Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Sir. 35 Dr. Llocb's Mlocvenscdnn. Sette 621 warten, als würde sie fürchten, daß dieselbe ungünstig ausfallen könnnte, setzte sie fort: „Wie wunderschön hat er gesprochen! Welch' herrliche, klassische Sprache! Welch wohlklingende, ins Herz dringende Stimme! Und wie frei er sich aus der Kanzel bewegt, ohne eine Spur von Lampenfieber!" „Aber von dem Inhalt sagst Du nichts?" unterbrach sie Gustav. „Nun ja, der Inhalt — ich wollte eben davon sprechen, der Inhalt war allerdings etwas zu frei; aber bedenke doch, lieber Gustav, der Mann hat Jahre lang in der Großstadt gelebt, wo er gesehen, wie Tag für Tag ein Stück vom Judentume sich abbröckelt, .wo alljährlich hunderte und hunderte ihre Religion wie ein altes, abgetragenes Kleid wegwerfen, und da mag in solch einem jungen, von Idealen vollen Kopfe der Gedanke entstanden sein: Könnte man diesem Niedergange der Religion nicht ein Halt gebieten? Könnte man nicht mindestens den edlen Kern retten, indem man die Schale, die äußeren alten Formen preisgibt? Das gährt und brodelt in so einem jungen Kopfe, wie neuer, unausgegohrener Wein; aber das wird fich schon klären, die Erfahrung wird ihn lehren, daß mit jedem Zugeständnis an die neue Zeit, mit jedem Preisgeben einer alten religiösen Uebung ein neuer Riß in dem alten Bau entsteht." „Ich erkenne meine Jlka, meine stille, fromme Schwester nicht mehr. Wie bist Du auf einmal so beredt geworden! Wo hast Du die vielen Worte hergenommen? Nun, Du brauchst nicht zu erröten", setzte Gustav lächelnd hinzu. „Du magst ja recht haben, er kann nichts dafür, er hat diese Reformideen in der Schule ausgenommen, die er besuchte. Was ich an ihm schätze, daß ist der Freimut und die Aufrichtigkeit, mit der er für seine Ideen eintrat, obschon er merken mußte, daß hier der Boden für solche Aussaat nicht empfänglich sei. Er ist ein ehrlicher Mensch, der ohne Rückficht auf seinen Vorteil, ohne Rücksicht auf den Zweck seiner Reise seiner Ueberzeugung Ausdruck gibt und nicht heuchelt. Und nun, liebe Mutter, hätte ich einen Antrag zu stellen. Du bist dem Doktor Seemann Genugtuung schuldig. Du hast in Deiner wohl erklärlichen Aufwallung ihn verletzt; wäre es nicht angezeigt, ihn für morgen Mittag zu Tisch zu laden?" »Ich finde das eben nicht für nötig," antwortete die Mutter, „aber Du, mein Kind, verstehst das besser. Du kommst doch noch heute mit ihm zusammen, so lade ihn in meinem Namen." (Fortsetzung folgt.) Literatur. Ezras Leben und Wirken. Bearbeitet von Dr. Gustav K l a m e t h, Religionslehrer am k. k. Franz Joseph-Staatsgymnafium in Mähr.-Ostrau. Wien 1908. Verlag von Heinrich Kirsch' Buchhandlung, Wien, I., Singerstraße 7. 142 Seiten. Besprochen von Dr. R. Faerber, Witkowitz bei Mahr.-Ostrau. Allem Anscheine nach hat sich Verfasser die Aufgabe gestellt, ein möglichst vollständiges Bild von Ezra auf wissenschaftlicher Grundlage'unter Berücksichtigung einer natürlichen Entwicklung der Geschichtsverhältnisse zu liefern, was ihm auch gelang. Gewiß fehlte es nicht an Vorarbeiten. Er selbst gesteht in seiner kurzen Vorbemerkung, er habe die Werke Cornelys, Gelbhaus', Hummelauers, Hoonackers und Nikels, sowie andere einschlägige Arbeiten benützt. Allein das gerade erhöht den Wert seiner eigenen Leistung. Dem Leser wird es nämlich bald klar, daß diese Benützung nicht so zu