Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 34 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Stk. 34 Br. Llocb's MocdenscdrtN. Seite 596 den Inbegriff aller vornehmen, edlen, vom Plebs unterscheidenden Eigenschaften; stellt man sich doch die tapferen sechzehnahnigen, mit Wappenschild und goldenem Sporn paradierenden Ritter als die untadeligen, uneigennützigen Beschützer der Unterdrückten und Wehrlosen, als die unerschrockenen Kämpfer für Gott, König und die Damen vor. Es sind vorzüglich die Ritterromane und Rittergedichte sowie die reaktionäre, christlich-romantische Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, welche diese Anschauung erregt und verbreitet haben. Studiert man aber die Geschichtsquellen, die Chroniken und Urkunden, so bekommt man einen ganz anderen Begriff von dem Edelmut und der Uneigennützigkeit des christlichen Adels deutscher und anderer Nation, von der Weltentsagung und christlichen Armut der hohen und mittleren Geistlichkeit. Der Kontrast zwischen Theorie und Praxis, zwischen den Schilderungen und Erzählungen der Rittergedichte und der Wirklichkeit ist ein enormer, sagt Guizot in seiner „Geschichte der Zivilisation in Frankreich": „In diesen drei Jahrhunderten (vom 11. bis zum 14. Jahrhundert), den rohesten und verwildertsten unserer Geschichte, kamen die meisten Verbrechen und Untaten vor, herrschten die größte Unordnung nnd ärgste Sittenlosigkeit. Wer die wirklichen Vorgänge in jener Zeit kennt, dem erscheint all diese Ritterpoesie und Rittermoral als grobe Lüge." Freilich gab es auch Ausnahmen, aber neben dem wenigen Guten und Edlen in der Praxis war andererseits auch die Theorie mitunter unmoralisch und korrumpierend. „Die Ritterburgen", sagt ferner Guizot, „wurden ursprünglich nur zu dem Zwecke erbaut, um den adeligen Räubern einen Zufluchtsort zu bieten. Dahin brachten sie ihren Raub und konnten hinter den festen Mauern den beraubten Städtern trotzen. Schon am Ende des neunten Jahrhunderts befahl König Karl der Kahle die Zerstörung aller ohne seine Erlaubnis errichteten Burgen, „deren Inhaber die Bewohner der benachbarten Orte beraubten und drangsalierten"; aber es half nichts. Der Staat war zu schwach gegen den Adel und schließlich nahm er selbst dieses Raubgesindel in seine Dienste. Die ganze Kriegführung zwischen Frankreich und England im vierzehnten Jahrhundert bestand nur aus Raubzügen und Plünderungen". Auch bei den Kreuzzügen zur „Befreiung des Grabes Christi aus den Händen der Ungläubigen" spielten die Raubsucht, die Aussicht ans Beute eine große Rolle. Man wartete nicht einmal, bis man in das Land der Mohammedaner kam, sondern begann schon in Europa Juden und „schismatische" Christen auszuplündern. Einen großen Teil des Einkommens der Krieger bildete das Lösegeld, das ihnen die Besiegten und Gefangenen zahlen mußten. So ein Gefangener, sagt Vicomte d'Avenel (4,88 riches depuis sept Cents ans)*), war gewissermaßen eine Obligation, „zahlbar dem Inhaber". Man konnte sie verkaufen oder eskomptieren lassen, eine Schuld damit bezahlen. Wertvolle Gefangene machen war ein einträgliches und lobenswertes Geschäft und man betrieb es daher eifrig mit Gewalt, List und Verrat. Der Gefangene war ganz der Gnade des Siegers ausgeliefert, der eine beliebig hohe Summe, selbst die Hälfte oder drei Viertel von dessen ganzen Vermögen verlangen konnte. Zeigte er sich nicht willig, so suchte man ihn durch schlechte Behandlung, Einsperren in einen finsteren Kerker u. dgl. mürbe zu machen. Und das taten nicht bloß einfache Ritter und Heerführer, sondern mitunter auch Monarchen. Du Guesclin, der Konnetabel von Frankreich, der zweimal (1364 und 1367) in Gefangenschaft geriet, hat zusammen beinahe fünf Millionen Francs Lösegeld bezahlt. König Rene von Provence hat sich nach langer Gefangenschaft mit.5'/2 Millionen vom Herzog von Burgund losgekauft (1432). Der in der Schlacht bei