Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-08-07 · 32 (7.8.1908) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
32 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021797--17558-3042439
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 32 zvr. Llocb's Mocdenscdrtn. Sette 565 Leider begegnete er dem hartnäckigen Widerstande gewisser finanziell mächtiger Institute, die mit den nationalen Organisationen der Judenheit auf keinem Gebiete eine Verbindung eingehen zu wollen erklärten. Vor Kurzem aber haben sie, durch die zugunsten des besagten Projektes immer zunehmende Stimmung gedrängt, ihre Stellungnahme geändert, indem sie die Gründung eines „Internationalen jüdischen Komitees" beschlossen haben. Erfährt man aber, wie sich dieses Komitee konstituiert und welchen Charakter es hat, so sieht man bald ein, daß mit dieser partiellen Koalition nur der Zweck verfolgt werden kann, der so sehr befürchteten Realisierung des geplanten Zusammenschlusses der jüdischen Organisationen durch eine Pseudovereinigung rechtzeitig vorzubeugen. So werden aus dem „Komitee" sämtliche nationale Organisationen ausgeschlossen (dagegen hat die Alliance eine doppelte Vertretung; Paris und Berlin je 2 Delegierte). Der der geplanten Vereinigung zugrunde liegende Gedanke wurde ferner durch den Beschluß illusorisch gemacht, wonach ihr jeder Inhalt einer Betätigung versagt bleibt, so lange keine außergewöhnlichen Katastrophen in der jüdischen Welt sich ereignen. Dieses so geartete „Internationale jüdische Komitee" bedeutet daher: a) eine Ignorierung und mithin eine Schwächung der nationalen Organisationen der Judenheit; b) eine Fiktion des jahrelang geplanten Verbandes, die sich unrechtmäßig den irritierenden Namen beilegte und den falschen Glauben zu erwecken geeignet ist, als sei sie eine Vertretung der jüdischen Organisationen. Als einer der Mitarbeiter an den Projekt einer „Vereinigung der jüdischen Organisationen" erlaube ich mir, die jüdische Oeffentlichkeit auf die Illegitimität des unter Ausschluß der nationalen Organisationen der Judenheit begründeten sogenannten „Internationalen jüdischen Komitees" aufmerksam zu machen und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß die jüdisch-nationalen Körperschaften gegen die ihnen zugefügte Beleidigung gebührenden Protest erheben mögen. Ferner erlaube ich mir, im Namen mehrerer Förderer des Zentralisationsprojektes die Erklärung abzugeben, daß wir auch fortan bestrebt find, eine berufene Vereinigung der jüdischen Organisationen zu schaffen. Folgende Thesen mögen hier zur Diskussion gestellt werden: 1. Ueber die mannigfachen Divergenzen hinaus haben die philanthropischen und politischen Organisationen der Judenheit auf vielen Gebieten international-jüdischer Interessen bestimmte und bestimmbare Verbindungspunkte. Diese Verbindungspunkte sollen die Basis für einen Verband der jüdischen Organisationen bilden. 2. Die Zerstreuung der Juden in allen Weltteilen befindet sich in einem verhängnisvollen Widerspruche zur Jntereffeneinheit der Gesamtjudenheit. Der Zerstreuung soll ein Gegengewicht — so lange uns eine andere adäquate Form versagt bleibt — in der Form einer Konzentration der repräsentativen Körperschaften des jüdischen Volkes geschaffen werden. 3. Die Notwendigkeit einer solchen Vereinigung tritt besonders augenscheinlich in Momenten folgenschwerer Katastrophen hervor, wie sie oft die östlichen Juden heimzusuchen pflegen. Die letzten Pogromjahre haben uns gezeigt: a) Der Mangel an einer Zentralisation des Hilfswerkes verursacht Mißtrauen und Verwirrung in Bezug auf Geldsammlung und Geldverteilung; (Man denke z. B. an die Zersplitterung der sogenannten Selbstschutz-Hilfskassen, die gegenseitige Verdächtigungen und eine die Hilfsarbeit stark beeinträchtigende Verstimmung der Spender zur Folge hatte; auch mag hier erwähnt werden, daß manche Gruppen, da