Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 34 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 34 , Vr. VLoch's WmtzrnfchrM. Seite SS7 höheren, für die damaligen Verhältnisse in Oesterreich sehr hoch besoldeten Stellen waren nur dem Adel zugänglich, der überdies die Freigebigkeit der Monarchen in rücksichtsloser Weise für sich auszuuützen wußte. Auch Steuerhinterziehungen ließ er sich zu Schulden kommen?) Und bei all diesen ohne Mühe erworbenen Reichtümern war der Adel ein schlechter Zahler. In einem Gutachten des Grazer Handelsstandes aus dem Jahre 1715 wird geklagt, daß „große Pracht mit den zumeist auf Borg gelieferten herrschaftlichen Livreen getrieben werde und wie der Adel durch alle erdenkliche Vorstellungen Geld und Waren herauszubringen suche, wo man meistens ex metu reverentiae den Kredit nicht abschlagen kann und nach einigen Jahren das Guthaben einbüßt?) Eine der Hauptursachen der großen französischen Revolution war die arge Bedrückung und Ausbeutung der Bauern durch den Adel. In Frankreich hat erst diese Umwälzung den Bauern zu einem menschenwürdigen Dasein verholfen. In der Gegenwart suchen Adel und Großgrundbesitzer, die sa in Deutschland und Oesterreich zu 99 Perzent Christen sind, sich durch hohe Getreidezölle, Verbot der Einfuhr von Vieh und Fleisch auf Kosten der Städter zu bereichern. Gleichzeitig wollen sie aber auch durch allerlei Gesetzchen und „Gesindeorduungen" sich aus der keinen Grund und Boden besitzenden ländlichen Bevölkerung billige Arbeitskräfte schaffen, um ihr eigenes Einkommen zu erhöhen. Die urgermanischen christlichen Junker in Preußen und Sachsen ziehen polnische Arbeiter ins Land, weil diese billiger als die deutschen sind und sich schlechtere Behandlung gefallen lassen. Sein Deutschtum salviert man, indem man den Polen den Gebrauch ihrer Muttersprache in jeder Weise zu erschweren sucht. Ueberdies sind stumme Sklaven am bequemsten für die Herren. Freilich hat der polnische Adel in den Zeiten der Republik seine Bauern noch ärger behandelt, iu ihren Leibeigenen, wie Georg Förster damals sagte, . beinahe die letzte Spur der Denkkraft vertilgt." Die letzten Reste dieser Adelsherrschaft zeigen sich hie und da noch jetzt in dem seit 136 Jahren österreichischen Galizien. Der englische Historiker Hume sagte, der polnische Adel habe nur deshalb das Wahlkönigtum eingeführt, um die Krone dem besten Zahler zu verkaufen, und sie sei der einzige Artikel, mit dem dieses Volk Handel treibe. Stimmenkauf und Verkauf trieben aber auch die deutschen Fürsten bei den Kaiserwahlen, wie ich bereits in diesen Blättern erzählt habe. °) Man glaube aber nicht, daß nur die höheren Stände so habsüchtig und unehrlich waren. Der „ehrbare christliche Kaufmann" oder Handwerker war in Handel und Wandel nicht redlicher und skrupulöser, und beim Gelderwerb war auch das non ölet sein Wahlspruch. Als Beispiel für die deutsche Handelspraxis im Mittelalter will ich einiges aus der so durchaus deutsch-christlichen Hansa anführen. Besonders häufig klagten die Russen über Betrug in der Qualität und unehrliches Maß bei den von den Deutschen eingeführten Waren. Die Verfügungen, welche so häufig von den Vorständen der Hansa gegen falsches Maß und Gewicht erlassen wurden, »zeigen deutlich genug, welcher Schelmereien sich die Deutschen von Zeit zu Zeit schuldig machten". Am meisten Anlaß zu Beschwerden der Käufer gaben die eingeführten Tücher, besonders die aus Flandern. Gelang es einmal, die flandrischen Fabrikanten von ihrem betrügerischen Verfahren abzubringen, so traten die deutschen Zwischenhändler an ihre Stelle. Sie schnitten die Tücher in der Mitte voneinander, entwendeten einige Ellen, nähten sie 3 Ebenda, das ganze Kapitel 12 des IX. Bandes und I., 61, S. 4, 20, 29, 34; ferner A. Wolf, Geschichtliche Bilder aus Oesterrejch IL 17_i9. . 