Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 574 Wr. Lioev s Mscdenscbrttt. 3lx. 32 und Talmud im Originale im Gespräche anzuführen und gelegentlich jüdische Bonmots zum besten zu geben. Dies die kurze Skizze des Mannes, den auch das Vertrauen der jüdischen Gemeinde an ihre Spitze gestellt hatte. Nachdem die Herren sich begrüßt hatten, führte Doktor Schwarz den Gast in sein Arbeitszimmer. Mutter und Tochter blieben allein. „Nun, Risa, wie gesollt Dir der Mann?" „Und Dir Mama?" war statt einer Antwort die Gegenfrage. „Mir gefallt er, er hat Manier und weiß so schön zu erzählen." „Nun. liebe Mama! ich bin ganz entgegengesetzter Ansicht. Was seine Manieren betrifft, so halte ich dafür, daß cs dem Stande eines Rabbiners durchaus nicht entspricht, einer noch so jungen und schönen Frau, wie Du bist, liebe Mama! die Hand zu küssen." „Schön und jung bin ich nur in Deinen Augen I" „Laß das. Mama, daß weiß ich besser. Und was seine Erzählung betrifft, so mußte ich unwillkürlich darüber lächeln, wie dieser Mann seine alten Wunden bloßlegt, um durch das erweckte Mitleids den Weg zum weichen, gefühlvollen Herzen von Mutter und Tochter zu finden, damit sic mächtige Fürsprecher für ihn beim Präses seien, sowie der Bettler seinen Haudstumpf zeigt, um das Erbarmen der Vorübergehenden zu erregen und ein reiches Almosen zu erhalten. Ein echter Mann zeigt die Narben nicht, die er vom Kampfe davongetragen." „Und hast Du nicht gesehen, wie er Limonade getrunken und Obst gegeffen hat, ohne den Kopf zu bedecken?" „Du urteilst zu streng, mein Kind! Uebrigens ist Dein Urteil ein befangenes, kein unparteiisches. Du siehst in Doktor Seemann nur den Rivalen, den vielleicht glücklicheren Mitbewerber des Mannes, den Du Dir .n den Kopf gesetzt und den Du Dir aus dem Kopf schlagen mußt, denn Du weißt es sehr gut, daß daraus nichts werden kann. Der Papa wird seine Einwilligung zur Verbindung mit Gustav Weber aus verschiedenen Gründen nicht geben." „Nein, Mama, ich habe mir Gustav nicht in den Kopf gesetzt, ich habe ihn ins Herz geschloffen und aus dem Herzen reißen kann ich ihn nicht." (Fortsetzung folgt.) ptarubt*. Dr. G. Wolf's „Geschichte Israels" für die israelitische Jugend. Nach dem Tode des Verfassers neu herausgegcben von Dr. H. P o l l a k, k. k. Profeffor. 5. Heft, 11. verbefferte Auflage, Wien 1908. (Alfred Holder.) Die Geschichte Israels ist eigentlich die Geschichte der Gedanken- und Gewiffensfreiheit. Alle Kämpfe für die Güter der Menschheit finden in ihr ein Spiegelbild. Das Leid der Welt ist auch Israels Leid, ihre Freude auch seine Freude. Wenn „das Herz der Menschheit", wie es unser tragischer Sänger Jchuda Halevi Israel nennt, wenn es in schmerzlichen Zuckungen vibriert, dann leibet auch der ganze gesellschaftliche Organismus; leuchtend aber erstrahlen die Blätter der Geschichte Israels, wenn die Sonne allgemeiner Menschenliebe ihren Schimmer über die Völker breitet. Auf dieser Tatsache beruht das so Tragische an der Geschichte Israels, aber zugleich auch das Trostreiche desselben. Bezeichnend ist jenes geschichtliche Zeitalter, welches so viel des Leides über Judas Haupt gebracht, dessen traurige Wirkungen aber unsere Geschichte drei ihrer bedeutsamsten LÄrellenwerke verdankt: das Zeitalter der spanischen Inquisition. Fast m demselben Augenblicke, als Joseph Cohen die erschütternden Bilder derselben in seinem „Thal der Traunen" entrollt und Jbn Verga seinen „Wanderstab Jehudas" schrieb, erschloß Samuel Usque in seinen „Tröstungen" einen Quell lindernden Balsams, der in Israels Herz Heilung träufelte. Drnn die Ueberzeugung von göttlicher Liebe und Gerechtigkeit, für welche Israel seinen Wanderstab ergriff und so zahllose Tränen vergoß, sie. war es, die ihm stets zum Trost gereichte. Diese harmonische Verbindung der harten Prüfung mit jenen Gütern, um derentwillen sie ihm auferlegt wird, hielten alle Geschichtsschreiber des Judentums von Flavms bis auf Grätz in ihrer Darstellung inne. Und diese Methode ist besonders für die Lehrbücher unserer Geschichte unerläßlich. Unsere studierende Jugend soll an der Duldergrätze ihrer Ahnen nicht nur lernen, wie, sondern auch wofür sie gelitten haben. So empfehlenswert auch die jüdische Marthriologie in unserem Geschichtsunterricht sein mag, sie allein genügt nicht, sie reicht nur hin für die rege Phantasie der Jüngling«', als Männer aber wollen sie einst auch die Geistesstärke kennen, die solcher Heldenhaftigkeit wert und würdig war. Was einst im Namen einer Religion geübt wurde, bestätigt ihnen das bittere Urteil des Lucrelius: ■Tantum religio potuit suadere malorum; aber sie sollen gerade dadurch für ihre Religion begeistert werden; zeigen muß man ibnen die Schönheiten des Glaubens, für welche ihre Ahnen zu sterben wußten, damit ihre Enkel für ihn leben können, damit sie, um ein Wort Joels