Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 572 Dr. Lwcv's Mocdenscbrm. Nr. 32 slowakischen Bauern teilte, daß der Branntwein im Winter wärmt und im Sommer kühlt, gemütlich schlummerte und auf die Leitung der Pferde verzichtete, bis endlich den Reisenden, der im Wagen saß, die Geduld verließ und er mit einem kräftigen Zuruf den Kutscher aus seinem süßen Schlummer weckte, der den übrigens erfolglosen Versuch machte, die Pferde zu einem rascheren Tempo zu bewegen. Die Pferde und der Kutscher kannten einander gut; die Pferde wußten, daß ihrHerr es nicht gar so ernst meine. Sehen wir uns nun den Reifenden näher an! Derselbe war ein etwa dreißigjähriger junger Mann mit langem, schwarzen, hinter die Ohren gekämmten Haar und wohlgepflegtem Bart. Das Gesicht hatte jene blasse Farbe, welche man interessant nennt, die schwarzen, großen Augen blickten durch Augengläser offen in die Welt. Er trug einen tadellosen schwarzen Salonanzug, eine weiße Binde und einen glänzenden Zylinder, kurz, er sah aus wie ein Heiratskandidat, der zur Brautschau fährt, oder — wie ein Rabbinatsaspirant, der zur Probepredigt berufen wurde. Das letztere war in der Tat der Fall. Das Rabbinat in P. war seit einem Jahre erledigt. Der alte Rabbiner, der vierzig Jahre dort gewirkt hatte, war mit Tode abgegangen und die Gemeinde hatte zur Neubesetzung des Postens einen Konkurs ausgeschrieben. Gehalt 2000 Kronen, Naturalwohuung und die üblichen Emolumente. Zahl der Familienmitglieder ist anzugeben. Eine Unzahl von Offerten lief ein und unter den Reflektanten wurden drei zur Probepredigt zu Berufende ausgewählt. Der erste der Berufenen war unser Reisender, dem die Gemeinde einen Wagen zur Bahnstation entgegengeschickt hatte. Würde der Kandidat die mehr oder minder fortschrittliche Richtung der Gemeinde nach diesem ihm entgegengeschickten antidiluvauischen Wagen und seinem Gespann beurteilen, er müßte sie wirklich für sehr konservativ halten; denn es wollte gar nicht vorwärtsgchen. Der Kandidat hatte nun Gelegenheit, sich für seinen künftigen Beruf vorzubereiten, das heißt: in der für den Rabbiner so nötigen Geduld sich zu üben; aber er hatte diese Tugend noch nicht sich angeeignet, zudem hatte er Eile. Es war Donnerstag Nachmittag, er wollte noch heute dem Präses sich vorstellen, einige Vorstandsmitglieder besuchen und das geht doch spät Abends nicht an. „@ie, Fuhrmann," schrie er den Roffelenker an, „sagen Sie mir, gibt es denn in P. kein anderes Fuhrwerk, daß der Vorstand mir gerade diesen alten, wackligen Wagen mit solch lendenlahmen Pferden zur Verfügung gestellt hat?" Der Fuhrmann, in seiner Standesehre gekränkt, replizierte in eben nicht schr devoter Weise: „Vor allem, Herr Doktor, heiße ich nicht Fuhrmann, sondern Großmann und bin steuerzahlendes, stimmberechtigtes Mitglied der Gemeinde (will sagen: dein Schicksal hängt auch von mir ab). Das hätte dem Vorsteher gefehlt, daß er einen anderen anstatt meiner genommen hätte!" „Was den Wagen betrifft, so hat noch mein Großvater den atten Rabbiner — im Gan-Eden (Paradies) ruht er — bei seinem Einzug in demselben Wagen geführt und ihm war er gut genug." „O, das war ein Zaddik! Keiner von den „Neumodischen," und dabei warf er einen hämischen Blick auf seinen Fahrgast. Zudem soll dieses „Kulturbild der Gegenwart“ eine Ergänzung meiner „Jüdischen Kulturbilder aus dem Gemeindeleben der Vergangenheit“ sein, in welchen ich manche hervorragende Persönlichkeit des 18. und 19. Jahrhunderts, welche leuchtende Spuren ihres Wandeins durch die Geschichte der Zeiten zurückgelassen, gezeichnet habe. Von solchen Heroen des Geistes habe ich manche Gedankensplitter aufgezeichnet, die ich der Mitteilung und Festhaltung würdig fand; denn es ist eine unbestreitbare Wahrheit, was die „Alten“ sagen, dass auch die „weltlichen“ Aussprüche der Weisen zum Nachdenken