Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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-K. 3H Dk. Llocb's Mocdenscbrlrr. Seite 315 Die Juden in Bagdad. Ueber die Juden in Bagdad berichtet die „Tour du Monde" folgendes : Die jüdische Kolonie ist nicht nur zahlreich, sondern auch mächtig und hält sich abseits von der übrigen Bevölkerung, während die christlichen Chaldäer, Syrer und Armenier (etwa 10.000 in Bagdad) sich sozial mit der mohammedanischen Bewohnerschaft mischen. Bis ins vorige Jahrhundert hielten die häufigen Kriege und die Feindseligkeiten der umwohnenden Stämme die Juden innerhalb der Mauer ihres Stadtviertels eingeschlossen. Mit dem Falle der Mameluken wurden sie frei. Manche wurden Makler der Defterdare und mit der Finanzverwaltung der Provinz beauftragt. Ein Jude Namens David Sussun verließ 1837 infolge eines Zwistes mit seinem Chef Bagdad, machte in Buschir und später in Bombay einen Laden auf und brachte es schließlich zur Gründung eines angesehenen Handelshauses in London. In neuerer Zeit erlangte der Jude Daniel Menahem einen großen Einfluß in Bagdad; er wurde mit seinem Getreidehandel zum reichsten Grundbesitzer des Landes. Ermutigt durch die wiederkehrende Sicherheit haben mehrere Bagdadjuden in Manchester und Marseille Handelshäuser errichtet. Ein beständiger Abstrom findet auch nach Osten statt: die jungen Leute gehen nach Indien, nach Sangon, Singapore, Honkong und Shanghai. Die von der Alliance Jsraelite in Bagdad gegründete Schule besteht seit 1865 und wird von Juden aus Bagdad, die draußen ihr Glück gemacht haben, reich unterstützt. Sie zählt gegen 1000 Schüler, die erst später (1890) errichtete Mädchenschule 420 Schülerinnen. Ferner gibt es eine Talmud- Thora-Vorbereitungsschule, die von 1200 Kindern besucht wird. Obwohl nun auch Bagdadjuden sich in der Welt umsehen, verhalten sie sich dennoch äußeren Einflüssen gegenüber ablehnend. Sie tragen noch lange Kleider und einen besonderen Turban mit farbigen Mustern. Die Frauen gehen stets in den Jzaro eingehüllt, das Gesicht durch einen langen Schirm verborgen, aus und empfangen keine Besuche. Tolstois jüngste Aenßernng über die Juden. Der englische Journalist H. Bernstein, der sich gegenwärtig in Rußland aufhält, erzählt in der Londoner „Times" von einem Gespräch, das er mit dem greisen Dichter Tolstoi in Jasnaja Poljana gehabt hat. Man kam auch auf die Judenfrage zu sprechen und Graf Tolstoi gab hierüber die folgende Erklärung: „Alles, was in der letzten Zeit in meinem Namen über die Judenfrage veröffentlicht wurde, ist stark übertrieben. Laut meinen religiösen Anschauungen find alle Menschen gleich und es kann für mich auch keine Judenfrage geben. Das wäre für mich genau so, wie wenn Sie meine Meinung über die Russensrage oder eine Polenfrage hören wollten. Alle Menschen sind Brüder. Es ist sehr traurig und schmerzlich, daß eine so einfache Wahrheit nicht einfach begriffen werden kann. Wenn es wirklich wahr ist, daß die russischen Juden einige schlechte Züge aufweisen, so kommt es daher, daß wir sie durch die schrecklichen Verfolgungen in ihnen großgezogen haben. Sie fragen mich, woher es komme, daß man die Juden in Rußland so sehr haßt? Ich will es Ihnen erklären. Das kommt daher, daß die Menschen in der Regel die von ihnen Verfolgten mehr Haffen, als ihre eigenen Verfolger. Diese erwiesene Tatsache erklärt auch die Stellung der Juden in Rußland. Während des Diners, dem auch Bernstein zugezogen wurde, kam die Rede abermals auf die Juden. Graf Tolstoi gab hierbei die folgendes Anekdote zum Besten: Herzen, ein bekannter russtscherSchriftsteller und Revolutionär, pflegte mit Vorliebe die Geschichte eines Disputes wiederzugeben, der zwischen einem Griechischkatholischen, einem Römischkatholischen und einem Protestanten stattgefunden haben soll. Der Griechischkatholische erklärte, die Zauberkunst stamme von Kiew. Der Römischkatholische hingegen versicherte, die Zauberkunst stamme aus Tschernigow, während der Protestant