Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 34 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 594 Dr. Zölocv s Mscvensebrltt. Sir. 34 m Geschäfte machen. Wenn er aber durch weise Nachgiebigkeit einen Bruch mit Ungarn verhindert, so veranstalten sie Demonstrationen. Mit Pomp empfangen sie ausländische Gäste, um sich überall beliebt zu machen, aber die armen Obdachlosen lassen sie im harten Winter einfach erfrieren. Mit den Ochsenziemern der Viehtreiber von St. Marx haben sie ihren politischen Besitzstand erobert und sie verteidigen ihn mit den Wahlzetteln von Toten. Die Deutschnationalen nennen sie Vaterlandsverräter, aber bei den Wahlen schließen sie mit ihnen Kompromisse. Es ist ein alter Satz, den die Christlich-Sozialen als ihr Motto brutal verfolgen, ein Satz, der in den Ohren der Bevölkerung früher einmal einen grellen Klang hatte, aber nun seinen begründeten Schrecken verloren hat, es ist das alte Wort: der Zweck heiligt die Mittel. Man muß tatsächlich dem Gesindel augehören, um dieser Partei aktiv mitzutun. Es ist auch überall so. einer den letzten Rest seiner Prinzipien verloren hat, wo er statt mit Liebe zur Freiheit und seiner Nation nur mehr erfüllt ist von skrupellosem Egoismus, wo immer jemand wegen seiner Unfähigkeit und seines schlechten Leumunds keine andere Zukunft mehr hat, geht er hin und wird ein Christlich-Sozialer. Wenn er nur genug impertinent schreien und genug unverfroren lügen kann, wird für ihn der Antisemitismus zur politischen Himmelsleiter, die bis in die erste Rangsklasse hiuaufführt. In der Bukowina ist die Gründung der christlichsozialen Partei durch Leute erfolgt, die der Abgeordnete Ritter v. Wassilko in offener Parlamentssitzung genügend scharf beleuchtet hat, um jede weitere Charakterisierung der Charakterlosigkeit unnötig zu machen. Und solche Schnapphähue, solche Ritter von der traurigen moralischen Gestalt wagen es jetzt, wie es chre Wiener Vorläufer getan haben, sich auf die Korruptionsjäger hinauszuspielen! Sie sollten vorerst bei sich selber anfangen, diese Mistkäfer, dann würden sie wohl schwerlich Zeit finden, bis zu uns Juden zu kommen. Es ist eine freche Anmaßung von solch minderwertigen Individuen, sich über die Juden stellen zu wollen, um sie zu beherrschen. Sie werden aber auch in der Bukowina damit durchaus kein solches Glück haben, wie ihre illustren Vorverleumden. Nur vor einer Art der Taktik möchten wir die führenden jüdischen Politiker warnen. Sie mögen nur immerhin mit allen möglichen Volksstämmeu des Landes im besten Einvernehmen leben. Den Kampf gegen den Antisemitismus mögen sie aber niemals nach liberalem Muster mehr oder minder gnädigen christlichen Freunden überlassen, die ihn immer lässig führen und immer verlieren. Die Juden der Bukowina haben durch ihre Zahl, durch ihren volkswirtschaftlichen Wert, durch ihre moralische Höhe genügende Kraft, um mit ihren neuen Feinden fertig zu werden, und wenn sie sich nur zur Entschlossenheit entschließen, werden sie bald, in ihrem Gebiete wenigstens, den Erfolg der Reichspartei ins Reich der Fabel verweisen. bilder in Wien. In der Reichshauptstadt sind die Juden - berücksichtigen, daß derartige Vergehen bei Handelsleuten ganz einfach der physischen Masse unterlegen. Wenn sich einerl f überhaupt häufiger Vorkommen als bei anderen Ständen, von ihnen oder von den Freisinnigen in christlichsoziale Ver-H Ein Bauer, ein Staatsbeamter, ein Geistlicher kommt seltener sammlungen hineingetraut hat, so ist er nicht den Argumentenin die Versuchung, einen Betrug oder Unterschleif, ein ander Koutraredner unterlegen, sondern denen der Ochsenknechte. ehrliches Konkurrenzmanöver zu begehen als ein Kaufmann Für die Juden der Bukowina aber steht die Sache bedeutend.