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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-08-28 · 35 (28.8.1908) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
35 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 614 Dr. DLscb's MscbeNscvrlN. Nr. 35 Rabbinertum — ausschließlich durch den Wiener Herrn Oberrabbiner und dieser lediglich honoris causa — vertreten war. Unter anderen trefflichen Auslassungen bemerkt Herr Dr. Stern, als warmfühlender Anwalt der Herren Rabbiner: „Welche Bedeutung kann eine Vereinigung von Juden im modernen Gesellschaftsleben haben, wenn die Vereinigung nicht als Verteidigerin, Bewahrerin und Beschützerin religiöser Angelegenheiten in erster Linie erscheint?" Es wird sicherlich keinem billig Urteilenden einfallen, die Gegenbehauptung aufftellen zu wollen, daß die Herren Rabbinen kraft ihres Wissens, ihrer Stellung, ihrer Wirksamkeit rc. auf jüdischreligiösem Gebiete als allererste Autoritäten anerkannt werden sollten, somit auch all die mannigfachen Streitfragen religiöser Gattung (Scha-a-loth tschuwos) auf dem Gebiete der Speisegesetze, der Sabbath- und Feiertagsheiligung rc. wie dieselben möglicherweise auch auf der Synode des letzten Gemeindebundestages zur Diskussion gelangen konnten — ausschließlich talmudifch gebildeten Männern, also in erster Reihe — den Herren Rabbinen hätte zugewiesen werden sollen. Allein neben den oben angeführten „Scha-a-loth tschuwos“ konnten ja möglicherweise auch solche Agenden zur Verhandlung gelangen, die den Schwerpunkt des modernen, jüdisch-religiösen Lebens bilden, z. B. Fragen bezüglich der Bester- und Weitergestaltung unseres öffentlichen Gottesdienstes rc. — Der öffentliche Gottesdienst ist ja im heutigen modernen Judentum die ausschließlich alleinige Betätigung, durch welche die Zugehörigkeit zur Gemeinde, also zum Judentum in offenkundiger Weise dargetan erscheint. Und wer der Träger des jüdischen Gottesdienstes ist, das braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Das weiß im Judentume jedes Kind. Unter den zu einem öffentlichen, jüdischen Gottesdienste (Minjan) unerläßlichen zehn erwachsenen, männlichen Personen muß einer die Befähigung des Vorbetens und des Vorlesens aus der Thora besitzen; ein öffentlicher, jüdischer Gottesdienst ohne Rabbinen ist wohl denkbar, auch in der Praxis zu wiederholten Malen in die Erscheinung getreten —; ein öffentlicher, jüdischer Gottesdienst ohne Vorbeter jedoch ist ein Ding der Unmöglichkeit, weil ohne Vorbeter eben kein öffentlicher jüdischer Gottesdienst abgehalten werden kann. Herr Professor Dr. Stern scheint den Kultusangelegenheiten allerdings sehr wenig Bedeutung beizumessen, indem er begeistert ausruft: Die Kultusvorstände haben nur Kultusangelegenheiten zu verwalten und dies hängt nur indirekt mit dem Judentum zusammen. „Hört, Hört!" Die Kultusangelegenheiten des modernen Judentums hängen nur indirekt mit dem Judentum zusammen; wir wären dem Herrn Berichterstatter zu großem Danke verpflichtet, wenn er uns hierüber freundlichst belehren wollte, welche religiöse oder sonstige Betätigung mit dem modernen Judentum „direkter" in Verbindung fleht, als der öffentliche Gottesdienst; selbst die Herren Religionslehrer sind nach mannigfachen anderweitigen Versuchen zur Ueberzeugung gelangt, daß die persönliche Beteiligung der Schuljugend am öffentlichen Gottesdienste ein mächtiger Hebel zur Weckung und Erhaltung des religiös-fittlichen Empfindens der Heranwachsenden einstigen Gemeindemitglieder sei. Allein wir sind ja weit entfernt davon, mit dem verehrten Herrn Professor irgendwie polemisieren zu wollen; im Gegenteile — weil auch wir seine allgemein anerkannte wissenschaftliche Autorität rückhaltlos anerkennen — und gerade deshalb gestatten wir uns, an ihn die höfliche Bitte zu richten, auch für uns jüdische Kantoren in der oben angedeutetcn Angelegenheit in solch rühmenswerter, hingebungsvoller und