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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-08-21 · 34 (21.8.1908) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
34 (21.8.1908)
Date
1908-08-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
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St;. 34 Dr. JSlocD s Moevenscdrtrr. Gelte 605 Man merkte gleich bei ihrem Eintritte ins Zimmer, daß sie sehr rasch Toilette gemacht, denn die schwarze Haube, die sie in aller Eile aufgesetzt, saß etwas schief, um so unternehmender sah sie aus. Dr. Seemann küßte ihr die Hand und sagte: „Frau Rabbinerin! Ich hielt es für meine unumgängliche Pflicht, meinen ersten Besuch heute Ihnen und Ihrem Hause zu machen und Ihnen mein aufrichtigstes Beileid über den schweren Verlust auszusprechen, der Sie getroffen; denn, wenn auch das Trauerjahr schon vorüber ist, so ist wohl die Wunde noch immer eine offene und schmerzliche." „Und diese blutende Wunde", erwiderte die Frau in höchster Erregung, „reißt man nun schonungslos auf! Muß es mir nicht in die Seele schneiden, wenn die Herren da nach der Reihe kommen werden, um auf die Nachfolge meines armen, gottseligen Mannes zu reflektieren?" „Aber liebe, gute Mutter, rege dich nicht auf!" unterbrach sie die Tochter, die in peinlichster Verlegenheit diesen elementaren Ausbruch eines erbitterten Gemütes anhörte. „Nein, mein Kind! ich muß endlich meinem gepreßten Herzen Luft machen. Da habe ich seit Langem schon die Hoffnung genährt, daß, wenn einst mein Mann seinen Sitz verläßt, unser einziger Sohn, soll leben, an dessen Stelle tritt, wie Eleasar seinem Vater, dem Hohepriester Ahron, in seinem heiligen Dienste folgte und daß die Gemeinde ihren alten Rabbiner, der vierzig Jahre segensreich gewirkt, noch im Grabe damit ehren werde, daß sie dessen würdigen Sohn zum Nachfolger wählen wird." „Aber, liebe Mutter!" unterbrach sie wieder Jlka, deren Verlegenheit sich immer mehr steigerte und deren seelenvolles Auge gleichsam entschuldigend auf Dr. Seemann sich richtete, „für das alles kann man doch den Herrn Doktor nicht verantwortlich machen." „Ich will auch ihm persönlich das nicht anrechnen, wenigstens nicht ihm allein; ich glaube aber, daß die Herren alle soviel Pietät gegen den frommen und gelehrten Kollegen und soviel Rücksicht für die zurückgebliebene mittellose Familie hätten haben sollen, daß sie dem Sohne, der ihnen ebenbürtig ist, nicht in den Weg treten und den Wettbewerb mit ihm nicht hätten aufnehmen dürfen." Dr. Seemann, der diesen fast uneindämmbaren Redestrom über sich ergehen lassen mußte, benützte eine kleine Pause, um mit milder Gelassenheit auf diesen vehementen Angriff zu erwidern. „Ich begreife, geehrte Frau Rabbinerin! vollkommen Ihre tiefe Erregtheit; ich verarge es Ihnen gar nicht, daß Sie all die Bitterkeit, die sich in Ihrem Herzen aufgehäuft, wenn auch in harten Worten, zum Ausdruck brachten; aber was mich betrifft, komme ich von einem entlegenen, vom Weltverkehr abseits liegenden Orte und habe von den hiesigen Verhältnissen gar keine Kenntnis gehabt. Ich habe auf Grund des ausgeschriebenen Konkurses um die Stelle mich beworben und was die andern Reflektanten betrifft, muß ich auch sie gegen Ihren Vorwurf in Schutz nehmen. Glauben Sie etwa, gnädige Frau, daß Rabbiner einen allgemeinen Streik inszenieren dürfen, wie die Maurer oder Lampenanzünder? Wohl, auch wir sind berufen, das Licht anzuzünden, aber wenn w i r streiken würden, so können sie auch ohne unser Licht ganz wohl bestehen. Was glauben Sie, wie viele Gemeinden würden es nicht ungern sehen, wenn ihr Rabbiner streiken und nicht predigen würde? — " setzte er lächelnd hinzu. Und was Ihren Herrn Sohn betrifft, so würde ihm wahrlich kein Dienst erwiesen werden, wenn demonstrativ jeder Bewerber ausbleiben würde. Die Gemeinde würde die Absicht merken und sich vorläufig — ohne Rabbiner behelfen, Ihren Sohn aber umsoweniger wählen." Dr. Seemann bemerkte mit besonderer