^ oder Bankbeamter. Die Juden hat man aber Jahrhunderte günstiger. Dort genügt ihre Zahl, um dem Terrorismus^ lang auf den Handel beschränkt, sie durch besondere Be Ermerbsucht und Ehrlichkeit kei Juden und Christen. Es ist eine bei den europäischen Christen, nicht bloß bei den Antisemiten, weit verbreitete Ansicht, daß sie in Erwerbsaugelegenheiten und Geldsachen ehrlicher, uneigennütziger und nobler als die Juden sind. Wenn ein Jude eine besondere Ehrlichkeit oder Uueigennützigkeit beweisende Handlung begeht, kann man oft von sonst nicht judenfeindlichen Christen hören: er hat christlich gehandelt, er verdient ein Christ zu sein. Es wirkt ein solches eigentümliches Lob um so verletzender, als die christliche Religion fast alle Vorschriften über Ehrlichkeit und Redlichkeit in Handel und Wandel aus dem Alten Testament geschöpft hat. Und es würde der christlichen Moral nicht schaden, wenn sie noch manches aus dem Talmud und späteren jüdischen Schriften sich aneignen möchte. Aber, wird man uns vielleicht einwenden, es handelt sich nicht um Lehren und religiöse Vorschriften, sondern um das Handeln, nicht um Theorie, sondern um Praxis. Und da dürfen wir antworten: Wir können den Vergleich auch auf diesem Felde bestehen. Selbst wenn die Kriminalstatistik einen größeren Anteil der Juden an gewissen Eigentumsdelikten als ihnen im Verhältnis zu ihrer Zahl zukommt, ausweisen sollte, wäre zu um Terrorismus gegenüberzustellen und frechen Beleidigern zu zeigen, daß sie sich nicht in der Majorität befinden, sondern sich auf das gesetzliche und gesellschaftliche Maß bescheiden müssen, wenn sie nicht böse Erfahrungen machen sollen. In dem neuerdings vom Antisemitismus bedrohten Lande, wo die Onciuls und Genossen sich ihr gebrochenes politisches Rückgrat durch den Judenhaß wieder heilen lassen wollen, können aber auch die Behörden über die Juden nicht so einfach zur Tagesordnung übergehen wie anderswo. Denn letztere sind in allen Berufen so stark vertreten, haben steueruug und gelegentliche Ausplünderung oder Konfiskation gezwungen, ihren Scharfsinn anzustrengen, alle möglichen Mittel anzuwenden, um aus ihrem Kapital den größten l Nutzen zu ziehen. Noch jetzt ist ihnen in manchen Ländern der Erwerb von Grund und Boden nicht gestattet, die Beamtenlaufbahn versperrt oder erschwert und es finden sich sogar sogenannte Volksvertreter, die ihnen den Zugang zu den mittleren und höheren Schulen verwehren wollen. ' Uebrigens hat kein Stand das Monopol der Ehrlichkeit. Ich habe schon von christlichen Geistlichen gelesen, die wegen einen so starken Anteil am Wirtschaftsleben, daß ihre Zurück- 7 Betruges oder Unterschleifes verurteilt worden sind; ähnliches dränguvg dem Laude schweren materiellen Schaden zufügen von Rabbinern gehört oder gelesen zu haben, kann ich mich müßte. ’v freilich nicht erinnern. Solche Vorteile müssen die Juden iu der Bukowina ausnützen, und zwar mit der größten Schnelligkeit und Energie. Nur nicht den Anfängen schläfrig und schlchip gegenüberstehen! Die Juden in der Bukowina haben nicht das durch lange Schlachzizenwirtschaft erzeugte unterwürfige Hörigkeitsgefühl der meisten galizischen Juden. Sie fühlen sich stolz und frei in dem Bewußtsein, durch ehrliche, angestrengte Arbeit das Ihrige zur Blüte des Landes beigetragen zu haben, und sie werden es gewiß nicht dulden, daß ein paar hergelaufene Strolche kommen, einen künstlichen Antisemitismus erzeugen und die jüdische Ehre und Arbeit Doch damit bin ich von dem Gebiete der Theorie auf das der Praxis gelangt, und da bitte ich den Leser, mich eine Strecke zu begleiten; er wird da sehen, wie es um die christliche Ehrlichkeit in Geldsachen und Uneigennützigkeit bestellt ist. Und dies nicht bloß bei den Armen, bei den von der Not Bedrückten, sondern bei den Vornehmsten und Angesehensten der Nationen. Wen stellt man sich edeldenkender,' in Geldsachen nobler und uneigennütziger vor, als die hoch über das Volk an Ansehen und Einfluß emporragenden Adeligen, die Grafen, Barone und Ritter! Gilt doch das Wort ritterlich für