anerkennenswerter Weise eintreten zu wollen, wie für die Herren Rabbinen. Wir leben der sicheren Ueberzeugung, daß eine Zuziehung jüdischer Kantoren zu den Beratungen des Gemeindebuudes nicht allein eine logisch begründete Notwendigkeit sei, sondern eine für den heiligen Gegenstand geradezu ersprießliche Wirksamkeit im Gefolge haben würde. Vom Zabrmarkt des Lebens. Archäologische Expedition nach Kleinasien. Wie man uns mitteilt, ist eine archäologische Expedition des Institute of Archaeology von Liverpool nach Kleinasien abgegangen, um Ausgrabungen zu Sakje Genzi, an der syrischen Grenze gegen Kleinasien, zu veranstalten. Vorstudien, die im vorigen Jahre gemacht wurden, haben schon einige hettitische Skulpturen in der Nähe der auszugrabenden Schutthügel zutage gefördert. An der Spitze der Expedition steht Professor Garstang, der für das Liverpooler archäologische Institut während mehrerer Jahre so erfolgreich in Egypten gegraben hat. Die Jude» im Süden der Bereinigten Staaten. In einer amerikanischen Zeitschrift „The Hartford Globe" erschien vor kurzem ein Artikel über die Bedeutung der Juden im Süden der Vereinigten Staaten. Der Artikelschreiber stellt fest, daß der Aufbau und das rasche Aufblühen der großen Handels- und Industriezentren des Südens fast ausschließlich dem regen Unternehmungsgeiste der Juden zu danken sei. Ihre wichtigsten Eigenschaften für das kommerzielle Leben — Fleiß Unternehmungssinn und Integrität — sowie die kluge Anwendung der neuesten technischen Errungenschaften trugen das Meiste zur Entwicklung der wichtigsten Städte des Südens bei. Außerdem hatten die Juden eine besondere Anhänglichkeit an die Städte, welche sie geschaffen, an den Tag gelegt. Die Liste der jüdischen Soldaten im Bürgerkriege stellte die überwiegende Majorität der erwachsenen Juden im Süden dar. Auch hatte der Süden mehr jüdische Senatoren im Senate der Bereinigten Staaten aufzuweisen als alle anderen Landesteile zusammengenommen. Geheimer Antisemitismus in Bulgarien. Bekanntlich ist die gegenwärtige bulgarische Regierung den Juden gut gesinnt und wendet Alles auf, etwaige Versuche, die Stimmung der Bevölkerung über die Juden künstlich zu trüben, im Keime zu ersticken. Wie es scheint, gibt es in Bulgarien gewisse Kreise, in deren Interesse es liegt, den Antisemitismus in Bulgarien wachzurufen. Das bulgarische Blatt „Dnewnik" machte in einer seiner jüngsten Nummern die Enthüllung, daß in Rustschuk ein geheimes „revolutionäres Komitee" existiere, das sich die Vertreibung der Juden aus Bulgarien zur Ausgabe gemacht habe. Das Blatt fordert die Regierung auf, dieses Komitee auszuheben und mit Energie vorzugehen, so lange es noch Zeit sei. Daß ein solches „revolutionäres Komitee" in Bulgarien tatsächlich besteht, mußte der Oberrabbiner von Sofia jüngst in sehr unangenehmer Weise selbst erfahren. Vor einiger Zeit verließ nämlich ein christliches Dienstmädchen, rhne etwas zu sagen, seinen jüdischen Dienstgeber und war nicht aufzufinden. Die Eltern des Mädchens, die zufällig zum Besuche der Tochter in die Stadt gekommen waren und sie nicht vorfanden, machten bei der Polizei die Anzeige, die Juden hielten das Mädchen verborgen und wollten es nicht herausgeben. Die Polizei wies eine solche Anzeige von vorneherein zurück, machte sich auf die Suche nach dem Mädchen und fand es auch tatsächlich auf den Feldern in der Nähe der Stadt umherirrend. Am Tage nach dem Verschwinden des Mädchens erhielt der Oberrabbiner von Sofia einen Brief, in welchem ihm mitgeteilt wurde, daß, falls das Mädchen nicht innerhalb fünf Tagen zur Stelle gebracht würde, der Oberrabbiner um sein Leben kommen und die jüdische Gemeinde einen Ersatz von 50.000 Francs zahlen müßte. Der Brief trug die Unterschrift: „Das revolutionäre Komitee." Der Oberrabbiner übergab das Schreiben der Polizei, die jetzt in der Angelegenheit strenge Untersuchung führte.

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