Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr- Liocb's W-ocbenscvnn. Sette 613 abzuhalten, die Leiden der armen Auswanderer sowohl am Ausgangspunkt als auf der Reise und an ihrem Bestimmungsort zu mildern; tatsächlich ist unsere russische Föderation bestrebt, Ordnung und System in das gegenwärtige Chaos zu bringen und für die jüdische Auswanderung dasselbe zu tun, was die Heilsarmee für die Christen tut, und ich beabsichtige, mich im kommenden Herbst selbst nach Amerika zu begeben, um mich über die Möglichkeiten einer systematisierten Arbeit an Ort und Stelle zu informieren. Eine allgemeine Regelung von Auswanderungen ist in Wahrheit ein Widerspruch der Ideen. Regelung umfaßt eine politische Idee und den Begriff der Leitung. Die Galveston-Jdee ist eine wahrhaft regulative Idee. Die politische Seite der Galveston-Jdee. Sie stützt sich auf die Tatsache, daß schon beinahe 2 Millionen Juden nach den Vereinigten Staaten ausgewandert und daher fähig sind, den Neuankommenden bei der Niederlassung behilflich zu sein, während diese durch ihre politischen Rechte die Stellung der bereits ansässig gewordenen verstärken; der einzige Nachteil dieser providentiellen Lage besteht in der Armut und Ueberfüllung der östlichen Städte, infolge welcher einem zu starken Zufluß von Juden Einhalt getan werden könnte. Die Befürchtung, daß die östlichen Häfen den jüdischen Emigranten ganz verschlossen werden könnten, veranlaßt uns zu der Ansicht, daß Galveston und der Westen sich für die Einwanderung besser eignen als New-Iork und der Osten, sowohl im Interesse des Volkes selbst, als der Kosten. Die Tatsache, daß selbst während der schlimmsten Zeit, die Amerika seit vielen Jahren gekannt, so wenige unserer Auswanderer arbeitslos waren, beweist die Richtigkeit der „Jto"-Ansicht. Es bedeutet nichts, daß vorderhand nur ein kleiner Teil der Auswanderer den Weg nach Galveston nimmt — ein nach Galveston dirigierter Jude ist für die jüdische Zukunft von größerem Wert als hundert nach New-Iork oder Montreal geleitete. Jeder einzelne dieser Juden wird zu einem Attraktionszentrum für andere Juden und ich bin überzeugt, daß jeder „Jto"-Auswanderer, dem es in Westamerika gut geht, ebenso bereit sein wird, jenen, die ihm Nachfolgen, zu helfen, als erbereit war, die Hülfe derer anzunehmen, die ihm vorangegangen waren. Darum werden wir nicht mehr als 20—30.000 Auswanderern fortzuhelfen brauchen. Wenn diese Anzahl von Juden über die westlichen Städte Amerikas verstreut sein wird, werden wir es ihnen überlassen, allen jenen beizustehen, die Nachkommen. Dies ist meiner Meinung nach die wirkliche Regelung der Auswanderung im Interesse der jüdischen Gegenwart und Zukunft. Gleich allen politischen Ideen ist diese verhältnismäßig billig ins Werk zu setzen und übersteigt nicht die Leistungsfähigkeit eines einzelnen Millionärs. Ein Versuch, allen jenen Juden, welche nach New-Iork, Boston oder Philadelphia auswandern, bei ihrer Ansiedluug behülflich zu sein und sie zu unterstützen, würde selbst Herrn Schiff ins Armenhaus bringen, während Herrn Lord Rothschild für seine alten Tage nur ein Einkommen von 5 Schillingen pro Woche bliebe. Es ist nicht einmal möglich, für alle, die auswandern wollen, Arbeit zu finden, ehe sie sich in Europa einschiffen, da dies durch die amerikanischen Gesetze verboten ist. Sie dürfen sich erst dann um Arbeit bewerben, wenn sie im Land selbst angekommen sind, und ich würde jede Organisation bedauern, welche die Klagen derer auszuhalten hätte, die keine Arbeit finden. Das Problem in Kanada, Argentinien und Australien. Ein ähnlicher Plan wie unserer, aber auf Kanada angewendet, wurde von Herrn d'Avigdor Goldsmid in Vorschlag gebracht, welcher hervorhebt, daß von den 45.000 gegenwärtig in Kanada befindlichen Juden 25.000 oder mehr als die Hälfte in der kleinen Stadt