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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-08-07 · 32 (7.8.1908) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
32 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 33 Dr. Llocb s Mocdenscbrtrr. Sette 573 Die Leute liefen aus den Geschäften, um dem Mann nachzuschauen, und die stabilen Müsfiggcher, die in Gruppen auf der Gaffe herumlungern, sprachen schon ihr Urteil über ihn. „Auf Ehre, ein schöner Mensch", sagte der Hausierer Chajim Gelb. „Hast epes Schöns!" replizierte ein anderer. „Was is Schöns an ihm? Efscher (vielleicht) die langen Haar? Er sieht aus wie ein Schauspieler, aber nicht wie ein Row." „Und Wie stolz er geht!" bemerkte ein Dritter, „mit dem Kopf herauf, wie ein Sterngucker. Auf uns hat er sich gar nicht umgesehen, als wären wir Luft." „Sagts, was Ihr wollt, ein „Kenner" muß der sein, das sieht man ihm an." In solchen Reden gab sich der erste Eindruck kund, den die äußere Erscheinung des Dr. Seemann auf das „Volk" machte. Der Präses, Dr. B6la Schwarz, ein vielbeschäftigter Advokat, wohnte etwas abseits von dem Hauptplatz im eigenen Hause, das mehr einer Villa glich. Das Wohnhaus, ein Hochparterrebau, stand mitten in einem herrlichen Park. Voran schattenspendende Kastanienbäume und rückwärts ein großer, wohlgepflegter Blumen- und Obstgarten, dessen jetzt reifende Früchte gar einladend winkten. Die breiten, mit feinem Kies bedeckten Wege zeigten, daß man mit dem Raum nicht gespart hatte. Eine geräumige, von Weinreben umrankte Laube, mit geflochtenen Gartenmöbeln versehen, bot genügenden Schutz gegen die glühenden Sonnenstrahlen. Das ganze Haus zeugte von feinem Geschmack seiner Bewohner. Dr. Schwarz hatte sich hier ein trauliches Heim geschaffen. Dr. Seemann trat in die Wohnung, wo ihn ein junges, etwa 19 jähriges Mädchen, in einfachem aber geschmackvollem Hauskleide empfing. Auf seine Frage nach dem Herrn Präses antwortete das Mädchen: „Der Papa ist gegenwärtig nicht zuhause, dürfte aber bald kommen. Ich will Herrn Doktor zur Mama führen, die im Garten ist, und es dürfte Ihnen allenfalls auch angenehmer sein, bei dieser drückenden Schwüle ein schattiges Plätzchen zu finden." „Ich nehme Ihren Vorschlag, geehrtes Fräulein, mit Vergnügen an und — setzte er, sich verbeugend, galant hinzu — ich will hoffen, daß auch Sie gegen die Hitze dort Schutz suchen werden." Das Mädchen ging voran und Dr. Seemann betrat die Laube, in welcher die Hausfrau mit einer Handarbeit beschäftigt war. Beim Eintritt des Gastes erhob sich dieselbe, eine imposante, stattliche Erscheinung, eine noch jugendliche, schöne Frau, deren Gesichtsausdruck von hoher Intelligenz zeugte. Mutter und Tochter sahen einander frappant ähnlich, dieselbe hohe Gestalt, dieselben schwarzen klugen Augen, dasselbe freundliche Lächeln. Fräulein Schwarz stellte den Gast vor, der der Hausftau die Hand küßte und um Entschuldigung für die Störung bat. „Bitte Platz zu nehmen; Sie müssen sich eben, bis mein Mann kommt, mit unserer Gesellschaft begnügen." „Die Zeit des Wartens kann ich wohl nicht angenehmer verbringen", entgegnete Seemann. Sind Sie bereits im Amte, Herr Doktor?" fragte die Hausfrau. „Nein, das wäre mein erster Posten, wenn ich das Glück hätte, gewählt zu werden. Ich habe vor zwei Jahren schon meine Studien am Seminar und an der Universität vollendet; war aber aus Mangel einer Rabbinerstelle gezwungen, einen Erzieherposten anzunehmen, um mich zu erhalten." „Diese Laufbahn ist wahrlich eine sehr schwierige, wenig lohnende", bemerkte die Hausfrau. „Man muß recht viel Idealismus haben, um diese Karriere zu wählen." „Sie haben wahrlich recht, gnädige Frau! Aber bei mir war es mehr kindliche Liebe, welche mich diese Laufbahn wählen ließ, oder vielmehr auf dieselbe mich drängte." „Kindliche Liebe?" „Jawohl, gnädige Fron! Ich bin ein Kind armer Eltern mein Vater war ein frommer Talmudgelehrter, der eine kleine Greißlerei hatte, die aber meine Mutter