Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021764-3021800--17616-3042500- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dr. Llocd's MoevenscbrtN. Nr 35 Sette 620 der Ober- und Unter-Stuhlrichter, der Bezirksrichter, der Steuereinnehmer, der Bürgermeister, der Finanzkommissär und andere Beamten. Auch hatte Steiger den Leutnant mitgebracht, der sein Nachbar und Hausfreund war. Kann man denn einen Rabbiner wählen, ohne daß diese Honoratioren ihre Zustimmung dazu geben würden? Ist nicht ihr Urteil über eine jüdische Predigt ausschlaggebend? Nach dem Einheben der Thora bestieg Dr. Seemann unter lautloser Stille die Kanzel. Es war das ein in P. noch nie Dagewesenes, daß ein Rabbiner mit einer viereckigen Kappe auf dem Kopfe und mit znsammengelegtem Tallis (Betmantel) die Kanzel bestiegen. Der atte Rabbiner hatte den Tallis über den Kopf genommen; aber mit Rücksicht auf die Honoratioren war es der Gemeinde sehr angenehm, daß man ihnen den Rabbiner in würdiger, der eines Geistlichen ähnlichen Kleidung vorführen konnte und so ging diese Neuerung ohne Opposition durch. Dr. Seemann war eine schöne Kanzelgestalt. Sein Gesicht war durchgeistigt, seine großen schwarzen Augen beherrschten das Publikum, das er einige Sekunden überblickte. Da sah er auf der Frauengallerie neben der Mutter Jlka Weber, deren Gesicht ungewöhnliche Bläffe bedeckte. Ob sie wohl deshalb so bleich war, weil auf der Stätte, aus der sie den Vater zu sehen gewohnt war, nun ein Anderer steht? Möglich! Dr. Seemann aber mag diese Bläffe dahin gedeutet haben, daß sie an seinem Debüt lebhaften Anteil nehme und — für ihn erbleiche. Neben ihr stand Risa Schwarz, deren Mund ein sarkastisches Lächeln umschwebte. Dr. Seemann hatte ein wohlklingendes Organ, das alle Räume des Tempels ausfüllte. Er begann mit einem Gebete, das vom Herzen kommend den Weg zum Herzen fand. In der Einleitung gedachte er pietätsvoll in tiefempfundenen Worten des Heimgegangenen Rabbiners, dessen profundes Wiffen und frommes, gottgeweihtes Leben er würdigte; hierauf ging er zur eigentlichen Predigt über, dessen Thema Licht und Wahrheit war. Die Predigt, die ich kurz skizzieren will, war eine Lobeshymne auf den religiösen Fortschritt. „Es werde Licht!", sagte er, „war das erste Schöpfungswort des Weltenmeisters. „Es werde Licht!" war nach Jahrtausenden wieder das Wort Gottes, als Er in den Kreis freigewordener Sklaven trat, um ihnen die Lehre zu geben, welche zum Lichte geworden für die Völker." „Mü Licht begrüßen die jüdischen Frauen Sabbat und Festtag; mtt Licht feiern wir die Erinnerung an die Heldensöhne Israels." „Und wo das Licht die Herrschaft führt, da muß auch die Wahrhett zum Siege gelangen." „Wahrhett ist das Siegel Gottes, das er seiner Schöpfung aufgedrückt. Oder lügt etwa der knospende Baum, wenn er das Ende des Winters verkündet? Lügt etwa der Wanderzug der Vögel, wenn sie sowohl die milde als die rauhe Jahreszeit anzeigeu?" Wahrheit muß herrschen in den Geistern, in den Herzen, in unseren religiösen Ueberzeugungen und — in unseren Gebeten, die er besprach, besonders aber die Gebete über die Herstellung des Tempelkultus in Zion. Er hob die Notwendigkett einer Reform hervor und schloß mit den Worten: „Fortschrttt ist das Losungswort unserer Zeit! Fortschrttt auf allen Gebieten des Lebens, in allen Zweigen der Wiffenschast, auf dem Felde der Kunst, des Gewerbefleißes; fortschreitend? Entwicklung ist das Lebenselement alles Bestehenden, denn der Stillstand ist der Tod. Und nur auf dem Gebiete der Religion soll es einen ewigen Stillstand geben? Nur da sollen wir dort stehen, wo wir vor Jahrtausenden gestanden?" „Hinweg mü dem Schuttgerölle der alten Zeit! Wir müffen auf allem Grunde einen neuen herrlichen Bau aufführen, der auch die aufblühende Jugeud in sich