anregen und belehrend wirken, sowie auch ftingftlnft ihrer Charakterzüge nicht nur ihr Wesen zeichnen, sondern zugleich ein Kulturbild ihrer Zeit bieten. Der Verfasser. „Er hat weder ein ungarisches noch ein deutsches Wort gesprochen, alles nur jüdisch, sein Gewand war keine zwei Groschen wert, er kümmerte sich um gar nichts in der Gemeinde und hat immer nur gelernt. Er hat nur zweimal im Jahre „gedarschent" (gepredigt), aber dann hat es ausgegeben. Er hat drei Stunden gesprochen, ohne „stecken" zu bleiben. Da hat er gezeigt, was er kann. Die Leute haben ihn zwar nicht verstanden, aber das kümmerte ihn nicht. Sie gingen hinaus, kamen herein, aber das störte ihn nicht, er hat immer weiter „gesagt". Und wie hat er die Leute heruntergerissen! Einmal war ein reicher Mann Freitag abends spät von der Reise nachhause gekommen und der Rabbiner hat es ihm nicht geschenkt. Er scheute sich nicht, ihn in der Drösche (Predigt) öffentlich zu nennen, und zwar in seiner Gegenwart, und sagte: „Ich bin gewiß, daß dieser „Posche Jißroel" (Gesetzesübertreter) dieses Jahr nicht ausleben werde." Der Mann, auf den alle Blicke gerichtet waren, ließ sich von seinem Zorn hinreißen und unterbrach den Rabbiner, und sagte: Der Rebbe sagt, ich werde das Jahr nicht ausleben. Das kann sein. Sind wir doch alle sterbliche Menschen; aber wenn der Rebbe etwas zu tun imstande ist, so soll der Rebbe das Wunder an mir beweisen, daß aus mir gleich jetzt ein „janischer Huhn" (Indian, Truthahn) werde; aber sofort.*) „Nun, was tut Gott? Der Mann starb wirklich, zwar erst zehn Jahre später" — und dabei glitt ein leises Lächeln über sein pfiffiges Gesicht — aber gestorben ist er doch. Ja, das war ein Zaddik; einen solchen bekommen wir nicht mehr." Spruchs und würdigte den „Neumodischen", der ihn so tief verletzt hatte, keines Blickes mehr. Endlich kamen fie in das Weichbild der Stadt. Jeder kannte das Gefährte und jeder wußte, was er bringt und mit selbstverständlicher Neugierde lugte jeder in den Wagen hinein, der vor dem „jüdischen" Gasthause hielt. Dort wartete schon der Schames (Gemeindediener), der den „Herrn Doktor" in gebührender Weise begrüßte, sich ihm als Wolf Singer, seit 30 Jahren Gemeindediener hier, vorstellte, den Kandidaten in das für denselben aufgenommene Zimmer führte und sich ihm im Aufträge des Vorstandes zur Verfügung stellte. So ein Schames ist eine gar wichtige Persönlichkeit in der Gemeinde. Er ist die lebendige Chronik derselben; er weiß alles, was in der Gemeinde vorgeht, er kennt jeden Einzelnen, seine Abstammung, seine Vergangenheit, seine Vorzüge und Fehler, seine Vermögensverhältniffe und Kreditfähigkeit; er, der bei allen Familienereignissen, als: Trauungen, Beschneidungen und Todesfälle, infolge seines Dienstes in allen Häusern Zutritt hat, kennt genau die Verhältnisse jedes einzelnen Hauses, vor ihm gibt es kein Geheimnis; er wäre daher die geeignetste Person, Herrn Dr. Seemann, das war der Name des Kandidaten, Auskunft über die Gemeinde und deren Mitglieder zu geben; aber Wolf Singer wäre dem Dr. Seemann keineswegs Redegestanden, wenn er ihn auch gefragt hätte, denn dieser hatte es im ersten Momente mit ihm gründlich verdorben. Er, der in den alten Traditionen ausgewachsen war und in dem Rabbiner den Träger der Religion mit allen ihren Observanzen und ihren alten Bräuchen zu sehen gewohnt war, sah mit Befremden, daß Dr. Seemann, ins Zimmer getreten, den Hut abnahm und die ganze Zeit hindurch, die er dort weilte, barhaupt blieb und auch ihn, den alten Mann, unbedeckten Hauptes vor sich stehen gelassen hat, ohne ihm die Erlaubnis zu geben, den Hut aufzusetzen. Nachdem Dr. Seemann die Kleider vom Staube gründlich reinigen ließ und sorgfältig Toilette gemacht hatte, trat er, von Wolf Singer geleitet, den Gang zum Gemeindepräses an. *) So geschehen in N. S. im Jahre 1857.