führte. Der Vater saß und lernte Tag und Nacht. In früher Kindheit schon verlor ich ihn und die Mutter, eine überaus fromme Frau, die Tochter eines Rabbiners, hatte keinen sehnlicheren Wunsch, als daß ich, ihr einziger Sohn, das werde, was mein Vater und Großvater gewesen, ein echter und rechter Talmudgelehrter." „Unter den schwierigsten Verhältniffen, um den Preis unsäglicher Entbehrungen, die sie sich auferlegte, zahlte sie einen Lehrer, der mir im Talmud Unterricht erteilte, und nachdem ich zuhause das Untergymnafium absolvierte und mir einige Kenntniffe im Talmud erworben hatte, trat ich ins Rabbinerseminar ein. „Meine Mutter wünschte zwar, daß ich in die Talmudschule nach Preßburg gehen möge, wo Vater und Großvater ihre Kenntnisse und ihre Frömmigkeit sich erworben; aber ich hatte schon so viel selbständiges Urteil, um einzusehen, daß diese Schule mit ihrer Asketik und ihrer strengen Exklusivität meinen Neigungen und Ueberzeugungen widerspricht." „Ich ging also in die Großstadt. Ich bestand am Seminar schlecht und recht meine Aufnahmsprüfung; aber nun kamen die langen, bangen Hungerjahre. Von der Mutter konnte ich keine Unterstützung erwarten, hätte sie auch nicht angenommen, denn sie mußte das kleine Geschäft aufgeben, eigentlich gab daS Geschäft sie auf und sie lebte nur von dem armseligen Erwerb, den die Schwester mit ihrer Handarbeit zuwege brachte. Als fünfzehnjähriges Kind in das Gewühl der Großstadt hineingeschleudert, ohne Freund und Annehmer, so ganz auf mich, meine schwache Kraft angewiesen, so allein und vereinsamt, überkam mich das niederdrückende Gefühl der Berlaffenheit und Bangigkeit; aber der starke Wille, der guten Mutter zuliebe das mir vorgesteckte, wenn auch noch so ferne Ziel zu erreichen, war mein fester Halt; aber es war ein wahrhaftes Märtyrertum, das ich in den ersten zwei Jahren, bis ich einige Bekanntschaft und zwei Unterrichtsstunden erhielt, durchzumachen hatte. Den kleinen Monatsbeitrag, den ich von der Anstalt als Unterstützung erhielt, verwendete ich zum Mietzins für ein armseliges Dachzimmer, das ich mit zwei anderen Schul- und Leidensgenoffen teilte. Auf Heizmaterial hatte keiner von uns und wir studierten im Winter mit vor Frost erstarrten Gliedern. In 24 Stunden aß ich einmal, und zwar mittags in der Volksküche, für die ich Freikarten erhielt. Die Frau hörte mit sichtbarer Teilnahme die Leidensgeschichte des jungen Mannes; auf die Tochter aber machte dieselbe gar keinen Eindruck, ja manchmal huschte ein flüchtiges malitiöses Lächeln über ihr ausdrucksvolles Gesicht, was umso auffallender ist, als sonst junge Mädchen für dergleichen rührende Erzählungen sehr empfänglich find. Als Dr. Seemann in seiner Erzählung innehielt, sagte die Hausftau zur Tochter: „Risa, laß einmal etwas Erfrischendes bringen!" Und das Stubenmädchen brachte Limonade und Obst. Dr. Seemann aß und trank. Während dieser Zeit kam Dr. Schwarz nach Hause und ging, von der Dienerschaft benachrichtet, daß ein Gast bei der gnädigen Frau im Garten sei, direü in das Gartenhaus. Dr. Schwarz war ein mittelgroßer, etwas beleibter Mann im Alter von fünfzig Jahren. Auf seinem Gesichte prägten sich Gutmütigkeit und Bonhomie aus, aber ein stark entwickeltes Kinn zeugte von Energie und Willenskraft. Er war Bochur (Talmudjünger) in Preßburg gewesen und hat dort im Geheimen die Lehrgegenstände des Uutergymnafiums sich angeeignet, wurde aber, als es verraten worden, aus der Jeschiba (Talmudschule) ausgewiesen. Er trat dann in das Rabbinerseminar ein, das er aber nach abgelegter Matura verließ, um Jus zu studieren. Er kam nach P. und ward der meistbeschäftigte Advokat, der in allen Kreisen großer Beliebtheit sich erfteute und ein solch hohes Ansehen genoß, daß er einstimmig zum Komitatsanwalt gewählt wurde,- der einzige Jude unter den so vielen Komitatsbeamten; aber der Bochur steckte noch immer in ihm. Er liebte es, Stellen aus Bibel r; i i . f | t

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