Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seett 584 Dr. Llocb s Mocdenscvrm. Nr. 33 während die Quellen ihr eintöniges Murmeln hören lassen, sollen sie gehört werden, die uralten Lamentationen des Propheten über die Zerstörung des Tempels, die Vernichtung des Nationalheiligtums, über die Verbannung der Kinder Judas, die in die feindliche Fremde, in das grausame „Galuth" ziehen mußten, „wegen der Sünden der falschen Propheten, der Vergehungen der Priester" .... Der alte Schmerz, er verstummt auch hier nicht an diesem Orte des Lebens, der Heilung und Genesung spendet. Ein wehmütiger Ernst ist über die bleichen Wangen gebreitet. Man bereitet sich zum Gebete vor. ... Im tannengeschmückten Garten der jüdischen Restauration versammeln sich die Beter, aber es scheint die Zeit des Gebetes noch nicht gekommen zu sein. , . . Noch find die Sterne nicht sichtbar geworden... Es ist noch Zeit. ... Debatte. Im Garten bilden sich die traditionellen „Rändel" Man diskutiert und disputiert. Eifrig wird „gethorezt". — .Hier erklärt ein Geschäftsmann aus Tomaschow (liegt auch „Nach Marsche") einen schwierigen Bibelvers, als wäre er selbst der „Raw aus Kolo". Dieser Raw von Kolo — der Ort liegt bei dem geschichtlich bekannten Kalisch — hat hier einen Aufruhr angestiftet, der nahezu zu einem Streik führte. Zu einem Streik der Esser nämlich. Er hat gefunden, daß die Schechita des galizianischen Schächters nicht ganz koscher sei, denn sein Schächtmesser weise eine „Pegimah" auf. Darob furchtbare Entrüstung bei den Galiziauern und Russen. Die Ersteren nehmen Partei für „ihren" Schochet. Dieser will sich das Recht nicht nehmen lassen, zu „schachten", denn er habe seine „Kaboleh von Gedolim unter den Rabbonim". Die Russen sprechen dem Raw von Kolo wieder die Berechtigung zu, die Schechita des Galizianers zu „assern". Und, wenn sich diese Verhältnisse nicht bessern, so werden sie, nach ihrer Versicherung, einen Eßftreik veranstalten. Jedenfalls ein ungefährlicher Streik. Muß man denn Fleisch essen? Mhren wir uns redlich und rechtlich von Eiern, Butter und Milch. Leicht sind diese Russen zum alleinseligmachenden Vegetarianismus bekehrt und der Raw von Kolo hat seinen herrlichen Sieg über alle Schächter Galiziens und Umgebung davongetragev. . . . Noch toben die Wogen des Kampfes, die Wurfspeere talmudischer Pilpulistik schwirren durch die duftigen Lüfte, da mahnt ein ernster Heroldsruf daran, daß es . Zeit sei für die „Aichoth". Aber meine Galizianer und Russen haben noch lange Zeit. Im Westen zeigt sich das Mondesviertel. Rot, blutigrot steigt es auf. Es wird empfindlich kühl zwischen den Tannen und Fichten. Doch die Gemüter erhitzen sich. Die wichtige Schechitafrage läßt sie nicht los. „Und da sollen die Leut' nicht nervös werden", ruft ein Rzeszower im langen Kaftan aus. Dies soll natürlich ein guter Witz sein, um die Kämpfer zu besänftigen, die hitzigen Worte abzukühlen. Ein Mann aus Akxandrowo (liegt nahe. bei Thorn) Uäßt sich nun vernehmen: „Jetzt verstehe ich, daß unsere Chachochim gesagt haben: Wegen des „Eissek" (Essek, Zank) unter den jüdischen Parteien ist der „Chorben" gekommen. So kommt denn, damit wir den Chorden beklagen. ..." Die Leute passen auf. Der Raw von Kolo wird bei Seite geschoben. Der ist nicht zu uns auf die Höhe gekommen. In seinem Stübchen hat er ein Minjan versammelt und klagt sich für seine Person in den „Aichoth" aus. Er treibt Separatiouspolitik. . . . Die Debatte hat ausgetobt, stille begaben sich Galizianer und Russen in den Restanrationssaal, wo im einfachen Schranke die Thorarolle schlummert und einsames Licht flackert. ... Die „Aichoth". Die Sessel werden umgestülpt. Es sind recht unbequeme Sitze, auf denen sich die Chassidim niederlassen. Aber die echten Chassidim setzen sich in den Staub des Fußbodens. Schwüle ist die Luft, denn die