Azincourt (1415) von den Engländern gefangen genommene Herzog Karl von *) In „Kevue des deux mondes“ vom 15. März 1906. Orleans wurde erst nach einer Gefangenschaft von 25 Jahren gegen ein Lösegeld von 200.000 Talern freigelasfen. Der gleichzeitig mit ihm gefangen genommene Herzog Johann von Bourbon ist 1434 in englischer Gefangenschaft gestorben. Der ein Jahrhundert früher ebenfalls von den Engländern gefangene Konnetabel Graf von En und Guianes hatte sich bei König Eduard so beliebt gemacht, daß dieser sein Lösegeld auf 60.000 Goldtaler reduzierte und ihm gestattete, nach Frankreich zu gehen, um das Geld zusammenzubringen. Kaum dort eingetroffen, wurde er auf Befehl des Königs Johann ohne jedes Verhör und Gerichtsverfahren hingerichtet. Man weiß nicht, warum, sagt der Chronist. Aber vielleicht hat der König von Frankreich seinem englischen Kollegen das Lösegeld nicht gegönnt. Es ließen sich noch viele Beispiele solcher Geschichten anführen, aber es mag genügen, die zusammenfassende Bemerkung d'Avenels anzuführen: Im Mittelalter war der Krieg bas einzige Mittel, sich zu bereichern. Es war ein Hazardspiel, bei dem man sein Leben einsetzte, aber ungeheuer viel gewinnen konnte. Aber nicht das Leben allein genügte immer als Einsatz, man brauchte ja auch bares Geld, um sich und seine Leute auszurüsten und zu verproviantieren, Pferde und Waffen einzukaufen. In solcher Verlegenheit befand sich einmal der große Nationalheld Spaniens, der vielgerühmte und vielbesungene Cid Ruh Diaz de Vibar. Vom Könige verbannt, wollte er einen Kriegs- und Raubzug gegen die Mauren unternehmen, aber es fehlte ihm an Geld zur Ausrüstung. Da handelte er nach dem polnischen Sprichwort: Kiedy bieda to do zyda (In der Not geht man zum Juden). Ein moderner russischer Tschinownik hätte vielleicht einen Pogrom veranstaltet, um das nötige Kleingeld zu bekommen, aber der Spanier des elften Jahrhunderts war doch zivilisierter als ein orthodoxer treuer Diener des Zar Nikolaus. Er beschloß, 2000 Goldstücke bei Juden zu borgen gegen Pfand. Er hatte aber nichts zu versetzen oder wollte die Juwelen seiner Töchter nicht verpfänden. Da ließ er denn zwei große Kisten mit Sand füllen und sie wohl verschließen und versiegeln; dann ließ er zwei Juden einladen, nahm sie mit großer Höflichkeit auf, wie es ja die noblen Christen gewöhnlich tun, wenn sie das Geld des Juden brauchen, und gab ihnen die zwei Kisten als Pfand für das Darlehen, indem er den Juden versicherte, daß sie ganz mit Silbergeräten gefüllt seien. Doch zeigte er ihnen selbstverständlich den Inhalt nicht und ließ sich von ihnen das Versprechen geben, die Kisten erst zu öffnen, wenn sie nach Ablauf eines Jahres keine Bezahlung erhalten würden. Die „Beschnittenen", voll Vertrauen auf das Wort des christlichen Helden, zahlten ihm die 2000 Goldstücke und ließen die mit Sand gefüllten Kisten in ihr Haus bringen, wo sie sorgfältig aufbewahrt wurden. Selbst der spanische Dichter findet es für nötig, die „schlechte Tat" seines Helden mit dessen Not zu entschuldigen. Indessen, der Cid hatte Glück auf seinem Kriegszug. machte viele Beute und löste bei seiner Rückkehr die uneröffneten Kisten bei den Juden ein. Von Zinsen wird nichts gesagt und es scheint, sie haben das Geld nur aus Gefälligkeit geliehen. Der Dichter läßt aber auch den Cid sagen, er habe die Juden nicht getäuscht. „Denn mein Wort war in den Kisten, Und mein Wort ist gutes Geld." Wir aber fragen: Was wäre geschehen, wenn der christliche Held von den Ungläubigen besiegt worden wäre? Dann hätten die Juden, die seinem Worte trauten, die Zeche bezahlt und die spanischen Antisemiten sie noch ausgelacht. Uebrigens glaube ich, daß ein moderner Gerichtshof den Helden, wenn der das Geld nicht hätte zurückzahlen können, wohl wegen Betruges verurteilt hätte. Von einem andern spanischen Heerführer, dem berühmten Gran Capitano Gonfalvo de Cordova wird erzählt,