Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 688 Vr. Llocb's MsedenscvrLN. Ar. 33 Klattau. An der hiesigen israelitischen, mit dem Oeffentlichkeitsxechte verscheven Volksschule beginnt das neue Schuljahr am 1. September. An der Anstalt wirken gegenwärtig fünf Lehrkräfte. Den Turnunterricht erteilt Herr L. VelkoborskF, der vom k. k. Bezirksschulräte als Turnlehrer bereits bestätigt wiuLe. Dem Unterrichte in der zweiten Landessprache wird ganz besondere Pflege zuteil. Die Lehrmittelsammlung, sowie die Schülerbibliothek wurden im verfloflenen Jahre sehr bereichert. Behufs Unterbringung von Kostzöglingen wende man sich vertrauensvoll an den Kultusvorstand oder an die Schulleitung in Klattau. Berlin. Um der großen Not zu steuern, in der sich die 4000 durch den furchtbaren Brand in der russischen Stadt Teffchi obdachlos Gewordenen befinden, hat der Hilfsverein der Deutschen Juden gemeinsam mit dem „Frankfurter Komitee für die o st e u r o p äi s ch e n Juden" 5000 Mark zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig hat der Hilfsvereiu in Verbindung mit der Großloge für Deutschland eine weitere Hilfsaktion eingeleitet. Berlin. Aus dem Deutschen Bureau der „Alliance Israelite Universelle“ erhalten wir folgende Mitteilung: Die „Alliance Israelite Universelle“ hat für die Feuerbeschädigten in Tellchi (Gouvernement Kowno) eine Unterstützung von 5000 Francs bewilligt. Karlsruhe. Herr Rechtsanwalt Dr. Leopold Friedberg, Sohn des verstorbenen Präsidenten der Synode Herrn Dr. Friedberg, ist zum Gehilfen des Herrn Geheimrates Doktor Mayer bei der Führung der Oberrats-Geschäfte ernannt worden. Bukarest. Unser alter Gesinnungsgenosse Dr. Lippe wird in „Virchows Jahresbericht der gesamten Medizin" auf den Seiten 430—436 von Professor Pagel als Arzt und Gelehrter gewürdigt. Auch verehrte ihm die rumänische Kolonie in New-Iork wegen seiner Verdienste um dieselbe jüngst ein Bild. Paris. (Ernennungen in Frankreich.) Der Sektiouschef im französischen Staatsrate, Herr Camille Lyon, und der erste Privatsekretär des Justizministers, Herr Gruenbaum-Ballin, wurden zu Mitgliedern der Kommission zur Reorganisierung der Kanzlei der Ehrenlegion ernannt. Rabbi Donato Levi. Vorige Woche starb in Genua Rabbi Donato Levi im Alter von 72 Jahren. Im Jahre 1858 wurde er zum Koadjutor des Oberrabbiners Finzi erwählt, welchen Posten er bis 1695, zu welcher Zeit er zum Rabbiner von Genua gewählt wurde, iuuehatte. Feuilleton. Eine Kabdmerrvahl. Ein Kulturbild der Gegenwart von Dr. Armin Schnitzer, Oberrabbiner in Komarom.) II. Kapitel. Während Mutter und Tochter ihre Ansichten über Doktor Seemann austauschten, hatten die Herren es sich bequem gemacht, Zigarren angebrannt und plauderten. „Hatten Sie eine angenehme Reise?" fragte der Präses. „Auf der Bahn allerdings; aber dieser vorsintflutliche Wagen, der mich ganz zerrüttelte, und die altersschwachen Klepper, die nicht vom Fleck kommen wollten, brachten mich zur Verzweiflung. Ich kann nicht umhin, meinem Staunen darüber Ausdruck zu geben, daß man gerade dieses Fuhrwerk mir entgegengeschickt hat. Wollte man vielleicht meine Geduld auf die Probe stellen?" Nun, das werde ich Ihnen mit einem einzigen Worte erklären. Er ist ein „Hiesige r“; der Großvater des Fuhrwerksbefitzers schon war ein „Hiesiger" und das fällt hier gar schwer in die Wage. Wir alle, die wir das Glück nicht hatten, hier geboren zu werden, find nur „Hergelaufene", ein „Hiesiger" sein, das ist ein Rechtstitel in unserer Gemeinde. „Jenes alte Weib, das so inbrünstig zu Gott gebetet hatte: Du, guter Gott, du