Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 83 m Llsev s Moedenscdnn. Gelte 589 allenfalls bezweifle! Mein ganzes Berufsleben soll nichts anderes als eine lange Kette von Heucheleien sein? Nein, dazu bin ich zu ehrlich und ich trat aus dem Seminar. Doch Sie wollten ja über unsere Gemeinde informiert werden. Unsere Gemeinde ist alt, ihr Bestehen zählt nach Jahrhunderten. Einst war sie das jüdische Emporium der ganzen Umgebung, zahlreiche Filialen erhöhten mit ihren Steuerbeiträgen die Leistungsfähigkeit der Gemeinde, welche ihre Institutionen, das Rabbinat und die Schule, reichlich dotieren konnte. Da aber kamen die leidigen Zerwürfnisse im Judentume, die es in drei bis vier Teile zerstückelten. Wir blieben, was wir waren, schlossen uns weder den einen noch den anderen an; die Filialen aber, welche das lästige Joch der Zugehörigkeit und Tributpflichtigkeit abschütteln wollten, hißten die orthodoxe Flagge auf und konstituierten sich als selbständige autorisierte orthodoxe Gemeinden, und so find wir nun auf uns allein angewiesen. Auch unsere Gemeinde besteht, wie fast überall, aus heterogenen Elementen. Die jüngere Generation, die Aerzte, die Advokaten, die Wohlhabenderen, also die Maßgebenden, find durchwegs fortschrittlich gesinnt, das sogenannte „Volk" aber hat orthodoxe Anwandlungen und wir müssen immer die Augen offen haben, daß nicht einzelne Krakehter, deren es, wie überall, auch bei uns gibt, die Gemeinde teilen sollen. Ueber einzelne Personen spreche ich mich nicht aus, Sie werden sich Ihr eigenes Urteil über sie bilden. Und nur noch das Eine. Die Kost können Sie mit gutem Gewiffen im Gasthause nehmen, wo Sie abgestiegen find. Ich würde Sie gerne zu mir laden, denn mein Haus ist koscher, meine fromme Tochter würde sonst bei mir nicht effen; aber vielleicht würde doch mancher daran Anstoß finden." Dr. Seemann empfahl sich und ging ins Gasthaus. Kaum ins Zimmer getreten, stellte sich ein Besuch ein. Es war ein kleines, bewegliches Männchen mit rotem Bart und kleinen blitzenden Augen. Seine Kleider trugen die Spuren besserer Zeiten an sich, die wohl längst vorüber waren. „Herr Doktor! Ich habe die Ehre, Sie bei uns zu begrüßen. Ich heiße David Spitzer und habe hier eine Agentur. Ich vermittle alles und wenn fichs trifft, besorge ich auch die Geschäfte des lieben Gottes." „Inwiefern?" „Nun Sie wissen ja, Herr Rabbiner, was der Talmud sagt, daß der liebe Gott, seitdem er die Welt geschaffen und nichts anderes zu tun hat, junge Leute miteinander paart und da bin ich der Bote Gottes, der seine Beschlüffe vollführt." „Hoffentlich kommen Sie nicht als solch ein Gottesbote zu mir." „Nun, was nicht ist, kann ja noch werden. Erst muß Ihre Ehe mit der Gemeinde geschlossen werden, und dazu biete ich Ihnen meine Dienste an. Herr Doktor find hier fremd, Sie werden die Leute so sehen, wie Sie sich Ihnen zeigen — in den Sabbathkleidern. Ich will Sie Ihnen aber in den Wochenkleidern vorführen, damit Sie klarer sehen." „Und wäre es nicht besser, wenn ich die Menschen — in den Sabbatkleidern sehen würde und nicht in dem Schmutze, den Sie mir, wie ich merke, zeigen wollen?" „Nein, Herr Doktor! Sie müffen die Menschen nach ihrer Individualität zu behandeln wiffen, und da müffen Sie sie doch kennen. Den Präses, Dr. Schwas, kennen Sie. Er ist ein kluger, höchst intelligenter Mensch, der es mit der Gemeinde ehrlich meint, aber dennoch es nur seiner Beliebtheit in christlichen Kreisen verdankt, daß er seit einer Reihe von Jahren an der Spitze der Gemeinde steht, denn er hat einen starken Rivalen, der den Ehrgeiz hat, um jeden Preis Gemeindepräses zu werden, und vor keinem Mittel zurückschreckt, um dieses Ziel zu erreichen, obschon er weder in geistiger noch moralischer Beziehung dazu qualifiziert ist. Ignaz Steiger — so heißt der Mann — ist