anzuwenden, erkennen, daß sie nicht nur frei geworden von etwas, sondern auch für etwas. Diesen Bedingungen ist das Lehrbuch der Geschichte Israels vom seligen Professor G. Wolf durch seine Rücksichtnahme auf die besagten beiden Momente in allen seinen Teilen gerecht worden. Der vorliegende fünfte Teil weist überdies durch die pietätvolle Bearbeitung seitens des als Pädagogen so bewährten Dr. P o l l a k die genannten Voraussetzungen in erhöhtem Maße auf. Namentlich erscheint das Bestreben durchgeführt, die wissenschaftlichen Lichtpunkte in der durch die Schatten des Schicksals verdunkelten Geschichte Israels hervorzukehren. Besonders methodisch aufgebaut ist das Lebensbild M a i m o n i d e s S. 20 f. wie das Mendelssoh n'sche Wirken S. 53 f. Freilich wäre eine namentliche Anführung, beziehungsweise Anführung von Forschern wie Albert Munk, Jellinek, Joel gelegentlich der Behandlung des More, des Sohar und der Or adonaj am Platze gewesen. Sympathisch berührt die Darstellung des Streites um die Philosophie unter Ben Ad ereth als einen dem Letzteren „aufgezwungen". S. 25. Waren doch in der Tat Angriffe auf das Judentum stets fremdartige Begriffe und ein Syllabus etwa gegen die Ausübung der freien Forschung müßte erst von außen her ihm aufgedrängt werden, worauf es aber bald wieder ihn aus jenem Organismus als schädlichen Fremdkörper aussondern würde. Nicht unangezeigt wäre es gewesen, in dem Buche nicht nur die jüdische Poesie, sondern auch die Welt- und Lelensanschauung unserer großen Denker durch einige, wenn auch knappe Proben zu veranschaulichen. Wie würde es zum Beispiel den Schüler interessieren, zu erfahren (um nur unsere größten Heros anzuführen), wie artig ein M a i m u n i sich wörtlich über das Verhältnis des menschlichen Subjektes zur Allmacht (More Nebuchim I, 52) oder über die Kosmologie (das. II, 11) oder endlich über die Albernheit des Aberglaubens (das. I, 61) ausspricht. In rein formeller Hinsicht wird der Leser, dem die Wölfischen Lehrbücher als treue Freunde lieb geworden, die historische „Uebersicht", die ihn noch im unveränderten Abdruck vom Jahre 1905 (als Anhang) orientierte, nur ungern vermissen. Auch in der vorliegenden Auflage stellt sich das Werk als ein „kurzer Abriß der Geschichte der Juden seit der Zerstörung des zweiten Tempels bis auf die neueste Zeit ' dar. Es bietet solcherart dem mündlichen Vortrag reichliche Gelegenheit. Auf diesen legt ja die hohe Unterrichtsbehörde besonderes Gewicht. Der starre Buchstabe lähmt, das begeisterte Wort wirkt begeisternd; es hält so den Kontakt zwischen Schüler und Lehrer aufrecht. Nur ein zündender Unterricht in der an Charakte: große, Seelenadel und Heldentum so erlebenden „Geschichte Israels^ wird den in unserer Jpgend schlummernden Funken zur lodernden Begeisterung einfachen und auf diese Weise durch das Herz der Jugend auch das der Eltern gewinnen. Nach dieser Richtung wird das W o l f-P o l l a fische Lehrbuch auch in seiner neuen Gestalt vortreffliche Dienste leisten. N e u t i t s ch e i n, im Juli 1908. Dr. Simon Mandl. Kriefkasterr. „Schachliebhaber". Der K.nnpf beginiit am 17. August in Düsseldorf und wird dann in München fortgesetzt und beendet werden. Die deutschen Schachkreise haben einen Fonds von beinahe 15.000 Mark für die Veranstaltung des Matches zusammengebracht; davon sind in München allein 6000 gezeichnet worden, in Berlin dagegen — 400. Das Turnier ist ein Kampf aller gegen alle: Jeder Teilnehmer spielt mit jedem anderen eine Partie. Die gewonnene Partie zählt 4- 1, die unentschiedene -sdie verlorene 0. Am Schluß des Turniers werden dann bei einem jeden die Zähler addiert und die Preise in entsprechender Reihenfolge verteilt. Der Match hingegen stellt einen Einzelwettkampf dar, der unter vorher genau vereinbarten Bedingungen zwischen zwei Spielern zum Austrag kommt. Die Frage, wer der stärkste Spieler der Welt sei, wäre nunmehr sehr schwierig zu beantworten gewesen, wenn nicht zwei Meister, W. Steinitz und I. H. Zuckertort, aufgetaucht wären, die sowohl in Matchen wie in Turnieren allen anderen gegenüber eine eklatante Ueberlegenheit an den Tag legten. Mit Recht konnte daher Steinitz, als er im Jahre 1886 von Zuckertort zum Wettkampf herausgefordert wurde, erklären: Dieser Match geht um die Meisterschaft der Welt. Steinitz siegte und erwarb hiemit den Titel, den er selbst geschaffen hatte und den er dann wiederholt gegen Tschigorin und Gunsbeig erfolgreich verteidigte, bis er endlich im Jahre 1894 das heißumstrittene Schachszepter an den jugendlichen Emanuel Lasker abtreten mußte. Lasker hat seitdem dank einer Reihe bewunderungswürdiger Leistungen, die im wesentlichen auf dem Gebiete des Turnierspiels liegen, seine Position in der Schachwelt noch bedeutend verstärkt. Sein Gegner Tarrasch kann seinerseits auf eine sünfundzwanzigjährige ruhmvolle Schachvergangen-