Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 33 L)r. Vlocd's Miocvenscdrin. Gerte 583 Nach Kanada find die Juden viel später gekommen als in die Vereinigten Staaten. Der erste Jude Ahron Hart war ein englischer Beamter und kam mit der sieghaften englischen Armee nach Kanada. Mit ihm zusammen kamen noch einige Juden und nachdem diese sich ständig in Kanada niedergelassen hatten, begann dann allmählich eine jüdische Einwanderung nach Kanada. Die ersten jüdischen Einwanderer waren gleich wie in Amerika spanische und portugiesische Juden, die mit Anglosachsen in die Neue Welt gekommen sind. Das Judentum hat in den katholisch-romanischen Ländern sich niemals ruhig entwickeln können, in den spanischen und französischen Kolonien war ihnen auch nie volle Ruhe gegönnt. Viel besser erging und ergeht es ihnen dort, wo sie unter englischer Obermacht stehen. Die Juden von Kanada hatten viel zu leiden, ehe ihnen die Gleichberechtigung gewährt wurde. Im Jahre 1807 wurde der Sohn des ersten jüdischen Einwanderers Hart in die Legislatur gewählt. Daraus entstand ein heftiger Streit darüber, ob ein Jude das Recht habe, in der gesetzgebenden Körperschaft zu sitzen oder nicht? Das war der Ausgangspunkt zu einem langjährigen heftigen politischen Kampfe zwischen den verschiedenen Parteien, der erst im Jahre 1831 mit der vollen Gleichberechtigung der Juden endete. Kanada wird trotzdem noch lange nicht jene Anziehungskraft besitzen für die Juden, wie die Vereinigten Staaten. Zunächst deshalb nicht, weil ihm die große stark entwickelte Industrie fehlt, welche die Juden stets angezogen hat, aber auch deshalb nicht, weil dem Vvlkscharakter der Bewohner Kanadas, die durchwegs der katholischen Kirche angehören, jene breite Toleranz abgeht, die den Juden eine Gleichberechtigung in der Praxis zubilligen würde. Jüdische Analphabeten. Der ungarische Minister des Innern hat soeben seinen Entwurf zu. einem neuen Wahlgesetz fertiggestellt. Dieses Gesetz enthält unter anderem die Verfügung, daß das Wahlrecht an die Kenntnis des Lesens und Schreibens geknüpft sei und Analphabeten demnach kein Wahlrecht besitzen. Aus diesem Anlasse ließ der Minister Graf Andrassy eine Statistik der in Ungarn lebenden Analphabeten nach Konfessionen ausarbeiten. Laut dieser Statistik gibt es in Ungarn: Zusammen Analphabeten in Perzenten Römisch-katholische 8,792.287 4,181.343 47-68 Griechisch „ 1,670.662 1.450.853 84*84 Griechisch-oriental. 2,632.187 2,051.976 77*99 Augsb. Evangelische 1,203.815 343.166 28*55 Reformierte 2,225.028 816.321 36*69 Unitarier 61.644 29.617 48*04 Juden 724.733 249.123 34*37 Perzentuell hat also in Ungarn — von den Reformierten abgesehen — unter allen übrigen Konfessionen die Judenschaft die wenigsten Analphabeten. Ueberdies ist bei. dieser Statistik das Schreiben und Lesen jüdischer Buchstaben gar nicht in Betracht gezogen worden, denn die Zahl derjenigen, die nicht nur in keiner anderen Sprache, sondern auch jüdisch-deutsch nicht schreiben und lesen können, wird sicherlich nicht die Höhe von 249.123 erreichen. Die Gerim in Rußland. Der bekannte Missionar W. Faber berichtet in seinen Mitteilungen aus seiner Weltenreise: Aus der Reiie zwischen Tiflis und Erivan kam ich nach zwanzigstündiger Fahrt auf einem kleinen russischen Postwagen an den Goktschasee. Der Weg führte aus der heißen Ebene immer höher hinauf in schneebedecktes Gebirgsland. Der wundervolle See liegt höher als irgend ein anderer Gebirgssee der Welt und ist größer als der Bodensee. Unmittelbar an diesem See, gegenüber einer kleinen Insel, auf der in einem armenischen Kloster 22 Mönche von der Welt abgeschnitten ein faules und einsames Leben führe», liegt Helenowka, das merkwürdigste Judendorf der Welt. Alle Juden, die hier wohnen, waren früher Christen. Sie haben ganz das Aussehen von russischen Bauern. Ihre Vorfahren gehörten zur rusiischen Sekte der sogenannten Subotniki, das heißt Sabbathleute, die glauben, daß die Christenheit einen Fehler begangen habe, indem sie den Sonntag feiert anstatt des Sabbaths der Juden. In alten Zeiten duldete man die Subotniki in Rußland, namentlich