Fenster sind geschlossen. Draußen spazieren schöne Damen, mit Brillanten in den Ohren und an den Händen. Töchter Judas lassen sich im Kursaale zum Tanze aufspielen und walzen nach den neuesten Weisen von Oskar Straus und Leo Fall. Ich glaube, das sind auch Juden. . . Und hier in der dumpfigen Stube jammern und weinen Beter mit den alten Schmerzensworten des Jeremias: „Ich bin der Mann, der den Stab des Elends verspürte . . ." Man glaubt es diesen bärtigen Männern, daß ihre Leidensworte echte, unverfälschte, jüdische Worte seien. Da sitzt ein ärmlich, mit schäbigem Kaftan bekleideter Mann auf der Erde. Er stammt aus der Nähe von Bialystok. Welch furchtbare Erinnerungen verknüpfen sich mit dem Namen dieses Ortes! Welch ein moderner Chorben! . . . Ruhe tritt jetzt ein. Und schmeichelnde Walzertöne schleichen sich herüber aus dem nahen, beleuchteten Kursaale, in dem Judas Töchter und Frauen tanzen am Abende des Tischah-be-Ab. Aichoth und Tanzen — welche Gegensätze. Immer voller und blutiger steigt der Mond empor. Verheißt er einen stürmischen oder schwülen Tag. . .? Und jetzt kommt es wieder aus dem Munde des Schochets, der ist der „Aichoth"-Rezitator: „Führe uns zurück, Herr, zu Dir und wir wollen zurückkehren, erneuern unsere Tage, wie ehemals." Wie ein wilder Hoffnungsschrei ertönt es im Chorus der Singenden, Betenden, Jammernden. „Haschiweinu.“ Ich hätte gewünscht, daß unsere Zionisten diesen Schrei gehört und sie würden den Zionismus dieser Leute begriffen haben. Diese „Kaftaniden" sitzen noch immer auf den Trümmern Jerusalems, für sie gibt es keine Gegenwart, sie schwelgen noch immer im Glanze vergangener Tage» sie umdunkelt die Finsternis des Goluth, aber hoffnungsreich leuchtet ihnen die Morgenröte der Zukunft, in der es keine Chorbans und keine Pogroms geben wird. Darum leuchtet es in ihren fahlen Gesichtern und sie lächeln mitten unter strömenden Tränen. Das muß man gesehen haben und wird begreifen, warum diese Männer über die Reden junger Leute lächelnd hinweggehen, die ihnen Zion mit all seiner Herrlichkeit vorzaubern. Das hat Jehuda Halevi besser gesagt und Rabbi Meir von Rothenburg hat es ihm nachgesprochen und Eleasar birabbi Kalir hat die ewige Klage und unendliche Hoffnung in Worte gekleidet. Aber, was sie Alle gesungen und gesagt, gedichtet und gedacht, das liegt verborgen in der unendlichen Melodie des Wortes „Haschiweinu“. A m Morgen. Die „Aichoth" sind verstummt, auch die Töchter Judas haben zu tanzen aufgehört. Pechschwarze Nacht breitet sich über Hügel, Täler, Berge, Wiesen und Felder. Die Menschen ruhen aus vom Leide, ruhen aus von der Luft. . . Auch die Nacht geht vorüber. Herrlich steigt die Sonne auf, ihr mildes Morgenlicht über die lachende Landschaft breitend. Der Mensch geht aus zu seiner Arbeit bis zum Abende. Schon mühen sich die Schnitter auf den Feldern, die der Herr gesegnet. Denn später, als in der Ebene, reift hier das Getreide. Blöckend ziehen die Heerden auf die Weide, die süßen Duft ausströmt. Ueberall wird's lebendig. Und so steigen wir denn gekräftigt empor zu dem Hügel, auf dem sich unser improvisiertes Bethaus befindet. Wir wollen der,,Aichoth" die „Kinoth" folgen lassen. Die Klage ist eine gedämpftere, sie ist nicht mehr so düster wie am Abende. „Arse Lebanon" erklingts. Ja, den Zedern des Lebanon gleichen die Helden-Märtyrer, die sich haben schinden, köpfen, verbrennen lassen für die Heiligung des göttlichen Namens. Es hebt sich die Brust, es leuchtet das Auge, wenn wir in der Geschichte Israels lesen „von großen Männern". Kein Plutarch, kein Josephus kann in gleicher Weise schildern, wie der Anonymus, der die Kinah gesungen von Israels Heroengestalten. . . . Wenn wir derer gedenken, dann erfüllt Trost unser Gemüt. . . . Und, nicht jammernd, nein jubelnd, singen wir Halevis ewige Zionide. Zion fragt noch immer nach dem