verstehen sei, als ob Verfasser die Zahl der Nachtreter und Wiederholer vermehrte. Er geht vielmehr seine eigenen Wege und nimmt nur das in sein System auf, was ihm in den Rahmen seiner selbständigen Darstellung paßt. Streng konservativ, steht er durchwegs auf dem Standpunkte der rabbinischen Ueberlieferung, weswegen ihm Hoffmanns „Instanzen" eine willkommene Stütze bieten, und hält als katholischer Theologe viel auf den Bericht der Kirchenväter, insofern dieser objektiv ist. Jnsbesonders ist es intereffant zu sehen, mit welcher Gründlichkeit Verfasser in strittigen Fragen mit der bibelkritischen Schule sich auseinandersetzt und sie durch eine Fülle von zwingenden Beweisen zu einer ihr entgegengesetzten, ja vernichtenden Entscheidung drängt. Der Gedankengang ist folgender: Nähere Nachrichten über Ezras Abstammung, Zeit und Ort der Geburt fehlen; doch dürfte in Babylon seine Heimat zu suchen sein. Dafür spricht die gesamte talmudische Tradition, und wirklich kann seine Lebensgeschichte nur dann einwandfrei erklärt werden, wenn wir daran festhalten, daß seine Jugendjahre an den Ufern des Euphrat verliefen, bestrahlt von dem religiösen Eifer jener das ruhmreiche Zeitalter der „großen Versammlung" beginnenden Männer, „Reformpartei" genannt, die von hier aus die Besserung des Kultus und die Verbreitung der Gesetzeskenntnis in Palästina sich zum Ziele setzten. Denn an der religiösen Anschauung der babylonischen Juden aller Stände hatte das Exil bereits längst den von der Vorsehung veabsichtigten Umschwung im besten Sinne vollzogen. Einen Fingerzeig zur Bestimmung seiner Geburt gibt indeffen sein Auftreten in der Nehemia Eap. 8 geschilderten Versammlung des Jahres 444. Da E's. Rolle dieses e r st e m a l eigentlich eine recht unbedeutende ist und höchstens eine kräftige Lunge erfordert, dürfte er ^damals noch in jüngeren Jahren gestanden sein und mit Rücksicht auf lern zweites Auftreten anno 398, wo er den Eindruck eines etwa 70jährigen Mannes macht, 25 bis 30 Jahre alt gewesen sein. Seine Geburt kann daher 475 bis 470 angesetzt werden. Die Lebenstätigkeit Ezras kann nur aus seinem innigen Zusammenhänge mit der erwähnten Reformpartei die rechte Würdigung erfahren. Daraus geht hervor, daß man es bei der Keneset haggedöla nicht mit einem nebelhaften Hirngespinst zu tun hat, wie dies als Erster Richard Simon im 17. Jahrhundert als wahrscheinlich oder in neuester Zeit Kuenen als sicher hinstellt. Vielmehr hat Kuenen recht, welcher meint, es dürfe die Existenz der großen Synagoge nicht in Abrede gestellt und die Tradition des Talmud nicht gänzlich aus der Luft gegriffen betrachtet werden, oder I. S. Bloch, der treffend und quasi manifestirend (Stud. z. Gesch. d. Sammlung d. althebr. Lit. S. 100 f.) ausruft: „Wem die Quellenkenntnis nicht gänzlich abgcht, der weiß, daß nicht bloß an der Existenz jener Versammlung zu zweifeln kein erheblicher Grund ist, sondern daß in der nachexilischen Zeit eine große Anzahl von Einrichtungen uns begegnet, deren Einführung allein schon eine Eeelesia magna voraussetzen." Und tatsächlich ist die gesamte alte Tradition dieser Meinung, nur über die Teuer der Keneset herrscht keine Eintracht. Nun, diese Reformpartei gewann den Mundschenk des Königs Nehemia für ihren Plan, die nationale und religiöse Gesundung des palästinischen Volkes herbeizuführen, und gab ihm als