5) Biedermann, Geschichte der österreichischen Gesamtstaatsid'e II, 182. °) „Oesterreichische Wochenschrift" vom 11. Dezember 1891. wieder zusammen und verkauften sie als das volle angegebene Maß enthaltende Stücke. Die Russen verlangten nun, daß man ihnen jedes Stück zumessen sollte, aber darauf wollte die Hansa nicht eingehen, denn, sagte sie, die Kaufleute hätten die Stücke für voll gekauft. Ob nun die flandrischen Fabrikanten oder die deutschen Kaufleute den Betrug verübten, die Russen waren jedenfalls die Geprellten. Diese rächten sich in ihrer Weise — noch in der neuesten Zeit. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß orthodoxe, mit Heiligenbildern versehene großrussische Fuhrleute unterwegs die Wollsäcke, die sie führten, öffneten, aus jedem Sacke einige Pfund Schafwolle Herausnahmen und dafür Steine hineinlegten oder, was noch schlimmer ist, Wasser hineingosseu, damit der Sack bei der Ablieferung das im Frachtbrief angegebene Gewicht haben solle. Doch kehren wir zur Hansa zurück. Nicht bloß in Rußland, auch in anderen Ländern wurde den Deutschen ein „betrügliches Zerren und Recken der wollenen Zeuge, um eine größere Länge zu erhalten", vorgeworfen. Die Flamländer klagten, daß die Deutschen minderwertiges holländisches Bier einführten und es für gutes deutsches ausgaben. Klagen über verfälschte und untergeschobene Waren kamen auch an anderen Orten häufig vor. „Es war eine bekannte List, deren sich die Deutschen bei einem Teil ihrer Ein- und Ausfuhr bedienten, daß sie, da die Abgaben nach bestimmten Maßen von Säcken und Lasten erhoben wurden, diese, bei denselben beibehaltenen Benennungen, betrüglich vergrößerten, wodurch daun der zu entrichtende Zoll zu größerer Unbedeutendheit allmählich herabsank?) Ich brauche wohl nicht erst zu erwähnen, daß sich unter den Hanseaten kein einziger Jude befand. Im Jahre 1529 fand sich die Regierung von Florenz genötigt, strenge Gesetze mit Androhung von Geld- und Körperstrafen, Verbannung und Entziehung des Rechtes zur Ausübung des Berufes gegen die Verfälscher der Lebensm'ttel und Betrüger beim Verkauf zu erlassen. „Es ist kaum zu glauben", sagt der Historiker Benedetto Varchi (Buch 8, Kap. 18), „welche Betrügereien die Fleischer, Selcher und- Greisler aus Habsucht verübten, um die Käufer zu täuschen und zu übervorteilen." Zwei Jahrhunderte später schilderte der neapolitanische Historiker Pietro Giannone, der auch längere Zeit in Wien gelebt hat, die zahlreichen frommen Brüderschaften Neapels, welche so häufig Prozessionen mit Fahnen, Kreuzen und Wachskerzen veranstalten, ihr Geschäft vernachlässigen, aber an das Betrügen nicht vergessen. „Am Sonntag gehen sie in die Kirche, beten, hören die Predigt und die Messe an, ziehen mit Fahnen und Kreuzen nach Hause und am Montag früh, sobald sie Laden oder Werkstätte betreten, beginnen sie schon zu betrügen, mit Lügen und Vorspiegelungen die Käufer zu täuschen und zu beschwindeln." 8) Giannone hat dies vor beinahe zwei Jahrhunderten geschrieben, bevor er nach Wien gekommen ist. Man soll also nicht glauben, daß er die Wiener Christlich-Sozialen gemeint hat. Schön ist es jedenfalls von den Neapolitanern, daß sie erst am Montag mit dem Betrügen anfiugen. Diese Sonntagsruhe wird nicht überall gehalten. Ich habe hier von allen Ständen gesprochen, nur nicht von dem geistlichen, denn die Schilderung des Strebens des angeblich nur um das Seelenheil besorgten Standes nach irdischen Besitztümern und wie er solche in enormem Maße zu erwerben wußte, muß einem besonderen Kapitel Vorbehalten bleiben. Vielleicht finde ich dazu noch einmal Muße und Raum in diesen Blättern. U. 7) Georg Sartorius, „Geschichte des Hanseatischen Bundes" II., 457-58, 489, 584. s) l3toria civile del Regno di Napoli L. 21 eap. 5.