beteuerte, die Zauberkunst stamme weder von Kiew, noch von Tschernigow, sondern habe ihren Ursprung in Wologda. Diese drei genannten Städte find natürlich drei Zentren der streitenden drei Religionen in Rußland. Nun denn, ich betrachte die Judenfrage genau so, wie die Zauberkunst. So wie ich an Zauber nicht glaube, so glaube ich auch nicht an die verschiedenen nationalen und religiösen Fragen. _ Talleyrand und Rothschild. Das neueste Buch des englischen Geschichtsschreibers I. H. Escott, „The Story of British Diplomacy" enthält auf seinen 420 Seiten Vieles, was für jüdische Leser von Interesse ist. Mr. Escott bespricht z. B. die Mission Talleyrands nach England, die Etablierung des Hauses Rothschild in England und die Beziehungen zwischen der Diplomatie und der Finanzwelt. Hier wird nun erzählt, daß Talleyrand als „schmutziger Börsenjobber" verschrieen war, der seiner Natur nach sich eher zum Rabbi in der Synagoge eines Wucherers, als zum Priester in einer christlichen Kirche eignen würde. An anderer Stelle werden die „zwei größten politischen Köpfe jener Zeit", Talleyrand und Rothschild, einander gegenüber gestellt. Und da findet sich die merkwürdige Behauptung: „Der bedeutendste Diplomat des Kontinents, Talleyrand, war zum Priester bestimmt, ehe er zur Hauptagentur der politischen Jntriguen Napoleons erhoben wurde. Ebenso wurde der Kapitalist, der als erster die große staatsmannische Kunst mit der Finanzkunst in sich vereinigte, zum Rabbiner (?) in der Synagoge seiner Heimatstadt Frankfurt a. M. erzogen". Zwischen den Finanzoperationen des großen englischen Ministers Pitt und dem Hause Rothschild vermochte Escott keine Beziehungen nachzuweisen, hingegen erschienen die Firmen Goldschmid. Salomons, Jacob und D. Ricardo auf der Liste der Bankiers, mit denen Pitt seine Transaktionen durchführte. Diesem lehrreichen Buche entnehmen wir auch die interessante Mitteilung, daß ein gewisser Benoliel, ein jüdischer Bewohner Gibraltars, derjenige war, dem die Engländer die Vereitlung der Pläne Napoleons, diese Festung einzunehmen, zu verdanken hatten. Auch über die späteren Rothschilds weiß Escott manche noch nicht allgemein bekannte Daten zu erzählen. So z. B., daß die Rothschilds das Geld für die Führung des Krimkrieges ohneweiters zu den niedrigsten Zinsen zur Verfügung gestellt hatten. Die größten Finanziers wetteiferten noch mit ihren Offerten zur Erlangung der Anleihe, als die Sache zwischen Whitehall und New Court (dem Sitze der Rothschilds) bereits abgemacht war. Zwanzig Jahre später hatte sich die Geschichte wiederholt. Es handelte sich um Shares des Suezkanals, deren Ankauf eine Idee Frederick Greenwoods war, der sie dem bekannten Bankier Henry Oppenheim mitgeteilt hatte. „Die Rothschilds waren die einzigen Menschen, die das Geld aufzubringen vermochten." Hiezu macht der Verfasser noch die vielsagende Bemerkung: Diese Transaktion ist nur eine der vielen Beziehungen Rothschilds mit Egypten, die nicht nur für das Land selbst, sondern für alle, die politisch oder kommerziell mit dem Lande in Verbindung treten, ein Glück bedeuten. Im Jahre 1885 wurde der vollständige Bankerott von Egypten nur dadurch abgewendet, daß man in New Court monatliche Vorschüsse gewährte, auf keine andere Sicherstellung, als auf eine Privatnote des Sekretärs des Auswärtigen Amtes, Lord Granville. Seltenes Geburtstagsfest in einem jüdische» Bersorgungshause. Im New-Iorker jüdischen Altersversorgungshaus „Benaus Jakob" fand Ende vorigen Monats eine seltene Geburtstagsfeier statt. Das Geburtstags„kind" war Esther David, die zahlreiche Glückwünsche zu ihrem — 114. Geburtstage entgegennahm. Mrs. Esther David war schon eine Greifin von 89 Jahren, als sie von Rußland nach Amerika gekommen war. Sie ist jetzt die älteste Bewohnerin des Versorgungshauses. Von den zahllosen Menschen, mit denen sie während ihres langen, wechselvollen Lebens in Berührung gekommen, find die meisten schon ihrem Gedächtniffe entschwunden, hingegen erinnert sie sich noch vieler