Freude an den strahlenden Augen der Tochter, daß sie jedes seiner Worte mit sichtbarem Vergnügen aufnahm, während die Mutter wie ein allmälig sich verziehendes Gewitter noch immer grollte. Diese peinliche Szene fand ihren Abschluß dadurch, daß der so oft erwähnte Sohn des Hanfes ins Zimmer trat. Gustav Weber war ein junger Mann, etwas über mittelgroß, mit einem rosigen Gesichte, in welchem tiefer Ernst und angeborene Herzensgüte sich wiederspiegelten, lleber seine freundlich blickenden, grauen, ins Bläuliche spielenden Augen wölbte sich eine hohe Stirne. Das Gesicht war von einem dunkelblonden, weichen Bart umrahmt. Seine ganze Erscheinung war eine sympathische, herzgewinnende. Seine talmudischen Studien hatte er ausschließlich bei seinem Vater gemacht und weltliches Wiffen als Autodidakt sich angeeignet, er hatte die alten klaffischen Sprachen erlernt, kannte die ungarische und deutsche Literatur genau, war dann aus einige Jahre nach Frankfurt am Main, später nach München, gegangen, wo er die Kollegien hervorragender Profefforen der Philosophie und Philologie hörte, und war nun seit zwei Jahren zuhause, wo er seine Studien auf allen Gebieten fortsetzte, besonders aber mit eisernem Fleiße dem Studium des Talmuds oblag. Seine religiöse Richtung war eine streng konservative, er war aber höchst tolerant gegen die Ueberzeugung anderer. Er trat ein und ging, ohne aufzuschauen, auf die Mutter zu und küßte ihr die Hand. Die Mutter blickte mit rührender Zärtlichkeit auf ihren Einzigen und lächelnd sagte sie: „Du bist heute etwas länger ausgeblieben, wir haben unterdeffen einen lieben Gast bekommen" und sie stellte die Beiden einander vor. Nach einigen Worten der Begrüßung führte Weber den Gast in sein Arbeitszimmer. zum aufrichtigen Bedauern seiner Schwester, welche die interessante Unterredung dieser beiden gelehrten Männer sehr gern mit angehört hätte. Dr. Seemann knüpfte den Faden des Gespräches an. „Herr Kollege! Ich halte es für angezeigt, Ihnen mitzuteilen, daß unmittelbar vor Ihrer Nachhausekunft ein gar schweres Gewitter über mein armes Haupt sich entladen hat. Ihre gute Mutter hat mir den Vorwurf ins Gesicht geschleudert, daß ich Ihnen ins Gehege gehe und Ihre Wahl gefährde. Ich erkläre Ihnen, daß ich von den hiesigen Verhältnissen absolut keine Kenntnis hatte und wäre ich noch jetzt bereit, von der Bewerbung zurückzutreten, wenn ich Ihnen damit etwas nützen könnte." „O, diese Mütter! Wer kann die Mutterliebe in das eiserne Joch der Konvenienz und der Höflichkeit zwängen! Wie das römische Sprichwort vom Recht sagt: „Summum jus summa injuria-4 (das höchste Recht ist oft die höchste Ungerechtigkeit), so könnte man auch sagen: Die höchste Liebe begeht oft die höchste Lieblosigkeit, oder wie der Talmud sagt (Sanhedrin 105 6) .ttioti nbtMO mns „Die Liebe überschreitet, die Linie." Sie müssen das also der Mutterliebe zugute halten." „O, das habe ich gleich getan und grolle ihr durchaus nicht. Und was die Bewerbung betrifft, so habe ich die unerschütterliche Ueberzeugung, die Sie doch auch teilen, daß die Fäden des Geschickes sowohl der Einzelnen wie der Gemeinden in Gottes Hand ruhen, und den Er erwählen wird, der wird der Rechte sein. Ich aber habe das Vorgefühl, daß ich keinen Erfolg erzielen werde. Das ist mein erstes Debüt als Proberedner. Ich habe meine Predigt nach allen Regeln der Rhetorik ausgearbeitet und werde ohne Scheu und Rücksicht meiner Ueberzeugung Ausdruck geben; ob das Beifall finden wird, ist fraglich." „Die Regeln der Rhetorik"! entgegnete Weber, „ich gebe wohl zu. daß die äußere Form, die Dreiteilung der Rede, wo am Schluffe jedes Teiles der Text sich wiederholt, ihre Berechtigung hat; aber es ist ja doch nur die Form, die kaum jemand von den Zuhörern beachtet, das Wesen, der Inhalt ist die Hauptsache. Und was ist denn der Zweck einer Kanzelrede? Doch nichts anderes als die Belehrung. Auf welchem Wege man

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