aufnimmt." Mit einem Pastoralen Segen, den er über die Gemeinde, ihre Häupter und Glieder, über König und Vaterland, über die Stadt, ihre Beamten und Bewohner sprach, schloß er seine Rede, die eine halbe Stunde gedauert hatte. Als er die Rede beendet hatte, ging ein Brausen und Tosen durch die Reihen der Zuhörer. Die Gäste waren enthusiasmiert, ebenso vom Inhalt als von der schönen Form der Predigt. War doch eine Reform der jüdischen Religion eine Annäherung an die ihrige.' Die Jugend und die Intelligenz waren ebenfalls entzückt, die anderen hatten die Rede teils nicht verstanden, teils hatten sie die Tragweite seines radikalen Programmes nicht erfaßt. Nur Dr. Schwarz schüttelte bedenklich den Kopf; für den Mann ist P. noch lange nicht reif genug. Seemann wurde allgemein beglückwünscht. Die Honoratioren verließen das Gotteshaus und da war die Bahn frei für das laute, rücksichtslose Geplauder. Wars den Leuten doch nicht zu verargen, daß die Schleusen endlich sich öffneten, hatten sie doch schon eine volle halbe Stunde schweigen müffen und es wollte jeder seine Meinung über die Rede und den Redner so rasch als möglich an den Mann bringen! Das Mussafgebet begann, aber der Lärm, nahm erst allmälig ab. Der Kantor, statt den Gottesdienst so rasch als möglich zu beenden, benützte die seltene Gelegenheit, daß die Synagoge an einem gewöhnlichen Sabbat so ungewöhnlich stark besucht war, um auch sein Licht leuchten zu lassen, aber heute wollten die schönsten Triller und die brillantesten Kunststücke nicht verfangen und kaum war Keduscha zu Ende, da drängte Alles hinaus, so daß das Gotteshaus fast leer blieb. Während des Mittagsmahles bildete in jedem Hause die Predigt das Tischgespräch, selbstverständlich auch im Hause des Dr. Schwarz. „Nun, mein Kind," wendete er sich an seine Frau, „hat Dir die Predigt zugesagt?" „O ja! Dr. Seemann hat Alles, was zu einem guten Redner gehört: eine starke, wohlklingende Stimme, eine schöne, blumenreiche Sprache und auch die Mimik ist eine ausdrucksvolle." „Und wie lautet Dein Urteil, Risa? „Papa ist viel kompetenter zur Abgabe eines Urteils als ich. Schon von amtswegen mußt Du Dir ein Urteil gebildet und festgelegt haben, um Dein Votum pro oder contra abzugeben. Um dieses Urteil bitte ich." „Eben von amtswegen muß ich zurückhaltend sein, damit ich die öffentliche Meinung nicht beeinflusse. Ein Stück dieser öffentlichen Meinung bist Du auch : also laß einmal hören." „Wenn die öffentliche Meinung iu mir verkörpert wäre, so wäre die Wahl Seemanns ausgeschlossen. Ich will ja gerne zugeben, daß er über die äußeren Mittel eines Redners verfügt : eine entsprechende, ja gewinnende Gestalt, sonores Organ, aber seine Sprache ist eine Anhäufung hohler Phrasen, sein Pathos manieriert, seine Gesten unnatürlich, gekünstelt und der Inhalt! Er will ja das ganze Judentum aus den Angeln heben, ihm seine Grundlage nehmen. Nein, Papa, das soll mein Seelsorger nicht werden." Zu gleicher Zeit wurde im Nachbarhause, am Tische der Rabbinerfamilie, über dasselbe Thema verhandelt. Auch dort führte ein Mädchen das Wort, aber im ganz entgegengesetzten Sinne. Die Mutter hatte angefangen. „Meine Kinder, mir traten die Tränen in die Augen, als ich gesehen, daß auf dem Platz, wo der Zaddik (Fromme) gestanden, auf dem die Schechina (der Gottesgeist) hat geruht, nun so ein — ich will gar nicht sagen: wer? steht, angezogen wie ein Geistlicher. „Aber, liebe Mutter," sagte Gustav, Einer muß doch dort stehen, mit dem Gedanken mußt Du Dich einmal befreunden, der gute Vater muß ersetzt werden und die Zeit ist eine andere geworden und auch die Kleidung des Rabbiners muß eine andere sein. An dem Wesen ändert das nichts. „Aber die Predigt," fiel Jlka ein, „wird Dir doch gefallen haben, liebe Mutter?" Und ohne eine Antwort abzu-