es keine kontrollierende und verantwortliche Instanz gab, unter dem Deckmantel des Selbstschutzes für andere Zwecke mehrfach Geldsammlungen veranstalten durften.) d) eine gemeinsame Arbeit der Organisationen erhöht sowohl den materiellen als moralischen Wert der Hilfeleistung;. c) ein gemeinsames Vorgehen der jüdischen Organisationen vermag auch vorbeugend zu wirken. Indessen darf die Existenzberechtigung des besagten Verbandes nicht von der Eintrittsmöglichkeit solcher Katastrophen hergeleitet oder abhängig gemacht werden; ebensowenig dürfen sie seinen Charakter bestimmen, geschweige seinen Inhalt erschöpfen. Dieser Verband soll eine permanente Institution sein, die ihr Wirkungsterrain nach Möglichkeit und Notwendigkeit zu erweitern hat. Ihr Gesichtspunkt ist mithin: Das Maximum einer erreichbaren Verständigung unter den jüdischen Organisationen auf all den Gebieten, wo eine gemeinsame Arbeit der verschiedenen Körperschaften möglich und zweckmäßig ist. 4. Die gefährdeten Interessen der Judenheit, die materiellen und moralischen machen eine Vertretung der Juden nach Außen hin erforderlich. Es ist dies auch ein moralisches Postulat, welches dem Bedürfnisse entspricht, das Ansehen der jüdischen Gesamtheit als solcher würdig zu wahren. (In vielen Kreisen begegnet man der Ansicht, die „Alliance Jsraelite Universelle" hätte, indem sie als eine Repräsentanz der Judenheit auftrat und den Glauben an einen jüdischen Universalbund erweckte, dem Antisemitismus Nahrung zugeführt und somit schädlich gewirkt. Diese Ansicht kann nur auf mangelhaftem Sinn für Volkswürde und irriger Auffassung der jüdischen Volksinteressen beruhen. Es gehört vielmehr zu den großen Verdiensten der Alliance, das Ansehen der Gesamtjudenheit in den Augen der Völker und Mächte durch ihren stolz klingenden Namen erhöht zu haben; die wiederholten erbitterten Ausfälle des Antisemitismus gegen die Alliance legen gerade ein beredtes Zeugnis davon ab. Leider aber fehlt diesem herrlichen Namen der entsprechende Inhalt. Die Alliance hat daher den Nachteil einer fingierten Repräsentanz der Juden, wenn sie auch schon als Fiktion einen nicht zu unterschätzenden moralischen Wert hat.) 5. Als Repräsentanz der Juden nach außen hin muß der Verband bestrebt sein, sich das Vertrauen des Volkes zu sichern. Es soll daher dem Gesichtspunkte der Popularitäten Rechnung getragen werden. 6. Religiöse und kulturelle Fragen find ihrem Charakter nach nicht geeignet, eine gemeinsame Platform für alle Organisationen zu bilden; sie find daher aus dem Programm des Verbandes ausgeschlossen. 7. Die Kompetenz des Verbandes darf nicht die Kompetenz der Einzelorganisationen einschränken. Jede Einzelorganisation bleibt in ihrer lokalen Autonomie unversehrt. Berlin, Ende Juli 1908. Dr. Jakob Klatzkin. Vom AabrMarlrt des Lebens. Die Jungtürken und die Juden. Die Vorgänge in der Türkei find auch für die Juden von besonderem Interesse, nicht nur deshalb, weil Palästina eine Provinz des Sultans ist. Es ist für die Juden, wie für jeden Kulturmenschen von Wichtigkeit, daß sein Verhältnis zu dem Staate, dessen Bürger er ist, nicht ausschließlich von der Laune und dem Wohlwollen eines autokratischen Herrschers, sondern von unverbrüchlichen Gesetzen abhängig sei,, die in der vom Herrscher beeideten Verfassung niedergelegt find. Die Juden haben daher ohne Unterschied ihrer Parteistellung sicherlich ein Interesse daran, daß die Zahl autokratisch regierter Staaten geringer werde, weil dann vielleicht doch auch die Fesseln fallen werden, welche unsere Brüder in Rußland und Rumänien noch zu schleppen haben. Von diesem Gesichtspunkte aus muß auch die an sich interessante Tatsache vermerkt werden, daß die „Deklaration der oppositionellen Parteien" in der Türkei auch von „Einem jüdischen Komitee" unterzeichnet war. Laut einer Information

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.