Sachverständigen oder Sekretär in religiösen Angelegenheiten den jungen E. mit, der durch hohenpriesterliche Abkunft und hervorragende Bildung als tauglich für diese Miffion betrachtet wurde. Im Jahre 444 zieht Nehemia als Statthalter nach Jerusalem, deffen Mauern er rasch wiederherstellt und wohin er eine Volksversammlung einberuft. Den Mittelpunkt derselben bildet eine die Reformpunkte betreffende Vorlesung aus den mosaischen Schriften durch E. Das war seine erste Auszeichnung seitens Nehemias und somit auch seitens der Reformpartei! Wie aber Kuenen und andere aus dieser Auszeichnung schließen können, E. hätte damals eine wichtigere Rolle bekleidet als Nehemia selbst, ist nicht einzusehen. Hat doch E. hier nur einem Aufträge Nehemias Folge geleistet, zu welchem Zwecke er überhaupt mitgenommen wurde. Der angebliche Beweis von E. 8*: super Universum quippe popnlnm eminebat entbehrt wohl jedes Hinweises auf die überlegene Würde; denn der masoretische Wortlaut rrn nyn ba -a zielt lediglich auf die lokale Erhabenheit, weil er auf einer Estrade stand. Auch der Umstand, daß das Volk beim Oeffnen des Buches fich erhob, beweist nichts; denn das geschah einzig aus Ehrfurcht vor der Gesetzesabschrift, sonst hätte es fich ja schon früher erheben müssen. Und besagt das nicht auch deutlich genug die Relation: Et anres omnis populi erant erectae ad librum? Nicht anders! Nehemia war hier die Hauptperson, woraus fich erklärt, daß er allein die Urkunde des Bündniffes unterfertigte, während E. nach Erfüllung des Auftrages in den Hintergrund trat. 433/432 war der Urlaub des Nehemias zu Ende, er mußte zurückkehren und mit ihm zog höchstwahrscheinlich auch E. zurück. Erst 398 kommt E., nachdem er über 30 Jahre in Babylon und am persischen Hofe geweilt, mit ebenso großen Vollmachten wie einst der Staatsbeamte Nehemia zum zweiten Male nach Jerusalem. Die Priorität des Zuges NehemiaS muß Verfaffer stark betonen, denn nach der üblichen Meinung (vertreten von Clair, Cornely. Driver, König, Kuenen» Nikel, Strack, Wellhausen und Anderen) kommt E. vor N. (4b8) mit königlicher Vollmacht nach Jerusalem. Er findet hier eine Situation vor, die in politischer und religiöser Beziehung nichts weiter zu wünschen übrig läßt als die Abstellung der gefahrbringenden Mischehen, was ihm nicht sonderlich gelingt. 444 kommt erst Nehemia und findet die Juden gemischt mit Fremden vor und hilflos deren Jntriguen ausgeliefert. Man sieht keine Spur von einer Tätigkeit des Ezra. Im Gegenteil! N. schiebt die Verantwortlichkeit für diese Lage seinen Vorgängern zu und spricht von ihnen in abfälliger Weise. Dann geht er selbst mutig ans Werk, besiegt alle Schwierigkeiten, ohne daß sich aber E. sehen ließe, erst dann, als der Augenblick kommt, die Einweihungsprozeffion zu veranstalten und aus den Gesetzesbüchern vorzulesen. Demnach hat E. einen vollständigen Mißerfolg erlebt und hat dem wahren Begründer der Restauration höchstens eine kleine Unterstützung geboten. Ja, er hätte jetzt, so müßte man schließen, eine so klägliche Rolle gespielt, daß des einstigen Gouverneurs Name nicht einmal unter die Unterzeichner der Bundesurkunde ausgenommen wurde. Die Frage, ob E. einen neuen Priesterkodex promulgiert habe, eine Hypothese, die dazu dienen sollte, die negative Pentateuchkritik über die Entstehung der mosaischen Gesetzbücher zu stützen, wird im