hilfst jedem Fremden und erbarmst dich seiner, und ich bin ein hiesiges Kind, wirst du mir doch gewiß helfen — dieses Weib, das diesen Rechtstitel selbst vor Gott geltend zu machen suchte — war gewiß in P. geboren." „Sehen Sie, Herr Doktor! wir haben hier einen Gemeindediener, der zu nichts anderem taugt, als im Tempel den Dienst zu versehen. Er kann weder ungarisch noch deutsch schreiben und wurde einzig und allein aus dem Grunde gewählt, weil er ein „Hiesiger" ist. In anderen Gemeinden ist ein Schames ein intelligenter Mensch, der befähigt ist, zu schlachten und mindestens an Wochentagen vorzubeten, demnach im gegebenen Falle einen anderen Funktionär zu vertreten, bei uns ist es ein „Hiesiger" — das ist sein Verdienst. Sie wissen nun, lieber Herr Doktor! warum dieser „Hiesige" von irgend einem Mitgliede des Vorstandes Ihnen entgegengeschickt wurde. Nur E i n Hiesiger ist es, dem der Umstand, daß er hier geboren wurde, von Nachteil sein dürfte. Es ist das der Sohn des gottseligen Rabbiners, Gustav Weber. Wenn auch dessen religiöse Richtung mir nicht entspricht, so muß ich doch zugeben, daß er ein tüchtiger Mensch sei, der viel gelernt hat und wohl auch Karriere machen wird; aber hier, wo man ihn von Kindesbeinen an kennt, und die jungen Leute, seine Altersgenoffen, ihn duzen, ist seine Anstellung fast ausgeschlossen." „Ich bitte, Herr Präses! wollten Sie nicht die Gewogenheit haben, mich über die Verhältnisse und die Parteiungen der Gemeinde zu informieren, da ich dieselben so gar nicht kenne." „Mit Vergnügen. Umsomehr will ich Ihnen mit jedem Aufschluß dienen, als ich eigentlich so ein halber Kollege von Ihnen bin." „Wie soll ich das verstehen?" „Nun, ich war auch Hörer des Seminars, aus dem ich aber ein Jahr nach abgelegter Matura ausgetreten bin, um mich an der juridischen Fakultät inskribieren zu lassen." „Und was hat Sie, wenn ich fragen darf, veranlaßt, auszutreten?" „Auch das will ich Ihnen offen und aufrichtig sagen. Als Kind wahrhaft frommer Eltern, wurde ich streng religiös erzogen. Mein Vater schickte mich im Alter von vierzehn Jahren nach Preßburg in die Jeschiba, und obschon ich dort im Geheimen Latein studierte, weil ich die Notwendigkeit einsah, mir auch profanes Wissen anzueignen, so habe ich doch ebenso streng religiös gelebt wie im Elternhause. Dasselbe war auch während meiner Studienzeit im Seminar der Fall, obschon ich gar oft Gelegenheit zu religiösen Ausschreitungen hatte und gar manche Versuchung auch von Seiten der Kollegen an mich herangetreten war. Da hörte ich — Bibelkritik vortragen, hörte hervorragende, gelehrte Männer mit Namen von vollem, hellem Klange, absolvierte Rabbiner, die ich v.rehrte und hochachtete, tradieren, daß der eine Teil der Thora viele hundert Jahre vor, ein anderer Teil viele hundert Jahre nach Moses ge' schrieben wurde. Da ward ich in meinem Glauben irre, ich fühlte den Boden unter mir wanken, und wenn ich auch die religiösen Observanzen noch beobachtete, so war es doch nur nnvbv d'imk matö ein eingeübtes, gewohntes Menschengebot, das ich beobachtete. Ich gebe wohl zu, daß vielleicht der größte Teil der Hörer diese Behauptungen als eine bloße Hypothese, als eine philosophische Theorie hinnimmt, welche durch eine andere Theorie widerlegt wird und demnach in seinen religiösen Ueberzeugungen gar nicht irritiert wird, auf mich aber übten diese Vorträge eine gar mächtige Wirkung und ich sagte mir: Wie? Ich soll mich nun hinstellen, andern die Thora als ein Gottesbuch zu lehren, deren Heiligkeit, wenn ich sie auch nicht entschieden leugne, doch