Montreal zusammengepfercht sind. Unglücklicherweise ist die Regelung der Auswanderung eine tatsächliche Arbeit, die sich nicht durch Reden, gute Wünsche oder selbst Arbeit in den Auszugslandern abtun läßt; sie verlangt in den Einwanderungsgebieten Empfangskomitees von tüchtigen, aufopfernden, über große Mittel verfügende Juden. Die Schwierigkeit in Kanada besteht darin, daß es dort sehr wenige Juden gibt, welche fähig wären, den Ankommenden die ersten Wege zu ebnen, während die der „3to" angehörenden Juden im Amerika imstande sind, den Einwanderern in Galveston die Wege zu ebnen. Es gibt auch keine Häfen im Süden, an welchen man landen könnte, ohne Montreal zu passieren. Wenn man die Auswanderer nicht durch Newyork ziehen läßt, so geschieht es, um zu vermeiden, daß sie sich dort niederlaffen und eine Ueberfüllung Hervorrufen, aber jene Auswanderer, welche nach Kanada ziehen, sind gezwungen, Montreal zu passieren, und sind sie einmal in Montreal, so bleiben sie auch meistens dort. Kanada eignet sich daher nicht besonders für die Regelung der Auswanderung. Noch größer sind die Schwierigkeiten in Argentinien. Unser unermüdlicher Ehrensekretär, Herr Clement I. Salaman, hat Nachforschungen darüber angestellt, inwieweit es möglich wäre, den Einwanderern in Argentinien beizustehen und sie über das Land zu verteilen, und gefunden, daß in Buenos-Ayres nicht genug wohlhabende, ehrliche und fähige Juden sind, um die Arkommenden in Empfang zu nehmen. Glauben Sie nicht, daß wir die Juden von Buenos-Ayres verleumden; sie selbst bestätigen die obige Aussage. Und das sind die guten Juden von Buenos-Ayres, die schlechten aber sind über alle Beschreibung erniedrigt. Eine bessere Klasse von Juden lebt iu Australien und wir haben uns mit einigen von ihnen in Verbindung gesetzt, aber gefunden, daß sie höchstens wenige Ackerbauer zu unterstützen und zu fördern geneigt wären, da die Arbeitspartei so stark ist in Australien, daß die Einwanderung größerer Massen jüdischer Handwerker in australische Städte auf lebhaften'Widerstand stoßen würde. Sie sehen daraus, daß nur Amerika sich für eine geregelte Einwanderung eignet und nur die Vereinigten Staaten alle erforderlichen Vorbedingungen aufweifen. Amerika, das einzige, existierende Zufluchtsland. Mein Freund, Herr Herbert Friedenwald, der ehemalige Sekretär des amerikanisch-jüdischen Komitees, welcher eine Art Nachschlagebuch über alle jüdischen Versammlungsanstalten der Vereinigten Staaten, wie Synagogen, Geselligkeitsvereinen rc. rc. herausgibt, teilt mir mit, daß er allein im letzten Jahre 700 neue derartige Institutionen zu verzeichnen hatte. Daraus geht hervor, daß die Juden Osteuropas selbst zu der Erkenntnis gekommen sind, daß Amerika ihr Zufluchtsland ist, und nichts wird ihren Zug dorthin aufhalten, wenn nicht oder bis ein jüdisches Territorium ersteht, bereit, sie aufzunehmen. Die einzige, weise Politik ist daher, diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen und die Auswanderung nur insoferne zu regeln, daß man trachtet, sie durch den Galvestonkanal zu leiten. Unser Auswanderungs-Regulierungs-Departement ist keine philanthropische, sondern eine auf eine politische Idee gegründete Einrichtung. Mildtätige Stiftungen gibt es viele in der Judenschaft, aber wenig politische Ideen, und ich fordere Jedermann heraus, mit einer besseren oder selbst nur mit einer anderen Idee für die Regulierung der jüdischen Auswanderung hervorzutreten. Es ist unmöglich. Es gibt keine anderen Ideen und keine anderen Orte. (Schluß folgt.) Der jüdische Ciemrindebnndesiag und der jüdische Kantor. Von einem Kantor. In geradezu hingebungsvoller Weise nimmt Herr Professor Dr. Simon Stern in Nr. 33 der „Doktor Blochschen Wochenschrift" gegen die Tatsache entrüstete Stellung, daß am jüngst abgehaltenen jüdischen Gemeindebundestage das