch-französische Krieg, der die Einheit zwischen den deutschen und französischen Mitgliedern der Alliance lockerte und — wahrscheinlich in der nervösen Befürchtung ähnlicher politischer Komplikationen — wurde im Jahre 1871 die englische Filiale der Alliance unglücklicherweise unter einem eigenen Titel mit einer breiten Autonomie ins Leben gerufen. Es ist ein dringendes Bedürfnis für die Juden, heute entweder die Alliance zu erneuern und überall zu verbreiten oder die von Dr. Horwitz proponierte Organisation zu schaffen. Die erstere Alternative scheint die ökonomischere zu sein, da der Kern hiezu schon vorhanden ist. Ich übersehe hiebei gar nicht, daß „Führer der russischen Judenschast" gegen eine Verbreitung (oder wenigstens gegen eine legalisierte Verbreitung) der Alliance in Rußland Protestieren, .weil sie befürchten, hierdurch die Rache der Schwarzen Hundert heraufzubeschwören. Erstens glaube ich jedoch, daß diese „Führer" mit ihren krankhaften Nerven und ihrer politischen Unreife keine geeigneten Beurteiler von Ursache und Wirkung sein können und daß die russischen Juden besonders jetzt zur Zeit der anglo-russischen Entente unter dem Schutze einer mächtigen Zentralorganisation sich viel sicherer fühlen könnten. Und zweitens bin ich der Ansicht, daß. selbst wenn infolgedessen einige massakriert würden, diese der großen Sache der jüdischen Einheit und der jüdischen Macht sich geopfert haben und ihr Tod würde viel größere unberechenbare Tragödien hintanhalten. Der Hinweis auf die Möglichkeit von Massakres ist die übliche Ausrede Stolypins und der ganzen offiziellen Welt in Rußland, um den Juden die Emanzipation nicht zu geben, aber die Juden müßten die letzten sein, die vor der Freiheit» wegen des Preises, den mancher von ihnen hier zu zahlen hatte, zurückschrecken, und ich freue mich, zu sehen, daß die Majorität der russischen Juden protestiert, nicht gegen ihre Einreihung in eine allgemeine jüdische Organisation, sondern dagegen protestiert, daß man sie aus einer solchen ausschließt. Wollen schon die Sentimentalisten durchaus die unaufhörlichen Tragödien einem heldenmütigen Kampfe mit dem Nebel vorziehen und soll Rußland daher für den jetzigen Moment von der allgemeinen Organisation ausgeschlossen bleiben, so sehe ich nicht ein, weshalb die Juden der übrigen Weltteile nicht eine mächtige Körperschaft zur Selbstwehr bilden sollen. Ja, mögen sie selbst einen internationalen Kongreß abhalten und hierbei der Welt klarmachen, daß es sich hier nicht nur um einen jüdischen Kirchenkongreß handelt, sondern um einen Kongreß, dem nichts, was das Wohl und Wehe seiner Mitglieder betrifft, gleichgültig sein kann. Kede Zangrviüs «der die „Ito". (Fortsetzung.) Berg Zion und andere Berge. So viel über unser Emigrationswerk. Ich gehe jetzt zu unserem Kolouisationswerk über. Die vor uns liegende Aufgabe ist von Herrn Lucien Wolf sehr treffend mit dem Erklimmen eines Berges verglichen worden, da beim Beginn des Aufstiegs der Gipfel ganz nah erscheint, aber desto mehr in die Ferne zu rücken scheint, je höher man steigt. Es ist dies eigentlich ein sehr gütiger Zug der Berge. Denn wüßte man vom Anbeginn, wie weit sich der Weg zieht, so würde man den Aufstieg wahrscheinlich gar nicht unternehmen. Vor 11 Jahren stießen die Zionisten in das Horn und erklärten, den Berg Zion besteigen zu wollen, aber bis jetzt haben sie noch keine einzige Meile zurückgelegt. Sie sind tatsächlich nicht einmal bis an den Fuß des Berges gelangt, denn so, wie es unseren Vorfahren verboten war, auch nur die Grenze des Berges Sinai zu überschreiten, so hat der Sultan den Berg Zion mit einer Mauer umgeben, die nicht überstiegen werden kann. „Uebertreter werden bestraft," kann man auf einer großen Anschlagtafel am Fuße des Berges Zion lesen. Der Berg Zion ist nicht nur ein politisches Eigentum, er ist ein heiliger Berg für Mohammedaner und Christen sowohl als Juden, und dies macht ihn zu einer Art von Vulkan, der denen sehr gefährlich werden kann, die an seinen Abhängen wohnen. Auch wir haben einen Berg zu erklimmen, und nachdem wir unseren zionistischen Freunden unseren Segen mit aus ihren gefahrvollen Weg gegeben hatten, sahen wir uns nach einem minder schwierig und gefährlich zu ersteigendeu Berg um. Die Welt ist aber voll Berge. Die meisten sind ebenso unzugänglich wie der Berg Zion. Es gibt aber doch einige, welche von Jedem, der Mut genug hat, die Spitze zu erklimmen und oben eine Fahne anfzupflanzen, erstiegen werden können. Diese Berge sind über fünf Kontinente verstreut und es war keine leichte Aufgabe, sie näher kennen zu lernen und zu entscheiden, welcher des Erfteigens wert sei. Diese Wahl nahm fast die ganzen drei Jahre unseres Bestehens in Anspruch und wir find auch heute erst da-