ein Ignorant und hat vor zwanzig Jahren wegen Betrug eine Gefängnisstrafe abgebüßt, aber er hat sich ein Vermögen erworben — auf welche Weise? — wer fragt danach? und Geld ist Macht. In schlauer Weise fraternisiert er mit der ärmeren Klaffe, macht ihnen kleine Anlehen und hat sich in den unteren Schichten einen Anhang zu verschaffen gewußt. Viele schließen sich ihm aus Furcht an, denn er ist ein gefährlicher, rachsüchtiger Mensch. Bei der jüngsten Vorstandswahl, die mittelst Stimmzettel vorgenommen wird, ging er von Haus zu Haus, um seine Liste durchzubringen. Wo es anging, kaufte er die Stimmen, wo man darauf nicht einging, terrorisierte er: „Wiffen Sie, daß Ihr Sohn heuer zur Stellung kommt und Sie reklamieren wollen? Da werde ich auch dabei sein". Um sein Ziel zu erreichen, legt er dem Wirken des Präses Hinderniffe in den Weg, um ihm seine Stelle zu verleiden, auf daß er freiwillig darauf verzichte, dann ist die Bahn frei. Da er weiß, daß der Vorstand fortschrittlich gesinnt sei, macht er in Orthodoxie, obschon ihm nichts heilig ist. Der Mann ist gefährlich, den müffen Sie, wenn möglich, zu gewinnen suchen. Der Vizepräses ist ein simpler Mensch, der nie eine eigene Ansicht hat oder wenigstens sie nicht äußert, denn er will es mit niemandem verderben. Er ist ausnehmend freundlich und zuvorkommend gegen jedermann — also schaden, aber auch nützen wird Ihnen der Mann nicht. Dann haben wir Vorstandsmitglieder, die ich Ihnen später nennen werde, welche bei der Renovierung des Tempels gute Geschäfte machten. Sie übernahmen die Anschaffungen, akkordierten mit dem Baumeister, dem Tischler, dem Maler und anderen Handwerkern und sackten schöne Provisionen ein. Sie ließen ihre Zimmer von denselben Malern malen, schafften sich bei demselben Tischler neue, moderne Möbel an, kurz, nützten die Situation aus. „Glauben Sie aber ja nicht," setzte der redselige Spitzer hinzu, „daß ich etwa unsere Gemeinde herabsetzen und schmähen will. Ich werde Ihnen eine Lichtgestalt vorführen, die ihren Glanz auf die ganze Gemeinde wirft. Es ist das der Arzt Eduard P o l l a k, der in der ganzen Stadt sich unbegrenzter Hochachtung erfteut, und zwar wegen seiner beispiellosen Menschenliebe, die er aller Welt gegenüber betätigt und die er als den einzigen Lebenszweck des Menschen betrachtet. Er ist der meistbeschäftigte Arzt in der Stadt, er allein hat mehr Kranke als alle andern Aerzte zusammen und ist dabei blutarm. Wer nicht gut bemittelt ist, von dem nimmt er kein Honorar an, oder er gibt ihm die Hälfte zurück — er hat Mitleid mit ihm. Kommt ein Lehrer oder sonst ein armer Beamter, der keine Möbel hat, ist es seine Sorge, ihnen solche zu verschaffen, er hilft ihnen mit den seinigen aus, so weit es geht, oder er bettelt bei anderen, hier einen Tisch, dort ein Bett, einen Seffel, bis das Nötigste beisammen ist. Ich langweile Sie vielleicht, Herr Doktor! aber es ist mir eine Herzensfreude, von dem Manne zu reden." „Ich bitte nur fortzufahren, ich höre dergleichen gern, viel lieber als das, was Sie mir von den anderen mitzuteilen für nötig fanden." „Voriges Jahr kam eine arme Witwe zu ihm und bat ihn um ein Darlehen von zweihundert Gulden zur Gründung eines Geschäftes mit dem Versprechen, allwöchentlich ihm einen Gulden abzuzahlen. Da er den ganzen Betrag nicht besaß, machte er selber ein Anlehen; die Wüwe aber zahlte nicht länger als — drei Wochen. . Zur selben Zeit aber kam ein anderer um ein Anlehen. Er aber hatte kein anderes Geld als — zwanzig Dukaten in Gold, die er sich weggelegt hatte. Der Mann nahm auch Gold, aber der arme Doktor wird nicht einmal Kupfer dafür sehen. Dr. Pollak äußert nie ein abfälliges Urteil über jemand, an sich selber aber übt er die strengste Kritik. Als Beleg folgendes, was Ihnen von deffen Pflichttreue als Arzt ein Bild bieten wird.