deshalb, weil die Frau des Zaren Iwan des Schrecklichen zu dieser Sekte gehört hatte. Vor etwa sechzig Jahren aber wurden alle Anhänger dieser Gemeinde aus dem Innern Rußlands an die persische Grenze verbannt und ihnen bei Todesstrafe verboten, in das Innere des heiligen Rußland zurückzukehren. Aeußerlich ging es den Leuten bald sehr gut. Sie find fleißige, tüchtige Bauern, aus deren Arbeit blühende Dörfer mitten unter den trägen Tartaren und Persern ihrer Umgebung erwuchsen. Ganz ohne Zusammenhang mit irgend einer der christlichen Kirchen verschwanden bei den Subotniken mehr und mehr die Einflüsse des Christentums. Vor 25 Jahren haben die Leute den letzten Schritt getan und sind vollständig zum Judentum übergegangen. Sie brauchen bei ihrem Gottesdienste nur die jüdischen Gebetbücher» die unrer den Juden Rußlands allgemein üblich sind, mit dem hebräischen Text auf der einen und der russischen Uebersetzung auf der anderen Seite. Auf das strengste halten sie alle jüdischen Feiertage. Es ist ein ganz merkwürdiger Anblick, die russischen Bauern, in den weißen Gebetmantel gehüllt, in schaukelnder Bewegung, wie sie bei den Juden üblich ist, am Sabbath in ihren kleinen Synagogen dicht gedrängt beim Gottesdienste mit genauester Einhaltung der Liturgie zu beobachten. Ohne daß man in Europa Näheres darüber gehört hätte, sind in den letzten 25 Jahren über 5000 Christen Juden geworden. „Wir sind zwar Gerim (Proselyten) und stammen nicht dem Leibe nach von Abraham, aber wir halten ebenso fest an der jüdischen Religion, wie irgend ein Jude in der ganzen Welt", ist die typische Redensart dieser Neujuden. Während noch vor zehn Jahren die Juden diese Proselyten nicht als ihresgleichen anerkennen wollten, gelten sie jetzt schon in den Augen der meisten russischen Inden als richtige Glaubensgenoffen, denn wenn Juden durch Helenowka oder das benachbarte, ebenfalls von Proselyten bewohnte Dorf Simonovka kommen, machen sie stets ihren Gottesdienst mir. Seit der letzten russischen Volkszählung sind die arischen Juden auch staatlich anerkannt worden. Tischah-be-Ab im Gebirge. (Reisebrief.) A b e n d st i m m u u g. Schwül senkt sich der Abend hernieder. Die Dämmerung ist eingetreten und die Erde beginnt zu träumen. Lautlos ragen die Tannen, zwitschernd umflattern die Schwalben den grünen Hügel, geheimnisvoll murmeln die Quellen. Es will Nacht werden. Da sieht man bärtige Gestalten einem ländlichen Gebäude zusteuern, das sonst zur leiblichen Restauration der Menschheit dient, die an unserem altberühmten Kurorte versammelt ist, um mit kaltem Wasser allerlei Leiden zu heilen, au denen, wie es scheint, unsere Volksgenossen besonders häufig kranken. Dem Einen ist der Kopf „eingenommen", wie er sich drastisch ausdrückt, dem Anderen fehlts am Schlaf, dem Kraft spendenden, der Dritte wird von einem Zittern an allen Gliedern befallen. Dieses Zittern will ihn seit dem letzten „Pogrom" nicht verlassen. Der Pogrom aber hat zu Siedlce stattgefunden, das „Nach Warsche" gelegen ist. Er selbst stammt aus Kaluszin und ist „Nan und vierzig Jahr' alt", wie er mir in einem Gespräche gesteht. . . . Man möchte ihn für zwanzig Jahre älter halten, so sieht er aus mit seinen eingefallenen Wangen, dem langen, angegrauten Barte, in der hergebrachten Nationaltracht der russisch-polnischen Brüder... Ich unterhalte mich gerne mit diesen frommen, schlichten Leuten, die sich geehrt fühlen, wenn der „Tatsch" sie der Anrede würdigt. Um es kurz zu sagen: alle diese Polen, Galizianer und Russen leiden an der Nervosität, die der Bauer Prießnitz zuerst mit kaltem Wasser und sauerer Milch heilte. Sie fühlten sich alle hier sehr wohl. Mit ihrem Gotte nehmen sie in ihrer Art Rücksprache, sie können hier nach Chassidim-Art beten — und essen. Denn sie haben ihren eigenen Schochet. . . Und nun wandeln sie alle ihrem Speisehause zu, in dem jetzt freilich nicht gespeist, sondern die „Aichoth" rezitiert werden sollen. Innerhalb dieser herrlichen Gebirgswelt, welche das Leben verkündet. die Menschen zur Erfrischung und Erholung einlädt, zwischen Tannen und Fichten, die süße Gerüche verbreiten,